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Ein Forschungs-Großprojekt hat sich der Integration von Gastarbeiter-Kindern gewidmet.

Stuttgart - Wie gut sind die Abkömmlinge der Gastarbeiter in West- und Nordeuropa integriert? Das Glas ist wohl halbvoll oder halbleer. Was den Bildungserfolg angeht, ist der Wissenschaftler Maurice Crul optimistisch.

"Ein Viertel der Türken der zweiten Generation erreicht höhere Bildung. Angesichts des Hintergrunds ihrer Eltern ist das eine beachtliche Leistung: Die Väter hatten oft nur Grundschule, die Mütter waren praktisch Analphabeten", erklärt Maurice Crul. Gleichzeitig bleibt aber ein erschreckend hoher Anteil von Migrantenkindern ohne Schulabschluss und Jobaussichten.

Maurice Crul von der Universität Amsterdam koordiniert das Forschungs-Großprojekt "Die Integration der Zweiten Generation in Europa", englisch abgekürzt TIES. Von 2003 bis 2008 wurden dafür in acht europäischen Staaten 10.000 Menschen im Alter von 18 bis 35 Jahren befragt, und zwar jeweils ein Drittel Nachkommen von eingewanderten Türken, andere in dem jeweiligen Land geborene Ausländer und zum Vergleich auch Einheimische ohne Migrationshintergrund. Finanziert wird die 2,5 Millionen Euro teure Studie vor allem von der Volkswagenstiftung. Mit der Auswertung des Datenbergs sind rund 30 Wissenschaftler beschäftigt; ihre Abschlussberichte sollen im Laufe dieses Jahres veröffentlicht werden.

Am meisten interessieren sich die TIES-Forscher für die Türken. Deren Eltern hatten durchweg die gleiche Startposition: ein armes Dorf in der Zentraltürkei oder an der Schwarzmeerküste. "Das gibt uns die Möglichkeit, vergleichend zu beobachten, wie sich unterschiedliche Bildungssysteme und andere nationale Zusammenhänge auf die Integrationschancen auswirken", erläutert Crul. Die Schulerfahrungen und Berufserfolge der jungen Türkischstämmigen sind nämlich von Land zu Land sehr unterschiedlich.

So gaben in Holland 58 Prozent der Befragten an, sie seien bei der Jobsuche "nie unfair behandelt" worden - in Österreich dagegen nur 40 und in Deutschland gar bloß 26 Prozent. Während in Deutschland 7,5 Prozent der Türken das Abitur und vier Prozent einen Universitätsabschluss machen, erreicht in Frankreich die Hälfte die Hochschulreife - ein Drittel allerdings bricht das Studium ab. In Österreich gibt es mehr türkische Studenten als Gymnasiasten, weil dort viele den ein Jahr längeren Umweg über die Berufsschule nehmen. Für Crul zeigen diese Zahlen, "dass es eine enorme Bildungsmotivation bei vielen Türken gibt, man ihnen aber längere oder alternative Routen zum Erfolg ermöglichen muss".

Die Bildung hat sich signifikant verbessert

Im Umgang mit Einwanderern könnten die verschiedenen Länder voneinander lernen, das zeigt ein bereits veröffentlichter TIES-Vergleich von Deutschland und Holland. In den Niederlanden erreichen doppelt so viele Türken höhere Bildung. Crul erklärt das damit, dass die Kinder in Deutschland zwei Jahre später eingeschult werden, wegen der Halbtagsschule pro Woche rund zehn Stunden weniger Kontakt zu Lehrern haben und die Auswahl zu höherer Bildung schon im Alter von zehn statt 15 Jahren stattfindet. Andererseits ist in Holland die Arbeitslosigkeit bei jungen Türken doppelt so hoch wie in Deutschland. Nach Ansicht der TIES-Forscher erleichtert die deutsche Kombination von Berufsschule und Lehre den Übergang zum Job - die niederländische Berufsschule mit "gefängnisähnlichem Klima" sei dagegen oft nur ein "Abfalleimer" für Problemkinder. Beide Länder wissen allerdings nicht, was sie mit dem Fünftel der Türken anfangen sollen, die überhaupt keinen Schulabschluss schaffen. Besonders Mädchen machen oft keine Ausbildung, weil sie schon mit 16 Jahren verheiratet werden.

Dass die Einwanderer nicht in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen, zeigt auch die Studie "Deutsch-türkische Wertewelten", die im November präsentiert wurde. Die Meinungsforschungsinstitute Liljeberg und Info GmbH haben dafür 1000 Personen über 15 Jahre befragt, und zwar jeweils ein Drittel Türken in der Türkei, Türkeistämmige in Deutschland und Deutsche. "Gravierende Unterschiede" fanden sie hinsichtlich der Ansichten zu Religion: Praktisch alle Türken erklärten, an Gott, die göttliche Schöpfung, Himmel und Hölle zu glauben - von den Deutschtürken nur 80 Prozent, bei den Deutschen bloß gut ein Drittel. 61 Prozent der Deutschen hätten nichts dagegen, neben einem gläubigen Juden zu wohnen, von den Türken in Deutschland würden sich damit 55 Prozent abfinden, von den türkischen Türken nur 36 Prozent. Für den Bau von Moscheen in Deutschland sind 90 Prozent der Türken und 74 Prozent der Deutschtürken, aber nur 38 Prozent der Deutschen.

Sehr verschieden sind auch die Moralvorstellungen. Homosexuelle Beziehungen von Männern zum Beispiel lehnen 75 Prozent der Türken ab, 65 Prozent der Türken in Deutschland und 29 Prozent der Deutschen. Dass die Jungfräulichkeit der Frau eine Grundvoraussetzung für die Eheschließung ist, meinen 72 Prozent der Türken, immerhin 48 Prozent der Deutschtürken - und nur sechs Prozent der Deutschen. Für die Todesstrafe sind zwei Drittel der Türken, knapp die Hälfte der Deutschtürken und ein Drittel der Deutschen.

Nur jeder fünfte Deutschtürke fühlt sich in Deutschland zu Hause, obwohl die meisten schon seit mindestens 30 Jahren hier leben. Die Mehrheit von ihnen gab an, sich in Deutschland als Türken, in der Türkei aber als Deutsche zu fühlen. Besonders die in Deutschland geborenen Türken sind hin- und hergerissen: Sie wollen in die Türkei zurück, aber erst in ein paar Jahren. "Gerade die Jüngeren, die mehr Berührungspunkte mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft haben, stoßen ständig auf Ablehnung", stellt Holger Liljeberg fest. Mit einer Annäherung rechnet der Meinungsforscher nicht: "Eine Assimilation ist innerhalb der nächsten Generationen nicht zu erwarten. Die Familieneinbindung und die Kontakte ins Mutterland' sind so stark, dass sich kulturelle und religiöse Überzeugungen immer wieder reproduzieren."

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