Sind „Ziemlich beste Freunde“: der gelähmte Philippe Pozzo di Borgo (François Cluzet) und sein Assistent Driss (Omar Sy). Foto: ARD Degeto

Schwerstbehinderte können mithilfe von Assistenten in einer eigenen Wohnung leben. Ein Stuttgarter klagt, dass die eingesetzten Laienkräfte jedoch zu wenig in dem Job begleitet würden. Immer wieder drohten Lücken im Dienstplan.

Stuttgart - Rund um die Uhr braucht Michael K. (Name geändert) einen Assistenten. Wegen einer spastischen Lähmung sitzt er im Rollstuhl. Er kann nur den Kopf bewegen. Hat er Durst, reicht ihm der Assistent das Glas. Klingelt das Telefon, hält der Assistent den Hörer. Acht bis zehn dieser Kräfte sind bei Michael K. in wechselnden Schichten im Einsatz. Die Alternative: ein Leben in einem Heim. Für K., der im Kopf hellwach ist, wäre das ein Albtraum.

Doch diesen Albtraum trägt er mit sich herum. „Mir geht es sehr schlecht“, sagt er. Jeder Assistentenwechsel strapaziert seine Nerven. Ungelernt, psychisch instabil und kaum vorbereitet, würden die Kräfte zu ihm geschickt. „Ich komme mir vor wie ein Sozialarbeiter“, sagt der 54-Jährige. Ein Assistent, den er allerdings selbst akquiriert hat, sei Esoteriker: „Er hat mir gesagt, ich sei an meiner Behinderung schuld wegen meines vorherigen Lebens. Nur er könne mich heilen.“ Der Mann sei weiter im Einsatz. „Ich habe keine Wahl,“ sagt. K. Sonst, meint er, gäbe es eine Lücke im fragilen Dienstplan.

Zivis sind geschult worden, die heutigen Assistenten nicht

Seit rund drei Jahren habe es zugenommen, dass Assistenten zum Teil schon nach wenigen Schichten kündigen oder gar nicht erst zur ersten Schicht erscheinen würden. Bisher habe er zwar nie allein sein müssen, weil die anderen Assistenten die Lücken gefüllt hätten. Aber das sei keine Lösung, meint K. Er fordert von der Individuellen Schwerstbehinderten Assistenz (Isa), die zur Evangelischen Gesellschaft gehört und als Träger die Assistenten beschäftigt und die Dienstpläne organisiert, das Personal zu schulen und zu begleiten, sodass es gar nicht erst zu den Kündigungen komme.

Bei Zivildienstleistenden seien Schulungen noch üblich gewesen, berichtet Friedrich Müller vom Zentrum Selbstbestimmt Leben (ZSL). Der ZSL-Vorsitzende kündigt an, erneut bei der Isa einen Vorstoß zu unternehmen, damit auch die heutigen Assistenten Schulungen durchlaufen. Müller ist selbst Assistenznehmer. Er hat die Zivis motivierter erlebt als die heutigen Assistenten. „Es wird bei der Isa nicht immer darauf geguckt, wen sie sich da einkaufen“, meint Müller, der aber bei Konflikten „beide Seiten gefordert“ sieht – auch den Assistenznehmer. So habe er fast nie schlechte Erfahrungen gemacht.

Der städtische Behindertenbeauftragte Walter Tattermusch, den K. in seiner Verzweiflung eingeschaltet hat, kann sich vorstellen, dass Springerkräfte Dienstplanlücken füllen könnten. „Die Isa ist ein wichtiges Angebot“, betont Tattermusch. Der Dienst ermögliche Menschen mit schwerster Behinderung, ein eigenständiges Leben zu führen. Aber er sieht den „Bedarf der Weiterentwicklung“, so Tattermusch.

Kein Geld für einen Springerpool

Für einen Springerpool fehlten nicht nur die Leute, sondern auch die Finanzierung, erwidert Isa-Leiterin Gabriele Kurzenberger. Schulungen sieht sie nicht als praktikabel an. Ihre Laienkräfte seien spontan, viel auf Reisen, manche lebten weit weg von Stuttgart entfernt, kämen lediglich für ihre Einsatztage nach Stuttgart. Für eine Schulung reisten die nicht an, glaubt sie. Im übrigen werde jeder neue Assistent von einem Mitarbeiter des Teams eingeführt. Die Mehrheit der Assistenten studiere, ein Teil sei Künstler, auch Menschen, die sonst nicht auf dem Arbeitsmarkt unterkommen, seien dabei – und man habe Nachwuchssorgen. „Die Optionen für junge Menschen sind größer als früher“, sagt Kurzenberger.

„Es gibt Assistenznehmer, bei denen es nie Probleme gibt“, sagt sie. Und dann gäbe es Menschen mit einem „zu individuellen“ Anforderungsprofil. 80 Prozent ihrer Assistenten könne sie aus verschiedenen Gründen nicht zu K. schicken. Die Begleitung sei sehr aufwendig und eine Herausforderung. „Laien sind hier überfordert“, sagt die Isa-Leiterin. Fachkräfte habe sie nicht zur Verfügung, es gebe kein Angebot. Das sieht sie aber als notwendig an. Die Zahl der Klienten mit einem hohen Anforderungsprofil steige, schließlich würden die Menschen älter. Bei altersbedingten Einschränkungen, wie Demenz und Inkontinenz oder psychischen Erkrankungen, wären Fachkräfte gefordert.

Das ist nicht nur in Stuttgart aufgefallen: Im Jahr 2018 werde es einen überregionalen Fachtag zu dem Thema geben. Hoffnungen setzt Kurzenberger auch auf eine neue Kooperation mit der Evangelischen Fachschule für Heilerziehungspflege: ein Teil der Auszubildenden absolviert den Praxisteil bei der ISA. „So könnten wir Personal rekrutieren, das in anspruchsvollere Jobs geht“, sagt Kurzenberger.

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