Auch nach einer überstandenen Coronainfektion sind viele Patientinnen und Patienten noch nicht wirklich gesund. Welche Probleme treten bei den Betroffenen auf? Und was wissen Mediziner über diese Folgen?
Stuttgart - Schon bald nachdem immer mehr Patienten eine Infektion mit dem Coronavirus überstanden hatten, berichteten die Ärzte über Spätfolgen einer Covid-19-Erkrankung. Inzwischen gibt es zahlreiche Studien zu diesem vielfältigen Krankheitsbild, das als Long Covid oder Post Covid bezeichnet wird. Dabei sind auch jüngere Menschen sowie Patienten betroffen, die zunächst keine schweren Symptome entwickelt hatten. Wir geben einen Überblick über den Wissensstand.
Was versteht man unter Long Covid?
Bisher gibt es noch keine einheitliche Definition für Long Covid, also die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung. Klar ist, dass eine schwere Coronainfektion mit Lungenschäden – wie andere Lungenerkrankungen auch – Genesungszeiten erfordert, die sich meist über Wochen oder gar Monate hinziehen. Atemlosigkeit und Kurzatmigkeit gehören dabei zu den lange anhaltenden Symptomen.
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Das Robert-Koch-Institut (RKI) merkt aber an: „Darüber hinaus kommen, auch bei milderen Verläufen, längerfristige Müdigkeitserscheinungen, Merkstörungen, Gedächtnisprobleme oder Wortfindungsstörungen vor.“ Insgesamt ist das Krankheitsbild diffus.
Was sagt die Weltgesundheitsorganisation WHO dazu?
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Long Covid als eigenständige Krankheit anerkannt – und sieht Ähnlichkeiten mit dem Chronischen Erschöpfungssyndrom. Unlängst warb der Direktor des WHO-Regionalbüros Europa, Hans Kluge, dafür, den Langzeitfolgen mehr Aufmerksamkeit zu widmen: „Die Last ist echt und sie ist erheblich.“ Er wies darauf hin, dass die mit Long Covid verbundenen Probleme manche Patienten über Monate hinweg heimsuchen würden – mit schwerwiegenden sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen. Man müsse den Betroffenen zuhören und ihre Beeinträchtigungen verstehen.
Wie viele Menschen sind betroffen?
Das weiß niemand so genau. Auch Fachleute kommen bei ihren Studien zu einer großen möglichen Bandbreite an Betroffenen: zwischen gut zwei Prozent und rund drei Viertel hätten Probleme noch mehrere Monate nach einer Corona-Infektion. Die WHO geht von ungefähr zehn Prozent aus. Beim RKI heißt es dazu ziemlich lapidar: „Verlässliche, repräsentative Daten zum Anteil der Erkrankten mit Langzeitfolgen liegen derzeitig nicht vor.“
Warum sind die Studien unterschiedlich?
Das liegt vor allem daran, dass die beteiligten Mediziner und Forscherinnen unterschiedliche Ansätze verfolgen. Oft wird das Schicksal jener Covid-19-Patienten, die aus dem Krankenhaus entlassenen sind, monatelang weiter verfolgt. Das bedeutet, dass vor allem schwere Fälle ausgewertet werden. Andere Studien schließen weitere Personengruppen mit ein, sodass unterschiedlich schwere Krankheitsverläufe berücksichtigt werden.
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Hinzu kommt, dass der Fragenkatalog an die Betroffenen unterschiedlich ist: So kann man mehr oder weniger Symptome gezielt abfragen – und kommt damit auch zu jeweils anderen Ergebnissen. Gleichwohl ist unbestritten, dass Covid-19 für viele Menschen gravierende Langzeitfolgen hat. Und in der dritten Welle sind jetzt zunehmend jüngere Menschen betroffen, weil viele Senioren geimpft sind.
Wie äußern sich die Symptome?
Die Bandbreite ist sehr groß. Es gibt inzwischen viele Berichte über schlimme Einzelschicksale, etwa wenn ehemals gesunde junge Menschen – manchmal sogar Sportler – völlig erschöpft kaum noch ihr Leben meistern können. Nicht wenige Menschen leiden enorm unter den körperlichen und seelischen Belastungen, die monatelang andauern und sich kaum zu bessern scheinen.
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Hinzu kommt, dass zahlreiche Organe durch das Virus beeinträchtigt sein können, vor allem Lunge, Herz, Blutgefäße, Gehirn, Nerven und Nieren. Nicht zu vergessen sind die Belastungen auch bei scheinbar weniger schwerwiegenden, unerwarteten Folgen: So können bisher normale Leberwerte unerklärlich erhöht sein. Oder ein Lungenfunktionstest fällt viel schwächer aus als vor der Infektion – was etwa dann ins Gewicht fallen kann, wenn man eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen will.
Wer ist besonders betroffen und wie lange dauern die Symptome?
In einer umfangreichen britischen Studie mit 4182 Covid-19-Patienten wurden als Hauptrisikofaktoren für Langzeitfolgen ein höheres Alter und ein höherer Body-Mass-Index festgestellt. Zudem waren Frauen häufiger betroffen als Männer. Bei 13 Prozent der Patienten dauerten die Symptome länger als vier Wochen, bei 4,5 Prozent länger als acht Wochen und bei gut zwei Prozent länger als ein viertel Jahr.
Ebenfalls britischen Daten zufolge benötigten etwa 40 Prozent der im Krankenhaus behandelten Patienten längerfristige Unterstützung. Eine weitere Studie besagt, dass die Wahrscheinlichkeit für Long Covid steigt, wenn bei Erkrankten schon früh mehr als fünf Symptome auftreten. Long Covid ist nach schweren Krankheitsverläufen wahrscheinlicher, kann aber auch bei ursprünglich milden Symptomen auftreten.
Welche Erklärungsansätze gibt es?
Noch gibt es nur Spekulationen, wie es zu Long Covid kommen kann. Länger anhaltende Spätfolgen gibt es auch bei anderem Krankheiten, die durch Viren oder Bakterien verursacht werden. Ein bekanntes Beispiel ist das Pfeiffersche Drüsenfieber, das vom Epstein-Barr-Virus verursacht wird.
Die bei Long Covid besonders große Bandbreite der Symptome könnte auch damit zusammenhängen, dass das Immunsystem irgendwie nicht zur Ruhe kommt. So liegt etwa der bei Kindern und Jugendlichen auftretenden Corona-Komplikation PIMS ein Immunsystem zugrunde, das sozusagen Amok läuft – was lebensgefährlich werden kann.