Klemens Jakob lebt in einem Tiny House, das grade mal 18 Quadratmeter groß ist. Er lebt freiwillig so, nicht weil er muss. Wieso entscheidet man sich für so eine Lebensweise?

Rosenfeld - Wenn Klemens Jakob Karotten in seiner Küche schneidet, steht er auch im Esszimmer. Und im Flur. Und im Wohnzimmer. Klemens Jakob ist kein Außerirdischer und kein Zauberer. Jakobs Haus in Rosenfeld im Zollernalbkreis ist einfach kleiner als im Durchschnitt. Seit acht Monaten wohnt er in einem Haus, das gerade einmal 18 Quadratmeter misst. Also auf etwa der Größe, die ein durchschnittliches WG-Zimmer hat.

Sein Haus besteht aus einem großen Raum, der Küche sowie Wohn- und Essbereich fasst – nur das Bad und das Schlafzimmer sind abgetrennt. Der 59-Jährige lebt in einem sogenannten Tiny House.

Viel Raum auf wenig Platz

Jakob hat sich bewusst für diese Verkleinerung entschieden. Früher lebte er wie viele andere auch zusammen mit seiner Ehefrau in einem Haus normaler Größe. In Entwicklungsländern würden sich viele darüber freuen, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Aber in Deutschland? Da muss es schon ein bisschen mehr sein. Wieso entscheidet man sich also in der vergleichsweise wohlhabenden Bundesrepublik dazu, auf reduziertem Raum zu wohnen? Wer nach Antworten sucht, findet keine Geschichten über Einschränkungen, sondern über neue Blickwinkel.

In Jakobs Haus sind einige Dinge ein wenig anders – nicht nur die Größe unterscheidet sich. Das Minihaus hat hohe Decken, unter dem Dach gibt es eine zweite Ebene, in der sein Bett untergebracht ist. Stehen kann er dort nicht, zum Schlafen reicht’s gut. In der Treppe, die nach oben führt, sind Staumöglichkeiten eingebaut. Wie hölzerne Schuhkartons stapeln sie sich übereinander und bilden damit die Treppenstufen. Am höchsten Punkt der Treppe ist sein Kleiderschrank mit Platz für hängende Kleidung eingebaut. Die Sitzbank im Wohnbereich kann umgeklappt und zu einem Schlafplatz für zwei Personen umgebaut, der angrenzende Arbeitsplatz hoch und aus dem Weg geklappt werden.

Wieso sich so einschränken?

Der Boden besteht aus quadratischen Holzfliesen, die mit einer Saugglocke angehoben werden können. Darunter verbirgt sich Stauraum für sein Hab und Gut, etwa Brettspiele für die Enkelkinder. Über die Platten hat Jakob außerdem Zugang zu den Leitungen, die durch das Haus verlaufen: „Sobald etwas kaputt wäre und ich an eine Leitung müsste, weiß ich genau, wo ich ansetzen muss“. Wie die Dinge im Haus laufen, weiß er ohnehin. Denn schließlich hat er sein Heim selbst gebaut. Es besteht vor allem aus natürlichen Materialien, das war Jakob wichtig. Gekostet hat ihn das 65 000 Euro.

Wer in Deutschland als Einzelperson im Eigenheim wohnt, hat durchschnittlich fast 97 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Hinter Jakobs Idee, in einem Minihaus zu leben, steht eine klare Grundeinstellung gegenüber seinen Mitmenschen und den Ressourcen dieser Welt: Er will nicht auf Kosten anderer leben. „Ich will zeigen, dass es möglich ist, gut zu leben, ohne dabei egoistisch zu sein“. Was er meint: Würde man die vorhandenen Ressourcen dieser Erde gleichmäßig auf die Weltbevölkerung aufteilen, wäre genug für alle da – die Bürger in hoch entwickelten Staaten aber leben deutlich über ihre Maße, nutzen viel mehr Ressourcen, als gut für die Umwelt ist. Das will Jakob nicht. Er will mit gutem Beispiel voran gehen.

Verzicht? Von wegen!

Es sind Bewegungen, die im Trend liegen und die im Kern eine Idee verbindet: weniger besitzen, mehr teilen, sich auf das Wesentliche besinnen. Sie tragen Namen wie Minimalismus, Sharing Economy und Zero Waste. Menschen, die Teil dieser Bewegungen sind, wird immer die gleiche Frage gestellt: Wieso sich denn freiwillig einschränken?

Wie auch die Frage, ist auch die Antwort fast immer gleich. Stellt man Jakob die Frage, lacht er und breitet die Arme aus: „Ich hab doch alles, was ich brauche.“ Im Gegenteil, er sei sehr glücklich und fühle sich befreit. Als eingeschränkt empfindet er seine Situation überhaupt nicht. Auch, weil er unabhängig vom Strom- und Wassernetz ist. Strom erzeugt eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach; Wasser, das verbraucht wird, wird gefiltert und wiederverwendet. Wärme bringt ein Ofen mit Wärmetauscher, der mit Holz befeuert wird.

Bewohner befinden sich oft im rechtlichen Graubereich

Der Traum vom unabhängigen, minimalistischen Leben ist ein Traum, den immer mehr Menschen zu verfolgen scheinen. Es gibt Veranstaltungen für Einsteiger, eine Fernsehsendung beim Spartensender Sixx und auf dem Bauhaus Campus in Berlin wurde ein Jahr lang das Leben im Minihaus erforscht. Allerdings wollen nicht alle der Tiny Houser, wie sich selbst nennen, in die Öffentlichkeit. Weil das Thema noch recht neu ist, stehen Behörden vor Herausforderungen. Zum Beispiel wie das geltende Baurecht auf die neue Wohnform anzuwenden ist.

Das bedeutet für die Bewohner, dass sie sich mit ihren Häusern oft im rechtlichen Graubereich befinden. Besonders dann, wenn das Heim mobil ist, also auf einem Anhänger mit Rädern gebaut ist, wird es schwierig. Für viele ist aber genau das das Ziel: ein Heim, das nicht nur nachhaltig, sondern auch mobil ist. Mit dem man von A nach B reisen kann und mit dem man nicht an einen Ort gebunden ist. Allerdings kann man das Haus nicht einfach irgendwo abstellen. Und der Kauf eines Grundstücks widerspricht dem Grundgedanken eines mobilen Heims. Bei Jakob ist es die Wasseraufbereitung, die noch genehmigt werden muss. Wenn behördlich anerkannt wird, dass das gefilterte Wasser Trinkwasserqualität hat, wird er von der Anschlusspflicht ans öffentliche Wassernetz befreit.

Positive Reaktionen von Besuchern

Eine Genehmigung würde ihm auch beruflich voranbringen. Jakob verkauft mit seinem Unternehmen Tiny-House-Bausätze, in denen auch die Vorrichtungen für Wasser, Wärme und Strom verbaut sind. Für Interessierte wäre es beim eigenen Bau einfacher, wenn sie sich auf eine bestehende Genehmigung berufen könnten.

Ob Familie oder Freunde: eine Reaktion sei fast immer gleich, sagt Jakob. „Die meisten sagen: ‚Reduziert leben ist okay. Aber auf 18 Quadratmetern? Nicht mit mir’. Bis sie durch die Tür kommen. Dann sind sie überrascht, wie groß das Haus ist“. Viele würden dann zugeben, dass ihnen der Platz eigentlich auch reichen würde.

Apropos reduziert: Vor seinem Einzug wettete Jakobs Schwester mit ihm um ein Abendessen. Weil der Platz begrenzt ist, könne er maximal 200 Gegenstände mit ins Haus nehmen, sagte sie. Sonst wäre es zu voll. Am Ende nahm er 176 mit und gewann.

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