Wer den Bund fürs Leben eingeht, will nur eins: Für immer zusammen bleiben. Doch viele Paare stellen sich nicht die richtigen Fragen, bevor es ernst wird. Paartherapeut Oliviero Lombardi gibt Tipps, wie es mit diesem „Für immer“ klappen könnte.
Stuttgart - Oftmals stellen sich Paare vor der Hochzeit Fragen, die sie panisch oder unsicher werden lassen, weil eine Hochzeit der Punkt ist, an dem es gefühlt ernst wird. Die erste Frage, die man sich stellen sollte, lautet: Liebe ich meinen Partner wirklich? Nur das ist die Basis einer tragfähigen Beziehung. Alles andere führt zu Ausweichmöglichkeiten, wie Affären oder einem Auseinanderleben.
Akzeptanz und Wertschätzung
Liebt mein Partner mich wirklich, wäre die zweite Frage, die man sich stellen sollte. Es ist wichtig, zu wissen, warum der andere den Rest des Lebens mit einem verbringen möchte – und was er an einem schätzt. Dabei geht es um sogenannte „Trotz“-Begründungen: „Ich liebe dich trotz deiner verstrubbelten Haare am Morgen“ ist besser, als „Weil“-Begründungen à la „Ich liebe dich, weil du sexy bist und gut kochen kannst.“ Nur wenn man den anderen richtig wertschätzen kann und einem die Makel nicht stören, werden sie einem später nicht auf die Füße fallen. Eine gute Partnerschaft beruht auf Akzeptanz und Wertschätzung.
Man sollte sich fragen, ob man den anderen nur heiratet, weil man hofft, dass er oder sie noch ändert. Das ist falsch, denn man kann niemanden ändern oder retten. Frauen hoffen oftmals, dass sie Männer noch ändern können, während Männer häufig wollen, dass alles so bleibt, wie es ist.
Den Partner richtig kennenlernen
Man sollte den Partner vor einer Hochzeit richtig gut kennenlernen. Das erscheint eigentlich ganz normal, jedoch wissen viele wenig über die Person, mit der sie den Rest ihres Lebens verbringen wollen. Wer ist die Person, wie war ihre Kindheit, warum scheiterten die Ex-Beziehungen, was sind ihre sexuellen Bedürfnisse und Wünsche? Man sollte genau hinschauen und prüfen, bevor man den Bund fürs Leben eingeht. Oft höre ich von Frauen, dass die Männer wenig über sich erzählen. Da frage ich mich schon, wie man dann überhaupt mit so einer Person zusammen sein kann, die nie teilt, was sie eigentlich bewegt. Man sollte sich auch nicht blenden lassen, sondern hinter die Kulissen blicken – und das nicht in Streitsituationen.
Viele Beziehungen entstehen aus One-Night-Stands oder Freundschaft Plus, man bleibt irgendwie hängen – und schwupps ist man zehn Jahre zusammen und stellt sich die Kinderfrage. War man zu bequem um sich zu trennen? Sind wir zwei „Übriggebliebene“? Solche Beziehungen sind meistens nicht tragfähig und werden auch durch eine Hochzeit oder Kinder nicht besser.
Haben wir eine gute Streitkultur?
Kalte Füße vor einer Hochzeit sind nicht unbedingt ein Alarmsignal, sondern ein Zeichen dafür, dass einem die Ernsthaftigkeit der Situation bewusst wird, was auch schön ist. Eine Hochzeit ist ein Commitment, das die Beziehung ändert und auf eine andere Ebene hebt.
Wichtig ist, dass man vor einer Hochzeit prüft, ob man gut miteinander reden und Konflikte konstruktiv lösen kann. Denn Konflikte werden immer kommen, besonders, wenn man auch eine Familie gründen will. Hat man eine gute Streitkultur oder schreit man sich nur an? Gehört man zu Kategorie zwei, sollte man sich in gewaltfreier Kommunikation üben. Ein weiteres schlechtes Zeichen ist, wenn sich Paare gar nicht streiten und Konflikten immer nur ausweichen. Eine Beziehung ist auch zum Scheitern verurteilt, wenn sie so oberflächlich ist, dass man nie streitet.
Auch sexuelle Bedürfnisse sollten offen kommuniziert werden, bevor es zu Frustrationen kommt, oder gar kein Sex mehr stattfindet. Viele Paare stellen nämlich ihr Liebesspiel ein, anstatt darüber zu sprechen, was sie sich im Bett vom anderen wünschen.
Nicht überstürzt heiraten
Was ich nicht empfehle, ist eine überstürzte Hochzeit nach ein paar Monaten. Man kennt den Partner noch gar nicht und ist in der Regel verblendet und in der Verliebtheitsphase. Es ist paradox, denn man hat so starke Gefühle für jemanden, der im Prinzip ein Unbekannter ist. Aus so einer Emotion heraus zu heiraten, halte ich für gefährlich. Man weiß nie, welche Abgründe sich noch auftun.
Beim Zusammenziehen finde ich es allerdings gut, wenn man Nägel mit Köpfen macht und schon nach kurzer Zeit ein gemeinsames Heim einrichtet. Nach einem halben Jahr oder einem Jahr ist eine schöne Nagelprobe. Wenn es funktioniert, ist schon mal ein Schritt getan. Ich erlebe es immer wieder, dass Paare erst nach der Hochzeit zusammenziehen und sich dann wundern, dass es mit den Herausforderungen des Alltags und dem Haushalt nicht klappt.
Wie waren die Ex-Beziehungen?
Vor einer Hochzeit sollte man auch den Partner nach seinen vorherigen Beziehungen befragen und herausfinden, warum sie gescheitert sind und was er oder sie daraus gelernt hat. Das empfehle ich übrigens auch schon bei der Beziehungsanbahnung, weil man schon viel heraushören kann. Wenn der Partner nur über die Ex-Partner lästert und ihnen die Schuld am Aus der Beziehungen gibt, ist es ein Alarmzeichen: Dann ist der andere nicht reflektionsfähig, sieht seinen eigenen Anteil nicht oder hat einen Hass auf vorherige Liebschaften, was sehr ungünstig ist.
Hat man bereits eine Ehe hinter sich, gilt es zu hinterfragen, welche Lehren man aus diesem Scheitern gezogen hat und woran es lag, dass es nicht funktioniert hat. Auch hier geht es um den eigenen Anteil und die Fähigkeit zu reflektierten. Geschiedene, die das hinbekommen, haben den Vorteil, dass sie bereits Erfahrung haben und daraus gelernt haben.
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