Der Hugo-Häring-Preis wird alle drei Jahre für vorbildliche Bauwerke in Baden-Württemberg verliehen. Aber was heißt vorbildlich? In einer Artikelfolge erkunden wir exemplarisch solche Gebäude. Ein Essay zum Auftakt.
Stuttgart - Architekten, alles Schwachköpfe! Vergessen immer die Treppen im Haus“, notierte der Romancier Gustave Flaubert in seinem im Jahr 1913 posthum erschienenen „Wörterbuch der Gemeinplätze“. Vor lauter Kunstwillen ihrer Erschaffer, soll das heißen, gerate die elementare Funktionalität von Bauwerken unter die Räder. Immer!
Dabei besagt ein zentraler Glaubenssatz im Katechismus der Architekturmoderne genau das Gegenteil: „Form follows function.“ Zuerst die Funktion, dann die Form. Und während im einen Klischeefall die Bewohner oder Nutzer eines Gebäudes zusehen müssen, wie sie ohne Treppen klarkommen, lässt die reine Zweckdienlichkeit im andern ästhetische Qualitäten vermissen. Wer in heutige Gewerbegebiete schaut, wendet sich mit Grausen. Immer!
Also, was denn nun? Wessen Anforderungen muss Architektur, besonders, wenn sie preisgekrönt ist, erfüllen? Desjenigen, der zahlt? Desjenigen, der drin lebt? Oder desjenigen, der sie anschauen muss? Ist sie ein Flop, wenn die Nutzer eines Hauses – Hugo-Häring-Ehren hin oder her – meckern? Und was ist mit den Juroren in Wettbewerbs- oder Auszeichnungsverfahren – auch alles Schwachköpfe, weil sie nur auf die schöne Form und kein bisschen auf die Gebrauchstüchtigkeit achten?
Der Markt spielt beim Bauen eine Hauptrolle
Schon im 19. Jahrhundert, zu Gustave Flauberts Zeiten, stellten sich die Zusammenhänge komplexer dar als das simple Dreieck Bauherr/Nutzer – Architekt – Bau vermuten lässt. Die Villa mit Garten, die eine reiche Erbin, oder der Unternehmenssitz, den ein stolzer Firmenpatriarch bei einem Architekten in Auftrag gibt, sind nicht erst neuerdings rare Ausnahmefälle. Heute müsste dieses schon fast archaische Dreiecksmodell durch ein Vieleck mit zahlreichen Unbekannten ersetzt werden, in dem der Markt eine Hauptrolle spielt. Die Gleichung Bauherr = Nutzer stimmt ja schon lange nicht mehr, die wenigsten Bauherren bauen für sich selbst, sondern für die Rendite: It’s capitalism, stupid!
Sowohl auf dem Wohnungs- als auch auf dem Gewerbesektor haben Investoren das Sagen, die in großem Stil ganze Stadtquartiere aus der Erde stampfen – siehe Europaviertel Frankfurt, siehe Europaviertel Stuttgart, siehe Europaviertel Zürich, wo individuelle Nutzerwünsche schon deshalb keine Chance haben, weil zum Zeitpunkt der Planung noch gar nicht feststeht, wer später einmal die Wohnungen oder Büroräume bezieht. Man zieht halt soundsoviel Tausend Quadratmeter Geschossfläche hoch und baut, was als marktgängig gilt: Wohnungen, die den Drei-Zimmer-Küche-Bad-Grundriss bis in alle Ewigkeit multiplizieren, selbst wenn die Kleinfamilie nur noch eine Lebensform neben anderen ist, Bürogeschosse, auf denen sich jeder Mieter zwischen Gipskartonwänden nach seinen jeweiligen Bedürfnissen irgendwie einrichten muss.
Das öffentliche Raum wird häufig vergessen
Stadtraum ist in diesen Retortenquartieren meist nur die Restfläche zwischen den Gebäuden, ein Abfallprodukt. Kein Gedanke daran, dass – mit dem Wiener Stadtplaner Georg Franck gesprochen – „die Außenwände des Wohnraums die Innenwände des öffentlichen Stadtraums“ zu sein hätten. Und so werden diese neuen Allerweltsviertel mit ihrer „abstoßenden Kälte und Langeweile“, wie der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler wettert, weder den Bewohnern noch der Stadtgesellschaft gerecht.
Nun stellen diese städtischen Unorte aus dem technokratischen Geist des Bebauungsplans die schlechte Normalität heutigen Bauens dar. Aber auch bei preisgekrönten Projekten gerät die Realität oft bestürzend glanzlos. Am wahnsinnigsten ist wohl der Fall des Berliner BER-Flughafens, eines im Wettbewerb mit dem ersten Preis bedachten Entwurfs der Hamburger Architekten von Gerkan, Marg und Partner, bei dem sich die Frage nach der Nutzerzufriedenheit gar nicht erst erhebt, weil Fehlentscheidungen, Missmanagement und Aufsichtsversagen dazu führen werden, dass schon Gras drüber gewachsen ist, bevor der erste Passagier seinen Fuß in einen BER-Terminal setzt. Immerhin, als Flughafen mit der weltweit niedrigsten Fluglärmbelastung, als der er im Internet verspottet wird, macht er wenigstens den Leuten in der Umgebung Freude.
Ein paar worte zur Cloud No. 7
Lokales Beispiel: Ein Wettbewerbssieger ist auch das Hochhaus Cloud No. 7 in Stuttgart. Mit dem Entwurf der Berliner Architekten Grüntuch Ernst, der als Erstplatzierter aus dem internationalen Gutachterverfahren hervorgegangen war, hat das Haus, das nun neben der Milaneo-Shoppingmall den Eingang zur Innenstadt markiert, allerdings nichts zu tun. Denn still und leise wechselte der Investor, die Cloud No. 7 GmbH, eine Tochtergesellschaft der zum Berliner Immobilienentwickler Dr. Aldinger und Fischer gehörenden Schwäbischen Wohnungs AG, unterwegs die Pferde. Aus dem skulpturalen Spiel gegeneinander verschobener Kuben, mit dem Grüntuch Ernst im Wettbewerb die Jury überzeugt hatten, ist eine pappdeckelhafte Inszenierung von tec Architecture mit Sitz in Los Angeles und der Schweiz geworden, die den Schmiss ihrer geschwungenen Formen nur simuliert. Ob die erst nachträglich hinzugekommenen Nutzer, unten ein Steigenberger-Hotel, oben Luxuswohnungen, mit dieser Rosstäuscherarchitektur glücklich sind, ist nicht bekannt.
„Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selbst.“ Das Bonmot des österreichischen Schriftstellers Karl Kraus aus k. u. k. Zeiten hat heute noch Gültigkeit. Keine Frage, wenn die Nutzer sich wohlfühlen sollen, darf es nicht reinregnen, Haus oder Wohnung sollten sparsam zu beheizen sein, fließend Kalt- und Warmwasser und, nach Möglichkeit, Treppen haben. Wichtig ferner: Die Architektur sollte sich den Bedürfnissen vieler Generationen elastisch anpassen können. Denn Nutzer ist ja nicht nur, wer im Idealfall mit seinem Architekten seinen Wohn- oder Firmensitz nach seinen Vorstellungen gestaltet, Nutzer ist irgendwann vielleicht auch, wer bei der Erbauung noch gar nicht geboren war: Kinder und Kindeskinder des Bauherrn, spätere Bewohner in unterschiedlichen Lebensaltern und Familienkonstellationen, wechselnde Eigentümer mit je eigenen betrieblichen und technischen Abläufen.
Der gesellschaftliche Auftrag der Architektur
Und nicht zuletzt gilt, was der Stuttgarter Architekt Max Bächer einst für alle Architektur feststellte: „Wer ein Innen baut, baut auch ein Außen.“ Architektur sei darum „etwas hoffnungslos Öffentliches (. . .), auch von daher gesehen hat Architektur einen gesellschaftlichen Auftrag“. Preiswürdig ist folglich Gebautes, das gestalterische Qualitäten mit Funktionalität verbindet und darüber hinaus für den öffentlichen Raum etwas leistet. So hat die Erneuerung einer in die Jahre gekommenen landwirtschaftlichen Hofanlage im hohenlohischen Weikersheim einen von sieben großen Hugos 2018 erhalten – nicht nur weil die Sanierung der Gebäude architektonisch vorbildlich gelungen ist, sondern weil die Bauherren in dem Ensemble Büros, eine Hebammenpraxis, ein Seniorenwohnhaus sowie eine Veranstaltungsscheune untergebracht und damit beispielhaft vorgemacht haben, wie sich dem Veröden alter Ortskerne entgegentreten lässt. Selbst vom Energieüberschuss, der mithilfe von Fotovoltaikanlagen auf Hof 8 erwirtschaftet wird, profitieren die Weikersheimer: Die E-Tankstelle steht allen kostenlos zur Verfügung.
Hugo-Häring-Preis
Der Preis
Seit 1969 verleiht der Bund Deutscher Architekten (BDA) Baden-Württemberg im Abstand von drei Jahren den Hugo-Häring-Preis für vorbildliche Bauwerke in Baden-Württemberg an Bauherren und Architekten für ihr gemeinsames Werk. Zum Auszeichnungsverfahren 2017/18 wurden insgesamt 648 Bauwerke aus dem Land eingereicht, von denen 151 eine Hugo-Häring-Auszeichnung und sieben einen Hugo-Häring-Landespreis 2018 erhielten. Der Namensgeber Hugo Häring wurde 1882 in Biberach geboren. Der Architekt gilt als einer der wichtigsten Initiatoren des Neuen Bauens. Er starb 1958 in Göppingen.
Die Serie
Mitarbeiter unserer Zeitung haben in den vergangenen Wochen in der Region Stuttgart einige der ausgezeichneten Bauwerke intensiv erkundet. Angelegt wird dabei insbesondere die Perspektive der Nutzer, aber auch die Planer kommen in der zwölf Teile umfassenden Serie zum Jahreswechsel zu Wort. StZ