Der Partner klammert, will ständig Liebesbeweise und ist eifersüchtig. Verlustangst kann Beziehungen stark belasten. Wie man sie erkennt und es schafft, sie zu überwinden, erklärt Diplom-Psychologe und Paartherapeut Oliviero Lombardi.
Stuttgart - Verlustängste sind im Endeffekt immer ein Zeichen von mangelndem Selbstwertgefühl. Die Idee, dass der andere einen aufgeben könne, hat immer mit der Idee zu tun, dass man dem anderen nicht genügt oder er etwas Besseres finden würde.
Natürlich kann auch ein Partner, der sich selbst nach anderen umschaut, Verlustängste entwickeln. Solche Befürchtungen kann auch schüren, wenn ein Partner - aus der Beziehungshistorie heraus - häufig Partnerschaften gewechselt hat oder fremdgegangen ist. Aber, wenn jemand vor Selbstbewusstsein strotzt, ist in seinem Mindset abgelegt, dass es keinen besseren Partner geben kann. Am Ende ist es also eine Selbstwert-Thematik.
Wie geht man mit Kontrollzwang und Eifersucht um?
In der Regel beginnt der misstrauische Partner zu kontrollieren und wird eifersüchtig, um sich so Beruhigung zu verschaffen. Das ist erstens falsch und führt zweitens nicht zum Erfolg. Da die Verlustangst eine Selbstwert-Problematik ist, hilft am Ende nur die eigene Arbeit am Selbstbewusstsein und –vertrauen.
Das wird jedoch selten gemacht. Stattdessen wird vom Partner verlangt, dass er ständig bezeugt, wie groß seine Liebe ist. Doch das hilft nicht, denn die Beruhigung kann nur von innen kommen – und niemals von außen.
(Kindheits-)Trauma überwinden
Eine Person mit Verlustängsten sollte zum einen an sich arbeiten und eine Therapie machen und zum anderen mit der Partnerwahl bewusster und vorsichtiger umgehen. Was beziehungsdynamisch oft hinzukommt, ist, dass derjenige mit Verlustängsten sich die Partner sucht, die potenziell eher Beziehungen aufgeben oder fremdgehen. So will der Partner mit Verlustängsten eine korrigierende Erfahrung machen oder ein Trauma aus der Kindheit oder vorherigen Beziehungen überwinden – wider alle Vernunft.
Menschen entwickeln Verlustängste, wenn sie zum Beispiel in ihrer Kindheit erfahren haben, dass sie ihren Eltern nicht genügen oder nicht wichtig genug sind. Auch eine Trennung der Eltern kann der Ursprung von Verlustängsten sein.
„Bitte nicht helfen!“
Der Partner einer verlustängstigen Person sollte nach dem Motto verfahren: Bitte nicht helfen! Wenn der andere seine Verlustangst überwinden soll, hilft es ihm nicht, wenn man das kranke System durch Liebesbekundungen oder Kontrolle unterstützt. Dadurch festigt man nur den Spleen des anderen und belässt ihn in der Komfortzone. Wenn man dem Partner täglich schwört, dass man ihn liebt und sein Handy kontrollieren lässt, macht der andere keine Therapie. Der Partner des Verlustängstigen sollte sich nicht kontrollieren lassen und dem Wahn nicht nachkommen, denn der andere muss lernen, zu vertrauen.
Wenn es aber einen Anlass für das Misstrauen gibt, muss darüber gesprochen werden. Warum macht der Partner anderen schöne Augen oder ist vielleicht sogar fremdgegangen? Eifersucht bedeutet am Ende: „Du bist nicht ok. Du bist ein (notorischer) Fremdgeher. Ich kann dir nicht vertrauen.“ Wenn man das lange genug sagt, schiebt man den anderen in diese Rolle. Diese Strategie bewirkt genau das Gegenteil.
80 Prozent haben mangelndes Selbstwertgefühl
Es ist keine Basis für eine funktionierende Beziehung, wenn man seinen Partner kontrolliert und am Handy heimlich Nachrichten liest. Dann hat der andere echt ein Problem und muss sich diesem stellen. Die Beziehung zu beenden wäre die falsche Reaktion, da die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass man wieder an jemanden gerät, der ein mangelndes Selbstbewusstsein hat. Denn etwa 80 Prozent der Menschen haben ein nicht ausreichend ausgeprägtes Selbstwertgefühl, weil wir – ob von den Eltern oder der Gesellschaft – viel zu wenig Wertschätzung erhalten.

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