Laura Halding-Hoppenheit „Ich lebe verrückter als Mutter Teresa“

Von Andrea Jenewein 

Laura Halding-Hoppenheit Foto: Leif Piechowski
Laura Halding-Hoppenheit Foto: Leif Piechowski

Laura Halding-Hoppenheit hat die Stuttgarter Schwulen-Szene etabliert, sie hat gegen HIV und für Aidskranke gekämpft. Nun bekommt sie das Verdienstkreuz am Bande verliehen.

Stuttgart - – Frau Halding-Hoppenheit, Sie bekommen am 23. Januar das Verdienstkreuz am Bande verliehen. Wofür?
Ich bekomme es für meinen langen Kampf gegen Diskriminierung von Homosexuellen, gegen Stigmatisierung, für Gleichberechtigung und Gleichstellung, für ein gerechtes Leben, für mein Engagement für HIV- und Aidskranke. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass die Schwachen und die Benachteiligten gleichberechtigt sind und mit Respekt behandelt werden. Ja, das war und ist mein Kampf.
Warum wurden ausgerechnet die Schwulen Ihre „Kinder“, wie Sie sie nennen?
Als ich von Rumänien nach Hamburg kam, war ich eine Ausländerin und wurde aus­gegrenzt – obwohl ich Akademikerin war. Ich kam aus Bukarest und hatte erwartet, dass der rote Teppich für mich ausgerollt wird. Ich wollte promovieren. Ich wollte viel. Ich wollte alles. Aber den Teppich rollte mir natürlich niemand aus. Im Gegenteil: Die Schwulen waren die Einzigen, die mich akzeptiert haben, die mich nicht ausgelacht, sondern sich mit mir solidarisiert haben. Sie waren in einer ähnlichen Situation wie ich, auch sie wurden von der Gesellschaft ausgegrenzt. Ich hatte das Gefühl, dass das meine Familie ist, die mich unterstützt. Ich habe damals gesagt: „Eines Tages werde ich stark, und dann tue ich etwas für euch.“
Bis dahin dauerte es aber noch eine Weile . . .
Ja. Ich habe doch nicht promoviert, sondern geheiratet. Dann bin ich mit meinem damaligen Ehemann, dem Chefredakteur des Burda-Verlags, nach Stuttgart gezogen. Das Leben war nicht so rosig. Denn ich war in eine Gesellschaft geschlittert, die nicht meine war: In eine stinkkonservative Gesellschaft mit vielen Vorurteilen. Da war ich natürlich Freiwild. Ich war Ausländerin, Rumänin. Deshalb habe ich mich wieder in die schwule Szene zurückgezogen . . .
. . . die wo anzutreffen war?
Es gab damals nur kleine Treffpunkte, keinen großen Laden. 1977 machte ein großer Club für uns auf. Das war der Kings Club in der Stadtmitte. Die Eröffnung war wunderbar: Gold, Tuntenbarock, Spiegel, Plüsch, die Schwulen kamen alle im Smoking und Anzug – alles war so würdevoll und elegant. Wir hatten endlich ein Zuhause. Ich sagte: Hier gefällt’s mir, hier bleibe ich.
Und so war es dann auch?
Am Anfang war ich nur Gast, habe mich unterhalten und Karten gelegt. Dann wollte ich was tun und habe angefangen auszuhelfen. Ich habe Gläser gespült, Aschenbecher geleert, an der Garderobe gearbeitet. Alle sagten: „Was, du bist Akademikerin und spülst Gläser?“ Ich sagte: „ Ja, das ist meine Familie, ich bin mir für nichts zu schade.“ Dann haben sie mir eine kleine Bar aufgebaut im Kings Club. Meine kleine Bar wurde ein riesiger Erfolg. Ich bin aufgestiegen und durfte an der großen Bar arbeiten. Später wurde ich bekanntlich die Chefin – ich betrieb zeitweise vier Lokale in Stuttgart.
Welche Stellung hatte der Kings Club damals?
Hier drinnen war alles freundlich. Draußen war die Welt feindlich. Viele Schwule haben damals den Job und die Wohnung verloren, weil sie geoutet wurden. Oder die Polizei durchsuchte die Wohnung, wenn zwei Männer zusammen wohnten und nicht beweisen konnten, dass es sich um eine WG handelte. Es gab damals noch den Schwulenparagrafen, der bis 1994 sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte.
Die Schwulen mussten sich also in den Kings Club schleichen?
Ja, wir hatten damals nie die Leuchtreklame an. Über 20 Jahre lang lag der Kings Club immer im Dunkeln. Die Schwulen parkten drei Straßen weiter. Dennoch haben Leute mitbekommen, dass hier ein schwuler Treff ist – und haben die Autos demoliert, die Tür zum Club aufgerissen, Steine reingeworfen und geschrien: „Scheißschwule!“
Inzwischen hat sich viel getan.
Es wurde immer besser, denn wir haben uns auch politisch bewegt. 1979 gab es die erste kleine Demo in Stuttgart, eine Art-Baby-Christopher-Street-Day. Auf die Straße zu gehen hieß aber auch, sich zu outen. Das war ein großes Problem. Und die Angst war oft größer als der Drang nach Freiheit.
War die Demo dennoch ein Durchbruch?
Im Jahr 1982 hat uns Aids wieder zurückgeworfen. In der Presse stand: „Schwule bringen die Seuche.“ Ich habe damals viele Freunde verloren. Jeder dritte kam und sagte: Ich bin positiv. Dann ging das Geheule los – und innerhalb von wenigen Monaten waren die ersten gestorben. Elendig. Von der Familie verstoßen, aus der Gesellschaft ausgestoßen. Ich musste manchmal zweimal die Woche zu einer Beerdigung.
Wie haben Sie das geschafft?
Ich stand damals unter extremem Druck. Ich musste für die Homosexuellen kämpfen, aber auch mein Geld verdienen – ich war damals schon geschieden –, für meine beiden kleinen Kinder da sein und beweisen, dass aus ihnen etwas wird, obwohl sie eine Mutter wie mich haben. Das war hart. Aber irgendwie habe ich das geschafft.
Bedeutet Ihnen das Verdienstkreuz viel, weil es eine Anerkennung für all das ist?
Es bedeutet mir sehr viel. Ich habe auch andere Preise bekommen – aber dieser Preis ist eine von der Gesellschaft hoch anerkannte Auszeichnung. Das ist wie ein laut gesprochenes Wort als Anerkennung.
Sie werden oft als die Mutter Teresa von Stuttgart bezeichnet. Schmeichelt das?
Wie soll ich sagen, ich bin nicht so zurückhaltend wie Mutter Teresa. Ich lebe ein bisschen verrückter als sie. Aber wenn man an meine Aufgaben denkt, passt der Vergleich.
Was sagen Sie zum Outing von Thomas Hitzlsperger?
So ein Outing hilft auf jeden Fall. Aber es würde noch mehr helfen, wenn er noch aktiv im Fußball wäre. Wenn er gezeigt hätte: Ich bin ein großer Fußballer, ich bin gut – und ich bin trotzdem schwul. Dann hätten sich die Fans nicht mehr getraut, auf dem Platz so unverschämt zu sein. Dass die Debatte so groß geworden ist, das allein zeigt, dass wir weit entfernt von echter Toleranz sind.
Gibt es viele Fußballer, die schwul sind?
Es gibt einige. Ich persönlich kenne zwei. Der eine hat ein Buch geschrieben – und danach psychologische Probleme bekommen und sich aus dem Fußball zurückgezogen. Also, ich habe es nicht erlebt, dass einer aktiv ist – und glücklich über sein Outing.
Sollte Homosexualität in den Lehrplan aufgenommen werden?
Ja. Schon in der Schule muss man mit der Aufklärung anfangen. Homosexuelle werden immer auf ihre Sexualität beschränkt. Darum geht es aber nicht. Wir haben eine Geschichte, es gibt viele schwule Künstler, darüber muss man reden. Dann werden die Kinder auf dem Schulhof nicht mehr schreien: „Du bist schwul“ – ohne die Bedeutung des Worts zu kennen. Schwul ist zum Schimpfwort verkommen.
Wie wird heute mit HIV und Aids umgegangen?
Aids hat den Schrecken verloren, obwohl die Zahlen nicht zurückgehen. Aber es gibt neue Medikamente und Therapien, man kann alt werden mit HIV. Deshalb gehen die Menschen sorglos mit dem Thema um. Aber sie vergessen die Nebenwirkungen und dass die Lebensqualität mit der Krankheit nicht mehr die gleiche ist wie zuvor. Ich bin Mitglied bei der Deutschen Aidshilfe, und wir betreiben noch immer sehr viel Aufklärung.
Was steht bei Ihnen als Nächstes an?
Ich kandidiere bei der Kommunalwahl für die Linke, auf einem der vorderen Listenplätze. Ich bin bereits im Bezirksbeirat: Ich kann mich mit meiner sozialen und politischen Einstellung mit der Partei identifizieren. Ich möchte den Bürgern zeigen, dass auch jemand aus der Schwulen-Szene viel in der Stadt bewegen kann. Meine Kandidatur ist eine Hommage an die Stadt, die es mir ermöglicht hat, mir eine Existenz aufzubauen – und die mich weiter leben lässt.

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