In Lauffen, der Geburtsstadt Friedrich Hölderlins, wird das Haus der Familie zu einem Kulturzentrum ausgebaut. Im März 2020 soll es eröffnet werden – rechtzeitig zur Feier des 250. Geburtstags des Dichters.
Lauffen - Lauffens Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger hat keinen Grund zur Klage: Die Stadt mit 10 000 Einwohnern wird 2020, zum 250. Geburtstag des Dichters, eine neue Hölderlin-Gedenkstätte eröffnen – und zwar im Wohnhaus der Familie in der Nordheimer Straße 5. Sie soll allerdings kein Museum werden, sondern ein Kulturzentrum für Veranstaltungen und Begegnungen, sagt Waldenberger. Die Gesamtkosten werden etwa 5,3 Millionen Euro betragen. Dank der Spende des Unternehmers Heinz-Dieter Schunk, den Zuschüssen des Landes, der Förderung des Denkmalamts und der Stiftung des ZEAG-Zementwerks trägt die im Landkreis Heilbronn gelegene Stadt nur noch 1,3 Millionen Euro.
Nachdem Schunk das Haus gekauft und seiner Heimatgemeinde geschenkt hatte – zuvor hatte die Stadt sich jahrelang vergeblich darum bemüht –, konnte das Vorhaben angegangen werden, aus dem an das Klosterhofareal angrenzenden Wohnhaus einen Ort für Hölderlin zu machen. Bisher gab es hier nur ein schön gestaltetes „Hölderlinzimmer“, vielleicht das kleinste Literaturmuseum im Land und das halbkreisförmige Steindenkmal, vor dem auch schon der Hölderlin-Verehrer und Lyriker Paul Celan (1920–1970) stand. Das Wohnhaus soll keine weihevolle Stätte werden, sondern ein Ort, der den Dichter für die Menschen von heute lebendig macht und ihnen nahebringt.
In der Nordheimer Straße 5 wohnten überwiegend Frauen
Helge Spieth, Leiter des Lauffener Bauamts, kann von mancher Überraschung im Lauf der Sanierung berichten: Im großen Gewölbekeller stießen die Archäologen auf zwei frühmittelalterliche Grubenhäuser. Das auf dem alten Kern von 1750 stehende „anspruchsvolle barocke Bauernhaus“, wie es die Denkmalpflege beschreibt, hatte auch sonst Tücken. Dennoch kann die Raumstruktur weitgehend bewahrt werden. Auch die Vorschriften für Barrierefreiheit und Brandschutz zu erfüllen war ein Kraftakt.
Gebaut hat das Haus der Großvater des Dichters, Klosterhofmeister Friedrich Jacob Hölderlin; Friedrich Hölderlin wuchs hier auf. Es war, so sagt Eva Ehrenfeld, die Hölderlin-Beauftragte der Stadt, vor allem ein Frauenhaus, denn nach dem frühen Tod von Hölderlins Vater lebte hier viel weibliche Verwandtschaft aus der verzweigten „schwäbischen Ehrbarkeit“. Inzwischen verfestigt sich mehr und mehr die Ansicht, es könnte auch das Geburtshaus des Dichters sein. Letzteres sei nämlich nicht, wie bisher angenommen, das 1918 abgerissene Amtshaus auf dem Klosterhofareal. Im Raumkonzept des Stuttgarter Büros VON M führen Stege vom Bestandshaus zu einem luftigen Foyer im Anbau – so, als hätte Hölderlin hier schon „Komm, ins Offene, Freund!“ gefordert.
Das Haus soll seinen Originalcharakter behalten
Bürgermeister Waldenberger betont, dass das Haus authentisch bleiben und seinen Originalcharakter behalten werde. Noch ist die Baustelle mit dicken Planen verhängt. Gäste stolpern über freigelegte Fußbodenbohlen oder müssen den Kopf unter neu eingezogenen Deckenbalken einziehen. Unterm Dach, unter der original erhaltenen Stuckdecke aus der Hölderlinzeit, wird es eine Bibliothek geben.
Für vier Räume im Haus hat Eva Ehrenfeld ein Konzept erdacht, von dem sie meint, dass es den Dichter und auch den Menschen Hölderlin den Besuchern auf neue Weise nahebringen wird. Auf hängenden Elementen werden Facetten der Dichterpersönlichkeit stichwortartig aufgegriffen: Sohn, Bruder, Freund, Genius – ausschließlich mit Originalzitaten Hölderlins untermauert.
Bürgermeister Waldenberger sagt, seit Jahren habe es in Lauffen keine Gemeinderatssitzung mehr gegeben, in der nicht Entscheidungen zum Hölderlinhaus auf der Tagesordnung gestanden hätten. Anfang Juli wird die Entscheidung über Eva Ehrenfelds Konzept fallen. Sie ist gespannt, welche Resonanz es finden wird. Wie schrieb schon Hölderlin: „Der Dichter muss, wenn er seine kleine Welt darstellen will, die Schöpfung nachahmen.“