Hans Herrmann (links) und Timo Bernhard – zwischen ihren Le-Mans-Siegen liegen 47 Jahre. Foto: Markus Leser

Zwei Le-Mans-Sieger an einem Tisch: Der 92-jährige Hans Hermann trifft den 39 Jahre alten Timo Bernhard: Sie sprechen vor dem Rennklassiker im Jahr 2020 über den Wandel im Motorsport, das Risiko und die Technik der Rennwagen.

Stuttgart - Porsche feiert in diesem Jahr seinen vor 50 Jahren herausgefahrenen ersten Gesamtsieg in Le Mans. Am Steuer saß Hans Herrmann. 2017 siegte auch Timo Bernhard in einem Porsche bei dem Klassiker. Der Generationsunterschied wird aber in diesem Interview vor dem Le-Mans-Rennen 2020 deutlich.

 

Herr Herrmann, würde Timo Bernhard mit dem Porsche zurechtkommen, mit dem Sie 1970 den Gesamtsieg in Le Mans holten?

Herrmann: Natürlich. Aber ich würde mit seinem Auto aus dem Jahr 2017 nicht zurechtkommen.

Zu viele Knöpfe am Lenkrad?

Herrmann: Ach, das ist doch ein Theater mit diesen neuen Rennwagen…

Der legendäre Sieg vor 50 Jahren war Ihr ganz großer Erfolg. Danach beendeten Sie ihre Karriere.

Herrmann: Weil ich 1969 ganz knapp verloren hatte gegen Jacky Ickx, habe ich meiner Frau versprochen, dass ich aufhöre, wenn ich 1970 gewinne. In den Jahren zuvor hat sie ja dauernd an der Frage herumgemacht: ,Hans, wann machst du endlich Schluss?‘ Es waren die vielen Toten im Motorsport, wegen denen Sie sich Sorgen machte. Es gibt da eine lange Liste. Und diese Liste ist traurig.

Dann war die schöne Zeit vorbei?

Herrmann: Ja. Seit ich aufgehört habe, musste ich arbeiten. Auch heute noch. Ich bekomme täglich Autogrammwünsche. Ich bin 92 Jahre alt, und die Leute denken: ,Der Kerl lebt ja noch. Der kann noch schreiben, also schnell noch eine Karte verschicken.‘ Viele junge Leute wollen ein Autogramm für ihren Vater zum Geburtstag. Ich habe aber eine Sekretärin, die mir hilft.

Nicht nur Siege sind toll

War der Le-Mans-Sieg der wichtigste in Ihrer Karriere?

Hermann: Bei 300 Rennen ist das schwer zu sagen. Es gab auch Wettfahrten, bei denen ich Zweiter oder Dritter wurde, die aber trotzdem grandios waren. Le Mans war als erster Gesamtsieg für Porsche aber ein schöner Abschluss.

Timo Bernhard, 2010 holten Sie in Le Mans den Gesamterfolg in einem Audi, 2017 in einem Porsche. Was fühlte sich besser an?

Bernhard: Der Sieg mit Audi war etwas Außergewöhnliches, aber der Erfolg mit Porsche war mein Jugendtraum und mein großes Ziel. Der Mythos Porsche wurde ja in der Zeit, in der Hans gewann, erst gelegt und hat auch mich als Nachwuchsfahrer bei Porsche erfasst. An diesem Mythos wurden wir späteren Generationen immer gemessen. Der Druck war für uns nicht unerheblich.

Fragen wir jetzt Sie: Würden Sie mit Hans Herrmanns Porsche 917 aus dem Jahr 1970 zurechtkommen?

Bernhard: Ich hatte die Ehre, das Auto zweimal fahren zu dürfen. Der Sound ist unvergleichbar, und das Auto reagiert auch sehr schön beim Gasgeben, da geht richtig was voran. Und wenn man drinsitzt, merkt man, wie kompromisslos es gebaut wurde. Das Cockpit ist maßgeschneidert, wirklich am Limit gebaut – alles für die Performance. Platzangst kriegt man nicht, aber man bekommt schon Respekt. Ich könnte mir nicht vorstellen, mit diesem Auto jetzt in Le Mans eine schnelle Runde zu fahren.

Herr Herrmann, die Rennwagen waren damals abenteuerlich – und die Rennfahrer wilde Hunde mit Rockstar-Attitüde.

Herrmann: Also früher war es sehr lustig. Es kam ja auch mal vor, dass man im Hotel aufs Zimmer kam, und da waren schon zwei hübsche Frauen. Aber mal im Ernst: vor allem war die Zeit gefährlich. Sobald wir gegen Strohballen gefahren sind, hat es gebrannt. Wir hatten früher ein hohes Risiko und wenig Geld. Heute haben die Rennfahrer sehr wenig Risiko – aber sehr viel Geld. Ich würde lieber heute fahren.

Das Risiko ist immer da

Herr Bernhard, verführt dieses geringere Risiko dazu, das Limit eher zu überschreiten?

Bernhard: Wir dürfen das Risiko im Hinblick auf die Gegenwart nicht ganz wegdiskutieren, denn wir fahren ja mit enormen Geschwindigkeiten. Man gibt schon Acht und hat Respekt. Aber man kann die Zeiten nicht miteinander vergleichen. Die früheren Generationen haben zum Glück sehr für unsere Sicherheit gekämpft, das war ein stetiger Prozess.

Hermann: Jackie Stewart und Niki Lauda haben viel zur Sicherheit beigetragen. Es gab dann etwas weniger schwere Unfälle mit Todesfolge. Natürlich hätte ich aufhören können, aber so etwas liegt ja an einem selbst. Es gibt ja auch Bergsteiger und Tiefseetaucher, die sich einer hohen Gefahr aussetzen. Das sind Extremsportarten – und wir Rennfahrer-Idioten gehören auch dazu.

Herr Bernhard, Sie sind 39 Jahre alt und haben Ihre Karriere 2019 beendet. Reizt es nicht manchmal, noch einmal ins Auto zu steigen?

Bernhard: Klar, auf jeden Fall. Aber so ein Übergang vom Rennfahrer zum Nichtrennfahrer ist ein Prozess. Man muss da ehrlich zu sich sein und erkennen, wann die eigene Leistungsfähigkeit am höchsten war. Ich bin immer noch fit und wäre sicher noch konkurrenzfähig. Doch um die letzten zwei Prozent herauszuholen, bin ich vielleicht etwas zu alt. Zwischen 30 und 35 war meine stärkste Zeit, da haben sich Speed und Erfahrung sehr gut ergänzt. Man merkt aber irgendwann, dass man das Risiko nicht mehr eingehen will – auch wenn man es nicht mit der Zeit vom Hans vergleichen kann.

Hermann: Apropos Risiko. Ich erinnere mich an ein Rennen in Buenos Aires. Da ging mir die Zahnpasta aus. Als ich mir dann eine gekauft hatte, kam kurz der Gedanke: Wirst du diese Zahnpasta noch aufbrauchen? In Le Mans etwa sind wir im Training mit Tempo 384 unterwegs gewesen. Fürs Rennen wurden die Getriebe-Abstufungen dann so eingestellt, dass nur noch 350 möglich waren.

Vettel fährt rustikal

Sie beide stehen für große deutsche Motorsportmomente – so wie Michael Schumacher und Sebastian Vettel. Wenn Vettel, der bei Aston Martin unterschrieben hat, 2021 aufgehört hätte, wäre es dann mit der deutschen Motorsport-Herrlichkeit vorbei gewesen?

Herrmann: Für mich wäre sie nicht vorbei gewesen, nur weil kein Deutscher mehr in der Formel 1 ist. Dieser Sport ist in der Welt zu Hause. Natürlich ist es schön, wenn ein Deutscher mitfährt, aber es würde auch so weitergehen. Außerdem ist Lewis Hamilton, mit dem ich kürzlich zusammengekommen bin, ein ganz zurückhaltender und freundlicher Mann. In der deutschen Presse werden mir da zu oft nur seine Resultate erwähnt, nicht aber, dass er so ein netter Kerl ist. Was Vettel angeht, hat mir dagegen nicht gefallen, wie er auf der Rennstrecke den einen oder anderen Piloten rausgeboxt hat. Das hätte er in unserer Zeit nicht oft gemacht.

Bernhard: Es werden Deutsche nachkommen, da mache ich mir keine Sorgen.