Ob Radfahren, Joggen oder Schwimmen ist egal. Hauptsache, man bewegt sich häufig, sagen die Leiter der Studie. Foto: dpa

Wer Sport treibt, bleibt länger jung – zumindest, was die Motorik betrifft. Das belegt eine aktuelle Auswertung der Langzeitstudie „Gesundheit zum Mitmachen“ von Karlsruher Forschern.

Karlsruhe / Bad Schönborn - Welche Ziele verfolgt das Projekt „Gesundheit zum Mitmachen“?

Die Studie läuft inzwischen seit 25 Jahren. Bis zu 500 Probanden aus der Gemeinde Bad Schönborn im nördlichen Landkreis Karlsruhe nehmen daran regelmäßig teil. Dabei sind Männer und Frauen, im Erwachsenenalter zwischen 35 und etwa 80 Jahren. Initiiert wurde die Studie von den Sportwissenschaftlern Klaus Bös und Alexander Woll – die beide aus Bad Schönborn stammen. Die bisherigen Ergebnisse zeigen: körperlich aktive Menschen bleiben länger fit. „Sportler sind in der Motorik zehn Jahre jünger“, sagt Alexander Woll, Leiter des Sportinstituts des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Seit 1992 werden die Teilnehmer der Studie immer wieder auf Kraft, Beweglichkeit, Ausdauer oder Feinmotorik getestet. Das bundesweit einzigartige Langzeitprojekt verfolgt dabei wissenschaftliche und praktische Ziele: die Initiierung und Umsetzung von gesundheitsfördernden Maßnahmen, die Planung und Konzeption einer wissenschaftlichen Langzeitstudie zu den Wechselbeziehungen von Aktivität, Fitness und Gesundheit sowie die Entwicklung von „Transferbausteinen“ einer auf mehr Bewegung hin orientierten Gesundheitsförderung für andere Kommunen. Die Frage der Ernährung wurde in der Studie bewusst vernachlässigt: „Es hätte den Rahmen gesprengt und uns fehlte schlicht die Expertise auf diesem weiten Feld“, sagt Klaus Bös, früher Leiter des Karlsruher Sportinstituts.

Wie sind die Forscher vorgegangen?
Zur ersten Untersuchung im Jahr 1992 wurden in Bad Schönborn 500 Bürgerinnen und Bürger im Alter von 35 bis 55 Jahren zufällig ausgewählt. Für die weiteren Erhebungszeitpunkte (1997, 2002, 2010 und 2015) wurden diese Personen erneut zur Untersuchung eingeladen. Zusätzlich wurde jeweils „eine neue Altersklasse“ 35-Jähriger hinzugefügt. Inzwischen reicht die Altersspanne der untersuchten Personen von 35 bis etwa 80 Jahren. Etwas mehr als 120 Personen nahmen bislang an allen Messzeitpunkten teil, ein Teil der Probanden schied in der Zwischenzeit wieder aus.
Wie laufen die Untersuchungen ab?
Für die Untersuchungen wurde die Schönbornhalle, der zentrale Veranstaltungsort der Stadt, umfunktioniert. Die Probanden werden jeweils mittels Fragebögen zu ihrer Gesundheit und den körperlich-sportlichen Aktivitäten befragt. Die körperliche Fitness wird durch sportmotorische Tests für Kraft, Ausdauer, Koordination und Beweglichkeit untersucht; ein Arzt, eine medizinisch-technische Assistentin (MTA) und Sportwissenschaftler des KIT bilden das Untersuchungsteam. Auch Blut- und Körperfettwerte sowie das seelische Wohlbefinden der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie werden ermittelt.
Was sind bisher die wichtigsten Ergebnisse?
Gesundheitliche Einschränkungen nehmen mit dem Alter zwangsläufig zu. Sportler sind davon aber deutlich seltener betroffen. Die Studie „Gesundheit zum Mitmachen“ in Bad Schönborn zeigt, dass Personen, die sich ausreichend bewegen, weniger Beschwerden haben als Inaktive. Dagegen klagen Personen, welche die – auch von der Weltgesundheitsorganisation WHO – empfohlenen 2,5 Stunden „moderate körperliche Aktivität“ pro Woche nicht erreichen, laut den KIT-Experten rund dreimal so häufig über gesundheitliche Probleme in den Bereichen Herz-Kreislaufsystem, Orthopädie und Neurologie; und entwickeln viermal so häufig „Typ 2 Diabetes“ wie sportlich Aktivere. „Was mich total überrascht hat, ist: Schon bei zwei Stunden Sport pro Woche sinkt das Risiko für Herz/-Kreislauferkrankungen um das fünffache“, erklärt Woll.
Was haben die Versuchsteilnehmer für sich persönlich verändert?
Die Studie berichtet von einem deutlichen Anstieg körperlich-sportlicher Aktivitäten der Bad Schönborner Bevölkerung. Die größten Zuwächse zeigt die Kohorte der 51- bis 60-Jährigen. Während diese Altersgruppe 1992 nur rund 45 Minuten Sport pro Woche trieb, waren es 2015 durchschnittlich 120 Minuten. Gleichzeitig nahmen auch die Alltagsaktivitäten zu: die wöchentlichen Radminuten stiegen von 48,8 Minuten im Jahr 1992 auf 106,2 Minuten im Jahr 2015 an. Laut Klaus Bös sei nicht wesentlich, welche Sportart man treibe. „Sport muss zum Menschen passen und nicht umgekehrt“, sagt er. Das könne Laufen, Joggen, Fahrradfahren sein. Zwang gebe es nicht: „Die Teilnehmer erhalten keine Hausaufgaben.“
Gibt es auch Kehrseiten?
Trotz eines allgemein positiven Trends erfüllen bei weitem nicht alle Bad Schönborner die Aktivitätsempfehlungen der Initiatoren der Studie vom KIT in Karlsruhe. Allerdings ging der Anteil der Übergewichtigen dort etwas zurück. Als übergewichtig gelten Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 25. Der BMI wird berechnet, indem man die Körpermasse (in Kilogramm) durch die Körpergröße (in Metern) teilt. Der Anteil der Bürger mit einem BMI über 25 ist in Bad Schönborn von 55,2 Prozent (1992) auf 51,4 Prozent (2015) zurückgegangen. Der Bürgermeister der Stadt, Klaus Detlev Huge, hofft weiterhin „auf einen Effekt des schlechten Gewissens“. Lokale Medien würden regelmäßig über das Projekt berichten.
b>Fünf Tipps für Bewegungsmuffel
Klein anfangen: Als Erstes sollte man für sich einen realistischen Trainingsplan entwerfen. Wichtig ist, dass man langsam, aber regelmäßig und langfristig in Bewegung kommt. Für die Sportarten Laufen, Radfahren und Schwimmen hat die Präventionskampagne „Bewegung gegen Krebs“ der Deutschen Krebshilfe, des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) und der Deutschen Sporthochschule Köln Trainingspläne zusammengestellt: www.bewegung-gegen-krebs.de.

Ziele einhalten: Oft fällt es am schwersten, sich aufzurappeln. Hier ist Willenskraft gefragt. Wer sich vornimmt, nach der Arbeit ins Fitnessstudio zu gehen, sollte dies fest einplanen und die Sporttasche mit zur Arbeit nehmen. Ist der Anfang geschafft, wird das Training meist bis zum Ende durchgeführt.

Bewegungstagebuch führen: Vor dem ersten Training notiert man Gesundheitsdaten wie Gewicht und Cholesterinwerte. Nach dem Training wird die Leistung notiert – etwa wann, wie und wie lange man sich bewegt hat. Diese Werte werden kontrolliert: Leistung und Gewicht einmal pro Woche, medizinische Faktoren alle drei Monate.

Zwischendurch bewegen: Auch kleine Bewegungseinheiten tragen zum großen Ganzen bei. Deshalb lohnt es sich, öfter Treppen zu laufen, statt Aufzug zu fahren. Oder in der Mittagspause einen kleinen Verdauungsspaziergang einzulegen statt sich mit einem Kaffee an den Tisch zu setzen. Effektiv ist auch, mit dem Rad oder zu Fuß zur Arbeit zu kommen und das Auto stehen zu lassen.

Hilfe suchen: Ein persönlicher Trainer kann den Einstieg erleichtern. Qualifizierte Trainer findet man etwa über das Netzwerk Premium Personal Trainer Club, www.premium-personal-trainer.com.

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