Immer mehr Kinder mit körperlicher und geistiger Behinderung werden an regulären Schulen unterrichtet. Doch diese schulische Inklusion gibt es nicht zum Nulltarif. Foto: dpa

Der Behindertenbeauftragte Walter Tattermusch hört auf, Simone Fischer übernimmt. Was sind die größten Probleme für Menschen mit Behinderung in Stuttgart? Da werden beide konkret – und Simone Fischer berichtet auch über eigene Diskriminierungserfahrungen.

Stuttgart - Zum Jahresende gibt Walter Tattermusch sein Ehrenamt als Behindertenbeauftragter der Stadt Stuttgart auf. Seine Nachfolgerin ist Simone Fischer, die diese Aufgabe schon seit diesem Herbst im Hauptamt versieht. Beide sind sich einig: Es sei schon einiges erreicht. Aber sie benennen auch konkrete Probleme.

Herr Tattermusch, sind Sie froh, dieses anstrengende Ehrenamt hinter sich zu lassen?

Tattermusch: Ich habe diese Arbeit mit Freude gemacht, aber meine Zeit war von vornherein befristet bis zum 31. Dezember 2018. So habe ich mich auch entsprechend eingerichtet. Aber eines habe ich gemerkt: Diese Aufgabe ist im Ehrenamt auf Dauer nicht zu bewältigen.

Wie steht Stuttgart da bei der Integration von Menschen mit Behinderung?

Tattermusch: Das Haushaltspaket Inklusion von Oberbürgermeister Kuhn, das die Fraktionen aufgegriffen haben, sehe ich als großen Erfolg an. Wir sind die einzige Stadt in der Republik, die Verbesserungen für behinderte Menschen so strukturiert umsetzt.

Wann kommt der barrierefreie Stadtführer?

Tattermusch: Die Vergabe ist erfolgt, nun wird es zwölf Monate dauern, bis er fertig ist. Wenn der Führer zur Verfügung steht, werden die behinderten Menschen sehen, wo sie in Stuttgart hinkönnen, zum Beispiel in welche Restaurants. Dann werden sie auch in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen. Das könnte ein Ansporn sein für Geschäfte und Firmen, weil natürlich auch behinderte Menschen Kunden sind.

Sie hatten. wie man hört, immer eine volle Sprechstunde. Mit welchen Anliegen haben die Menschen Sie aufgesucht?

Tattermusch: Es ging um ganz verschiedene Lebenssituationen. Fälle von Diskriminierung kamen nur selten vor, darüber bin ich sehr froh. Bestimmend waren die Themen Mobilität, Arbeit und Wohnen. Da bin ich aber auch an Grenzen gestoßen.

Bei was konnten Sie helfen, bei was nicht?

Tattermusch: Beim Thema Wohnen haben wir von vornherein gesagt: Wir haben keinen Zugriff auf Wohnungen. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden wir Ihnen nicht helfen können. Das Schöne ist aber, dass es trotzdem immer wieder gelungen ist. Es gibt hier Menschen in verantwortlicher Position, die den Behindertenbeauftragten ernst nehmen und unterstützen, zum Beispiel bei der SWSG. Ich erinnere mich an einen Mann, der querschnittsgelähmt aus dem Urlaub zurückkam und nicht mehr in seine Wohnung konnte. Da hat es funktioniert. Aber immer ist es leider nicht gelungen. Auch in Sachen Barrierefreiheit ist noch viel zu tun, die Betroffenheit ist sehr groß.

Können Sie uns auch zum Thema Barrierefreiheit einen Fall schildern?

Tattermusch: Ich denke da an eine Frau, die im Elektrorollstuhl sitzt und in Wangen wohnt. Sie will mit der Bahn zu ihrem neuen Arbeitsplatz nach Feuerbach fahren. Aber an der Haltestelle gibt es einen Höhenunterschied zwischen Bahnsteig und Einstieg, der nicht zu überbrücken ist.

Offiziell ist das ein barrierefreie Haltestelle.

Tattermusch: Ja. Bei der SSB dachte man zuerst, die Frau könne mit ihrem Rollstuhl nicht richtig umgehen. Aber sie ist fit. Wir haben uns das vor Ort angeschaut, der Höhenunterschied ist tatsächlich zu groß. Unser Vorschlag: an den Haltestellen, wo der Abstand zwischen Einstieg und Bahnsteig zu groß ist, sollten Rampen hinkommen. Bei der SSB ist man noch skeptisch, weil man befürchtet, dann stolpern die blinden und sehbehinderten Menschen über die Rampe. Doch in München funktioniert das schon. Die SSB will sich die Rampen jetzt mit uns in München anschauen. Bei den Bushaltestellen kommen wir auch voran, aber das ist noch ein langer Weg. Die große Katastrophe ist ohnehin die S-Bahn. Die Barrieren auf den Bahnsteigen sind zum Teil dramatisch.

Fischer: Wir sollten auch überlegen, wie neue Mobilitätskonzepte für Menschen mit besonderen Anforderungen nutzbar sind. Sharing-Konzepte sind bisher auf den Durchschnittsbürger ausgerichtet. Leihfahrräder sind für den 1,70-Meter-Menschen ausgelegt, mittlerweile können aber auch Rollstuhlfahrer Räder nutzen, sogenannte Handbikes. Von Kinderfahrrädern würden auch Familien profitieren. Leihautos können weder Kleinwüchsige noch Rollstuhlfahrer bisher nutzen.

Sie sind kleinwüchsig. Haben Sie selbst Diskriminierungserfahrungen gemacht?

Fischer: Ja, ich habe in Kindheit und Jugend Ausgrenzung erfahren. Auch heute wird mir mein vermeintliches Anderssein jeden Tag bewusst gemacht. Vor allem, wenn Kinder lachen, mit dem Finger auf mich zeigen oder laut rufen, wie klein ich doch sei. Irritierte Blicke oder übertriebene Fürsorge von Erwachsenen kommen vor. Hohe Ladentheken, Stufen oder Ticketautomaten sind Barrieren für mich. Ich finde es als Beauftragte für Menschen mit Behinderung wichtig, die Unterschiede von Behinderung sichtbar zu machen. Und dass es normal ist, dass es Menschen gibt, die sich in Gebärdensprache unterhalten, mit dem Blindenstock durch die Straße gehen, groß oder klein sind. Darüber muss man nicht irritiert oder erstaunt sein und auch nicht lachen.

Sie sind Ihren Weg sehr zielstrebig gegangen. Was hat Sie so stark gemacht?

Fischer: Ein gutes familiäres Umfeld und Freunde, die mich gestärkt haben. Das Schulamt wollte damals, dass ich in einer Körperbehindertenschule mit Internat eingeschult werde – 90 Kilometer entfernt. Meine Eltern und der Grundschulleiter waren nicht einverstanden. Ich wurde zurückgestellt und ein Jahr später in die örtliche Grundschule eingeschult, was mir die Regellaufbahn ermöglichte. Später offene Vorgesetzte. Ich hatte Glück, diese Offenheit zu erfahren. Es kann aber nicht sein, dass es vom Glück abhängt, welchen Weg man einschlägt. Die Rahmenbedingungen müssen es ermöglichen, dass jeder Mensch seine Kompetenzen einbringen kann.

Sie haben gute Erfahrungen auf der Regelschule gemacht. Heute ist Inklusion in der Schule – auch wegen schlechter Rahmenbedingungen – wieder sehr umstritten.

Fischer: Bei der Inklusion in der Schule haben wir mit den Ressourcen zu kämpfen. Ich finde es erschreckend, dass es bei diesem Thema eine Stagnation oder sogar Rückschritte gibt.

Tattermusch: Das Dilemma ist, dass man Inklusion in der Schule mit den gleichen Ressourcen wie vorher auch hinbekommen will und kein zusätzliches Personal zur Verfügung stellt. Das ist bundesweit ein großes Thema, in allen Bundesländern. Man versucht, die schulische Inklusion zum Nulltarif zu bekommen.

Wie sieht es mit Arbeitsplätzen für behinderte Menschen bei der Stadt selbst aus?

Fischer: Immerhin erfüllt die Stadt die Quote von fünf Prozent, wir liegen mit 6,64 Prozent sogar etwas über diesen Anforderungen. Die Stadt hat das Potenzial, wichtig ist aber auch der Inhalt. Arbeit ist für behinderte Menschen zentral, sie fühlen sich gefordert, erzielen Anerkennung und Einkommen. Der öffentliche Dienst muss eine Vorbildrolle einnehmen. Im Haushaltspaket Inklusion wurden Stellen auch für Menschen mit wesentlicher Behinderung geschaffen. Wichtig finde ich den Übergang von Schule in den Beruf und die Kooperation mit Förderschulen. Ich sehe aber auch die Werkstätten in der Pflicht, darüber nachzudenken, wie sie attraktive und moderne Arbeitgeber werden.

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