Leonie Müller hat ihr Zimmer gekündigt und lebt jetzt im Zug Foto: Jan Reich

Völlig verrückt? Nein, nur etwas: Leonie Müller hat alles genau durchdacht, bevor sie im Mai ihr Studentenzimmer in Stuttgart gekündigt, sich eine Bahncard 100 gekauft hat und seither im Zug wohnt.

Stuttgart - Große Kopfhörer über den Ohren, ein prall gefüllter Rucksack über der warmen Jacke: Mit großen schnellen Schritten stürmt Leonie Müller den Bahnsteig entlang. Sie ist gerade mit der Bahn von Tübingen nach Stuttgart gefahren und hat eine Stunde Zeit, bevor es mit dem ICE weiter nach Köln geht. Dort bleibt sie ein paar Tage bei ihrem Freund – um dann wieder nach Tübingen zu fahren und ihre Seminare zu besuchen. Vor einem halben Jahr hat die 23-Jährige, die in Tübingen Medienwissenschaft und Soziologie studiert, ihr Zimmer in Stuttgart gekündigt, weil ihre Vermieterin ihre Privatsphäre nicht respektierte und heimlich in ihrem Zimmer war. Statt 4800 Euro Miete pro Jahr hat sie sich für 4090 Euro eine Bahncard 100 gekauft. „Dafür kann ich ein Jahr lang in ganz Deutschland rumfahren“, sagt sie. Dass sie auch im Zug keine Privatsphäre hat, stört sie nicht. „Ich setz’ meine Kopfhörer auf, dann habe ich meine Ruhe und kann prima lernen“, ­versichert Leonie.

Insgesamt ein Jahr lang sollen die Bahnabteile ihr Arbeits- und Wohnzimmer sein. Nur geschlafen wird nicht im Zug. „Das ist zu gefährlich. Da kann ich nicht auf meinen Rucksack aufpassen“, sagt Leonie. Im Rucksack hat sie ihren Laptop, Bücher, die sie zum Arbeiten braucht, außerdem Wäsche und Kleidung zum Wechseln, Sportklamotten fürs Fitness-Studio und den Kulturbeutel mit dem Notwendigsten verstaut.

An manchen Tagen ist die junge Frau bis zu neun Stunden unterwegs, an anderen Tagen gar nicht. „In der Woche lege ich zwischen 1000 und 2000 Kilometer zurück“, schätzt sie. Dabei pendelt sie vor allem zwischen Stuttgart, Tübingen, Köln, Berlin und Bielefeld hin und her. In Köln ist sie am häufigsten. Dort lebt ihr Freund Felix, und dort ist sie auch gemeldet. In Berlin, bei ihrer Mutter, stehen ihre Kisten mit allem, was sie auf ihren Reisen nicht braucht. In Bielefeld besucht sie die Oma. Überall an ihren Zielen gibt es auch ein Bett für sie, kann sie ihre Wäsche waschen. Und auch in Tübingen und Stuttgart kann sie bei Freunden unterkommen. „Wir haben ausgemacht, dass die mir Bescheid sagen, wenn sie das nervt. Denn lästig fallen will ich nicht“, sagt Leonie.

Haarewaschen zwischen Mannheim und Stuttgart

Sobald sie mehr Zeit hat, will die 23-Jährige ihren Streckenfahrplan auch auf Regionen ausdehnen, in denen sie bisher nicht war. „Es gibt so viele schöne Ecken in Deutschland, und solange meine Bahncard noch gültig ist, will ich das ausnutzen.“ Ihre Erfahrung mit der Bahn: „Die Züge sind meistens pünktlich“, lobt sie. Und sich auf der Zugtoilette frisch zu machen, damit hat sie auch keine Probleme. Zwischen Mannheim und Stuttgart sei sogar genügend Zeit zum Haarewaschen.

Im kommenden April Leonie Müller will mit ihrem Studium fertig sein. Kernstück ihrer Prüfungen soll eine Bachelor-Arbeit über ihre Erfahrungen als Bahn-Nomadin werden. Dabei soll es darum gehen, was die Wohnungslosigkeit mit ihr macht und wie die Umwelt darauf reagiert. „Das ist ganz unterschiedlich“, stellt Leonie fest. „Manche sind sehr positiv, finden das eine tolle, spannende Sache. Und andere sind skeptisch, fühlen sich sogar vor den Kopf gestoßen, weil es nicht ihrer Lebensweise entspricht.

Sie selbst bekommt durch ihre Zugfahrten jede Menge Inspirationen. „Man sieht die Landschaft vorbeiziehen, fährt in den Sonnenuntergang. Das hat was. Mal ganz abgesehen von den vielen interessanten Begegnungen im Zug“, sagt sie. Wie es nach dem Studium weitergeht, das ist noch ungewiss. Auf jeden Fall soll aus ihrem Experiment "Leben auf der Schiene" ein Buch werden. Anfragen gibt es bereits.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: