So süß der Nachwuchs auch ist, das Schlafdefizit dank des Kleinen würden sich viele Paare wohl gern sparen. Foto: stock.adobe.com/pololia

Weniger Schlaf, weniger Sex und mehr Stress – wenn Paare Kinder kriegen, leidet oft die Beziehung. Wie man es schafft, den Nachwuchs und die Partnerschaft unter einen Hut zu bekommen, erklärt Paartherapeut Oliviero Lombardi.

Stuttgart - Bekommen Paare Kinder, wird der Alltag plötzlich sehr hektisch. Das Kind schreit, es will aber nicht essen. Man legt es hin, es will aber nicht schlafen. So kommen die Partner schnell ans Ende ihrer Nerven. Dann drückt man dem Partner das Kleine in die Hände - „Mensch, hilf doch mal“. Bis schließlich ein unüberlegter Satz fällt: „Nur, weil du unbedingt dieses Kind wolltest.“ Wenn es soweit kommt, ist schon eine Menge schiefgelaufen.

Kinder können das Lebensglück schlechthin sein. Trotzdem müssen sich die Partner bewusst sein, was auf sie zukommt und am besten schon vor der Geburt besprechen, wie man sich das Leben mit einem Kind vorstellt. Will oder kann einer im Job nicht kürzertreten, sollte sie oder er das im Vorfeld ansprechen. Solange der andere Teil des Paares bereit ist, sich dafür mehr um das Kind zu kümmern, muss das kein Hindernis sein.

Kinder durchschauen, wenn sich die Eltern uneinig sind

Ist der Nachwuchs erst mal da, ist Stress unvermeidbar. Ein Kind bringt jede Menge Veränderungen mit sich. Statt zusammen tanzen zu gehen, spielt man samstagabends mit Bauklötzen. Statt zum Sport, fährt man zum Kindergarten. Das spannt eine Beziehung an. Am Anfang kommt zusätzlich noch das Schlafdefizit dazu. Nicht umsonst wurde Schlafentzug früher als Foltermethode benutzt. Ein Kind, dass nachts keine Ruhe gibt, kann Paare an den Rand des Wahnsinns bringen.

Die gute Nachricht: Gemeinsam kann man Kinder auch in schwierigen Phasen in den Griff bekommen und außerdem noch die Beziehung am Leben erhalten. Man muss nur ein paar Dinge beachten. Oft haben die Partner verschiedene Erziehungsstile von den eigenen Eltern mitbekommen und übernehmen diese ohne nachzudenken. Das durchschauen die Kleinen schnell und wissen dann: Wenn ich das will, geh ich zu Mama, wenn ich dies will, gehe ich zu Papa. Ich empfehle den Eltern deshalb, regelmäßig eine Familienkonferenz abzuhalten und zu besprechen, wie man in der Erziehung auf einen Nenner kommt. Sonst spielen die Kinder ihre Eltern irgendwann gegeneinander aus.

Steht das Kind im Fokus, nimmt Sexualität ab

Viele Leute neigen auch dazu, ihre Kinder zu wichtig zu nehmen. Das geht so weit, dass sie dem „kleinen Prinzen“ oder der „kleinen Prinzessin“ eine Art Altar bauen, mit Fotos, einem Abdruck der Hand und so weiter. An sich schön und niedlich, aber wird das Kind mehr und mehr zum ausschließlichen Mittelpunkt des Lebens, vernachlässigt man sich selbst, die Partnerschaft und oft auch das Sexualleben.

Während der Schwangerschaft und kurz nach der Geburt ist Sex schon rein körperlich schwierig, außerdem haben die frisch gebackenen Eltern andere Dinge im Kopf. Dass die Zärtlichkeiten dann weniger werden, ist also erst mal ganz natürlich. Oftmals ist es aber so, dass dann der Schritt zurück in ein normales Sexualleben verpasst wird. Man ist gewohnt, weniger miteinander zu schlafen und zu beschäftigt, sich wieder umzustellen.

Elter müssen sich bewusst Zeit füreinander nehmen

Um diesem Kreislauf zu durchbrechen, rate ich den Paaren in meiner Praxis, dreierlei Zeiten einzuführen: Paarzeit, Individualzeit und Familienzeit. Ohne Hilfe von außen wird das allerdings nur schwer klappen. Ich erlebe immer wieder Eltern, die sagen, sie wollen keinen Babysitter holen, bevor das Kind ein paar Jahre alt ist. Aber hat man ein paar Jahre lang keine Paarzeit, ist man bald auch kein Paar mehr. Irgendwann wird einer nämlich eifersüchtig auf das Kind, weil das Interesse des Partners nur noch auf dem Nachwuchs liegt, und fühlt sich vernachlässigt.

Deshalb sollte man sich nicht scheuen, dass Kind mal den Eltern, Freunden oder einer Nanny anzuvertrauen. Nach einer Auszeit zu zweit kommen einem Babygeschrei und volle Windeln nämlich nur noch halb so schlimm vor.

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Wenn jeder Gang zur Toilette zur Qual wird

Warum der Sex der anderen (nicht) immer besser ist

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