Laura Dahlmeier, Claudia Pechstein, Nadine Hildebrand, Frank Stäbler (v.l.n.r.) Foto: StZ

Ein Jahr nach dem McLaren-Report haben wir fünf Spitzensportler gefragt: Was muss passieren, um im Kampf gegen Doping voranzukommen? Laura Dahlmeier, Nadine Hildebrand, Claudia Pechstein, Frank Stäbler und Silke Kassner haben interessante Ansichten – und liefern Lösungsansätze.

Stuttgart - Ein Jahr, nachdem Richard McLaren, Sonderermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur, das staatlich gelenkte Dopingsystem in Russland enthüllte, haben wir Athletinnen und Athleten gefragt: Was muss passieren, um im Kampf gegen Doping voranzukommen? Sie meinen: Es braucht vor allem mehr Härte und mehr Geld – das unter anderem von den Sponsoren des Sports kommen soll.

Unsere Gesprächspartner:

Laura Dahlmeier (23): Siebenmalige Weltmeisterin und Gesamtweltcup-Siegerin im Biathlon aus Garmisch-Partenkirchen

Nadine Hildebrand (29): Hürdensprinterin vom VfL Sindelfingen, Olympia-, WM- und EM-Teilnehmerin sowie Rechtsanwältin

Claudia Pechstein (45): Die Eisschnellläuferin aus Berlin ist die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin (5x Olympia-Gold, 6x WM-Gold, 41 WM-Medaillen), 2009 wurde sie ohne positiven Test als angebliche Blutdoperin für zwei Jahre gesperrt – aus ihrer Sicht zu Unrecht: Führende deutsche Hämatologen haben bestätigt, dass sie unter einer vererbten Blutanomalie leidet.

Frank Stäbler (28): Weltmeister 2015, Europameister 2012 und Olympiateilnehmer im Ringen (griechisch/römisch) aus Musberg

Silke Kassner (41): Vize-Weltmeisterin 2008 im Kanu (Wildwasser), seit 2010 Mitglied in der DOSB-Athletenkommission

Wo steht der Anti-Doping-Kampf aktuell?

Laura Dahlmeier: Das ist für mich extrem schwer einzuschätzen. In Deutschland, denke ich, ist das Kontrollnetz mittlerweile so engmaschig, dass es nur noch schwer möglich ist, systematisch zu betrügen. Leider gibt es international offenbar noch genügend Schlupflöcher. Aber ich hoffe schon, dass der Kampf gegen Doping tendenziell etwas effektiver und besser ist als noch vor ein paar Jahren.

Nadine Hildebrand: Leider gibt es immer noch deutliche Unterschiede zwischen Ländern und Sportarten. Der Anti-Doping-Kampf wird weiterhin von einigen Verbänden und Regierungen boykottiert. Die Kontrollen werden immer noch nicht von unabhängigen Organisationen vorgenommen. Und die Forschung hinkt den Betrügern hinterher. Wie beim Paradoxon von Achilles und der Schildkröte. Wir wissen vielleicht mittlerweile mehr, unternehmen aber noch zu wenig dagegen.

Claudia Pechstein: Leider nur auf dem Papier vom millionenschweren IOC und dessen Verbänden.

Frank Stäbler: Das ist schwer zu beantworten. Die Transparenz fehlt. Man hört, dass weltweit viel getan wird, aber bei mir und meinen Kollegen merkt man recht wenig davon.

Silke Kassner: Der Anti-Doping-Kampf steckt in allen Bereichen in einer großen Lernkurve. Nicht nur die immer wiederkehrende Überarbeitung des Wada-Codes ist notwendig, sondern vor allem auch die Entwicklung unabhängiger Kontrollstrukturen, das Ausmerzen von Interessenkonflikten sowie ein wirksames Präventionsmanagement, das alle Anspruchsgruppen im Sport erreicht und zu einem kulturellen Umdenken in Ländern, Sportarten und auch einzelnen Trainingsgruppen führt. Diese Lerneffekte werden nie abgeschlossen sein.

Was wäre Ihre erste Maßnahme als Doping-Bekämpfer?

Laura Dahlmeier: Wer sich in internationalen Wettkämpfen messen möchte, der muss unabhängigen Kontrolleuren jederzeit die entsprechenden Kontrollmöglichkeiten geben. Wenn Kontrolleure Tests nur mit Visa und lange vorher angekündigt durchführen können, wird das System ad absurdum geführt. Außerdem wäre ich für eine deutliche Verschärfung der Sanktionen. Wer nachweislich und systematisch gedopt hat, der darf sich nicht beklagen, wenn er lebenslang gesperrt wird. Und das würde ich auch konsequent auf alle Hintermänner anwenden, die ein solches System erst ermöglichen.

Nadine Hildebrand: Ich würde definitiv härter durchgreifen und eine klare Linie gegen Doper fahren – um damit zugleich ein klares Statement für die sauberen Athleten abzugeben. Alle, die positiv getestet wurden (auch bereits beim ersten Mal), würde ich für immer in sämtlichen Sportarten von Meisterschaften und Wettkämpfen ausschließen. Das würde den Vorsprung der Betrüger etwas eindämmen und hätte auch abschreckende Wirkung.

Claudia Pechstein: Einheitliche Regeln und ein einheitliches Strafmaß im Kampf gegen Doping für alle Nationen. Wer diese Regeln nicht akzeptiert, wird mit seinen Athleten von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen. Verbänden, die sich verweigern, wird der Status einer olympischen Sportart entzogen. Ganz nebenbei würde ich mich persönlich auf Grund meiner erwiesenen Unschuld sofort rehabilitieren und den Eisschnelllauf-Weltverband zur Zahlung einer Megastrafe verdonnern. Als Ausgleich für das unmenschliche Unrecht, das mir angetan wurde.

Frank Stäbler: In allen Sportarten sollten dieselben Regeln gelten, beispielsweise bei Sperren. Außerdem muss ein einheitliches Meldesystem, vergleichbar mit unserem Adams-System, geschaffen werden. Dies muss für alle Nationen unabdingbar gelten und verbindlich sein. Sollte sich eine Sportart oder eine Nation hier nicht anschließen wollen, muss das Land oder der Verband gesperrt werden.

Silke Kassner: Sich bei der Vielzahl der Baustellen auf eine Aufgabe zu konzentrieren, ist schwierig. Priorität müsste sicher haben, die Wada auf finanziell und strukturell unabhängige Beine zu stellen.

Wie viel Geld wäre für den Anti-Doping-Kampf nötig?

Laura Dahlmeier: Allein die 30 Millionen Euro sind für mich eine unvorstellbar hohe Summe. Was wirklich notwendig wäre, kann ich überhaupt nicht einschätzen. Wichtig wäre es, dass die Gelder tatsächlich effektiv verwendet werden und nicht in bürokratischen Maßnahmen verpuffen.

Nadine Hildebrand: Das weiß ich nicht. Allerdings wäre es mehr als gerecht, wenn jeder Sponsor und jede Regierung, deren Sportler an Wettkämpfen teilnimmt, einen Prozentsatz der bereitgestellten Gelder für den Anti-Doping-Kampf zur Verfügung stellen müsste.

Claudia Pechstein: Beträge, die ausreichend sind, um die Top-Ten-Platzierten der jüngsten Continental-Meisterschaft eines jeden Verbandes mindestens dreimal im Monat einer unangemeldeten Trainingskontrolle zu unterziehen. Um dieses Kontrollsystem finanzieren zu können, muss jeder Verband 15 Prozent seiner Sponsoreneinnahmen an einen neu einzurichtenden Anti-Doping-Fonds der Wada abführen. Hinzu kommen 25 Prozent aller Gewinne, die bei internationalen Sportereignissen erzielt werden – auch bei einer WM und Olympischen Spielen.

Frank Stäbler: Das ist für mich schwer zu beurteilen. Ich kenne die Verteilung des Budgets nicht. Für eine weltweite Organisation klingt das natürlich sehr wenig. Die internationalen Fachverbände sollten anhand ihrer Größe einen Pauschalbetrag an die Wada bezahlen. Außerdem müssten für Dopingsünder auch Strafgelder auferlegt werden, die von nationalen Verbänden getragen werden ­müssen.

Silke Kassner: Das Budget ergibt sich durch die Aufgaben, welche die Wada, die nationalen Anti-Doping-Agenturen, die Forschung und die Kontrolllabore zu erfüllen haben. Eine fixe Zahl zu nennen, ist nicht möglich, da diese Gesamtinvestition bisher nicht erhoben wurde. Als Athleten sind wir nach wie vor der Meinung, dass sich alle Anspruchsgruppen im Sport am Anti-Doping-Kampf beteiligen müssen. Dazu zählen neben den Sportverbänden, den Regierungen, den nationalen Anti-Doping-Agenturen auch die Unternehmen, die als Partner und Sponsoren des Sports enorme Vermarktungsmehrwerte generieren. Bisher werden in Lizenz- und Vermarktungsverträgen keine Anteile an das Anti-Doping-Management geleistet. Als Wirtschaftspartner im Sport muss man sich für den sauberen Sport entscheiden. Wenn nicht jetzt, wann dann?

In welchem Bereich würden Sie besonders viel investieren?

Laura Dahlmeier: Zum einen in die Prävention und die Aufklärung im Nachwuchsbereich. Da gibt es noch immer großen Nachholbedarf, vor allem auch international, soweit ich das beurteilen kann. Hochleistungssport bedeutet nicht, um jeden Preis zu gewinnen. Zum anderen sehe ich auch noch Potenzial bei der individuellen Beratung von Athleten, sowohl bei der Ernährung als auch im psychologischen Bereich. Gerade wenn es mal nicht so läuft und die Versuchung zu dopen vielleicht besonders groß ist, könnte man hier eventuell noch zusätzlich präventiv unterstützen. Und dann natürlich bei den Kontrollen: Es wäre schön, wenn die Kontrolleure beim Hase-und-Igel-Spiel nicht immer nur der zweite Sieger wären.

Nadine Hildebrand: Es müsste in die Forschung und Entwicklung von neuen und schnelleren Tests investiert werden. Außerdem in gezielte unangemeldete Kontrollen zu allen Tages- und Jahreszeiten in allen Sportarten und vor allem in allen Ländern. Wird dies von den Ländern oder anderen höheren Stellen behindert (etwa durch Einreisebeschränkungen), müsste dieses Land direkt generell gesperrt werden, da es offensichtlich nicht an einem sauberen Sport interessiert ist. Wer nicht an sauberem Sport teilnehmen möchte, muss es nicht!

Claudia Pechstein: Das Wichtigste sind und bleiben die Kontrollen. Deshalb muss jedes Land verpflichtet werden, nach den Vorgaben der Wada Labore mit vergleichbaren Standards einzurichten. Hier werden die Proben untersucht und ausgewertet – unter Wada-Aufsicht. Wada-Mitarbeiter erhalten für alle Nationen ein Dauervisum, um problemlos unangemeldete Kontrollen durchführen zu können. Dopingverfahren werden vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas) verhandelt, der auf allen Kontinenten vertreten sein muss. Zuvor muss er allerdings zu einem wirklich unabhängigen Gericht umfunktioniert werden.

Als Cas-Richter dürfen ausschließlich Juristen arbeiten, die keinerlei Tätigkeit in einem oder für einen Sportverband ausüben. Bei der Nominierung für den Richterpool sind Verbände und Sportler gleichberechtigt. Die drei Richter, die einen Fall verhandeln, werden ausgelost. Alle Verhandlungen sind öffentlich. Bei der indirekten Beweisführung gilt die Unschuldsvermutung. Der im Strafrecht gültige Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ wird eingeführt. Sportler, die des Dopings überführt werden, erhalten lebenslange Sperren. Der Weg zum sauberen Sport führt nur über Abschreckung durch drastische Strafen.

Frank Stäbler: Unabhängige und unangemeldete Trainingskontrollen halte ich für sehr wichtig. Nur wenn dies weltweit einheitlich geregelt ist, hat der Anti-Doping-Kampf eine Chance.

Silke Kassner: Um im Kampf gegen Doping voranzukommen, muss man sicher in den Athleten selbst investieren. Dem Sportler müssen ein Auskommen während seiner Karriere und eine Perspektive nach dem Sport geboten werden. Er muss als mündiger Athlet seine sportliche Entwicklung auf Augenhöhe mit dem Verband vorantreiben können. Wenn ich in den Kampf gegen Doping investieren würde, dann unbedingt in Maßnahmen, die der kulturellen Veränderung im Sport dienen. Der Athlet darf nicht Mittel zum Zweck sein und für eine Medaillenbilanz missbraucht werden.

Hätten Sie eine neue Idee für den Anti-Doping-Kampf?

Laura Dahlmeier: Es gibt ja immer wieder neue Ansätze, die in Richtung gläserner Athlet gehen – mit durchgängig einsehbaren Daten. Ich hätte da grundsätzlich nichts dagegen. Aber wichtig ist, dass das gesamte Kontrollsystem auch für den einzelnen Athleten noch einigermaßen zumutbar ist. Das An- und Abmeldeverfahren, so wie wir es aktuell haben, ist eine Katastrophe. So etwas muss mit den technischen Möglichkeiten, die es heutzutage gibt, einfach besser, schneller und effektiver gehen.

Nadine Hildebrand: Da ich keine Doping-Expertin bin, muss ich bei dieser Frage leider passen.

Claudia Pechstein: Ich bin unschuldig verurteilt worden und weiß, was das bedeutet. Deshalb sollte die Wada verpflichtet werden, aus den zuvor beschriebenen Einnahmequellen einen Pool von Pflicht-Sachverständigen zur Verfügung zu stellen. Diese Sachverständigen aus Wissenschaft und Medizin stehen den Sportlern zur Verfügung, um mögliche körpereigene Ursachen für abnormale Blutwerte zu finden. Werden die angeklagten Sportler durch diese Untersuchungen entlastet, trägt der Fonds die Kosten. Im anderen Fall haften sie für die Kosten der Untersuchungen.

Frank Stäbler: Die Wada muss von den Verbänden auch als Strafinstanz eingesetzt werden – eine unabhängige Organisation, die auch das Strafmaß für die jeweiligen Sünder festlegt.

Silke Kassner: Der Kampf gegen Doping muss unabhängig, international und finanziell gut aufgestellt sein. Es gibt zahlreiche Anspruchsgruppen und Stakeholder, die auf Grund ihrer Expertise und Erfahrung einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung eines immer aktuellen Anti-Doping-Managements leisten können – doch Labore, Forschungseinrichtungen, die Athleten und die nationalen Anti-Doping-Agenturen sind in der aktuellen Struktur unterrepräsentiert. Sie müssen unbedingt mehr eingebunden werden, sonst ist eine Fortentwicklung nur halbherzig gedacht.

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