Langzeitarbeitslose profitieren nach einer Bertelsmann-Studie kaum von der guten Wirtschaftslage. Foto: dpa

Der konjunkturelle Aufschwung geht an den Langzeitarbeitslosen vorbei. Ältere sind besonders betroffen.

Stuttgart - Obwohl in Deutschland noch nie so wenige Menschen ohne Arbeit waren, profitieren Langzeitarbeitslose einer aktuellen Studie zufolge bislang wenig von der guten Wirtschaftslage. Überproportional betroffen sind demnach Ältere und Geringqualifizierte, wie eine am Freitag veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt. Zwar sei der Anteil der langfristig Erwerbslosen im EU-weiten Vergleich nirgendwo so deutlich gesunken wie in der Bundesrepublik. Die Langzeitarbeitslosenquote sank demnach von 3,7 im Krisenjahr 2008 auf 1,9 Prozent 2015. Der Rückgang der Quote sei jedoch seit 2012 lediglich insgesamt steigender Beschäftigung in Deutschland geschuldet.

Tatsächlich halte sich Langzeitarbeitslosigkeit auch hierzulande hartnäckig, so die Arbeitsmarktexperten: Mehr als 43 Prozent aller Arbeitslosen in Deutschland suchen schon länger als ein Jahr nach einem neuen Job, knapp ein Drittel ist sogar mehr als zwei Jahre arbeitslos. In Baden-Württemberg ist die Lage etwas besser. Im Südwesten suchten in diesem Mai rund 31 Prozent der Arbeitslosen schon länger als ein Jahr nach einer Beschäftigung. Insgesamt waren es in Baden-Württemberg rund 69 700 Männer und Frauen. Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen um fast drei Prozent zurückgegangen.

Für die Studie haben die Experten Arbeitslosenstatistiken der 28 Mitgliedsstaaten ausgewertet. Demnach waren 2015 EU-weit mehr als zehn Millionen Menschen länger als zwölf Monate arbeitslos. Das entspricht 4,3 Prozent aller Erwerbsfähigen. Die Quote lag damit fast doppelt so hoch wie vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise im Jahr 2008.

Den höchsten Anteil an der Erwerbsbevölkerung hatten Langzeitarbeitslose 2015 in Griechenland (17,7 Prozent), gefolgt von Spanien (10,8 Prozent) und Kroatien (10,4 Prozent). Auf die niedrigsten Werte kommen Großbritannien und Schweden (je 1,5 Prozent) sowie Luxemburg, Dänemark und Österreich (1,6 Prozent). Die niedrigen Werte sind zum Teil allerdings auch auf unterschiedliche sozialrechtliche Regelungen zurückzuführen. So fallen in Ländern wie Dänemark, Schweden oder Österreich viele Arbeitslose aus der Statistik, weil sie Früh- oder Erwerbsminderungsrenten beziehen. In Deutschland sei diese Praxis der Frühverrentung weitgehend zugunsten der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt aufgegeben worden, heißt es in der Studie.

Ein Trend zur Höherqualifikation erschwert die Lage

Dass auch der seit einigen Jahren einsetzende Aufschwung für Langzeitarbeitslosigkeit keine Besserung brachte, liegt nach Einschätzung der Autoren auch am generellen Wandel in der Arbeitswelt: Manche Branchen, etwa in Industrie und Bausektor, traf die Krise mit besonderer Wucht. Den dort Entlassenen falle es mit ihren spezifischen Berufsprofilen oft schwer, in wachsende Felder, wie den Gesundheitssektor zu wechseln. Ein Trend zur Höherqualifikation erschwere die Lage. Das gilt besonders für Deutschland, wo es vor allem Geringqualifizierte und Ältere sind, die ein Jahr und länger in der Arbeitslosigkeit feststecken. So hat jeder dritte Langzeitarbeitslose keinen Berufsabschluss. 26 Prozent sind älter als 55 Jahre, der EU-Schnitt liegt in dieser Altersgruppe bei 13 Prozent. Torsten Lietzmann, Experte vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg, bestätigt in weiten Teilen das Ergebnis der Bertelsmann-Studie. Nach seinen Informationen passt es bei rund der Hälfte der Langzeitarbeitslosen nicht bei der Qualifikation, bei der anderen Hälfte spielen das Alter und gesundheitliche Probleme eine Rolle.

„Ein weiteres Problem ist aber auch, dass die Gruppe der Langzeitarbeitlosen sehr heterogen ist. Die Arbeitsvermittler müssen schon sehr genau hinschauen, um für die sehr unterschiedlichen Fälle Lösungen anbieten zu können“, sagte Lietzmann. „Wer aber nur etwas länger als ein Jahr auf der Suche ist, ist natürlich noch viel näher dran am Arbeitsmarkt als jemand, der bereits seit vier Jahren ohne Job ist.“

„Jobverlust im Alter wird in Deutschland zunehmend zu einer Falle, aus der sich die Betroffenen nicht befreien können“, sagte Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann-Stiftung. Angesichts des demografischen Wandels und des steigenden Renteneintrittsalters müssten Politik und Unternehmen seiner Meinung nach gemeinsam daran arbeiten, auch älteren Arbeitslosen neue Beschäftigungschancen zu eröffnen.

Für den schwer vermittelbaren „harten Kern“ der Langzeitarbeitlosen fordern die Studienautoren mehr Möglichkeiten der öffentlich geförderten Beschäftigung, um sie am Arbeitsmarkt und somit auch sozial teilhaben zu lassen.

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