Viele Firmen kürzen das Homeoffice. Vorsicht!, sagen Forscher vom Stuttgarter Fraunhofer IAO. In einer Langzeitstudie erkundeten sie das beste Verhältnis von Heim- und Büroarbeit.
Für sich hat Josephine Hofmann den Mix schon raus: Ein, zwei Tage arbeitet sie im Homeoffice, um auch mal „viele Dinge wegzuschaffen“, wie sie sagt. Die andere Zeit verbringt sie bei Kunden oder im Büro. Als Forscherin am Stuttgarter Fraunhofer IAO, das zur besten Organisation von Arbeit forscht, kann sie die Mischung weitgehend selbst bestimmen. Mehr noch: Sie überprüft ihre Studienergebnisse im eigenen Reality-Check.
Mit einer neuen, ungewöhnlichen Studie zur Produktivität in Homeoffice und Büro hat Hofmann noch mehr Material zum Abgleich für sich gewonnen – aber auch für alle Beschäftigten und Unternehmen, die sowohl Büro- wie auch Heimarbeit nutzen. Ungewöhnlich ist die Studie, weil Hofmanns Team mehr als ein Jahr lang eng mit der Techniker Krankenkasse (TK) die Produktivität untersuchte und detaillierte Einblicke in die Daten von rund 11000 Beschäftigten erhielt.
Das Team maß bei Sachbearbeitern die Produktivität im Homeoffice anhand der bearbeiteten Kundenanliegen und Telefonkontakte. Im Schnitt bearbeiteten diese zu etwa 20 Prozent mehr Anliegen und führten mehr Telefonate als im Büro. Das heißt: Die Produktivität im Homeoffice war um ein Fünftel höher als im Büro.
„Die Erkenntnisse lassen sich prinzipiell auch auf viele andere Unternehmen und Bereiche übertragen“, betont Hofmann: allen voran auf Banken, Versicherungen und Verwaltungen, aber auch auf die IT- und Automobilbranche bei Jobs mit vielen Routinearbeiten.
Das könnte jenen Unternehmen zu denken geben, die ihre Beschäftigten verstärkt ins Büro zurückrufen. Hier machten zuletzt unter anderem SAP, Mercedes und Bosch Druck. Die Begründung: Der persönliche Austausch und die spontane Abstimmung im Büro sei wesentlich für den Unternehmenserfolg.
Die Studienergebnisse liefern auch Hinweise, die die Argumentation von Mercedes & Co. stützen – allerdings nur zum Teil. „Wir konnten sehen, dass die Produktivitätsvorteile durch das Homeoffice nur bis zu einem bestimmten Punkt bestehen“, sagt Hofmann. Der Vergleich unterschiedlicher Dienststellen bei der Techniker Krankenkasse habe gezeigt, dass es einen Kipppunkt für die optimale Balance zwischen Homeoffice und Präsenz gebe. Im Fall der Krankenkasse sank die Produktivität nach 60 Prozent Homeoffice wieder. „Ab diesem Kipppunkt fehlt die Zeit für den notwendigen fachlichen und sozialen Austausch“, so Hofmann. „Damit fehlen dann oft auch Informationen, die für die produktive Arbeit im Homeoffice benötigt werden.“
Für die Techniker Krankenkasse gilt laut Studie deshalb eine Arbeitswoche mit drei Tagen Homeoffice und zwei Tagen Büroarbeit als optimal – allerdings im Unternehmensschnitt. Denn der Homeoffice-Anteil eines Teams oder einzelner Beschäftigten kann für die höchste Produktivität höher oder niedriger sein.
Deshalb appelliert Hofmann an Unternehmen, keine strikten Vorgaben zur Homeoffice-Zeit zu machen, sondern die Absprachen den konkreten Teams zu überlassen – diese sollten dann aber verbindlich sein. Würden unterschiedliche Homeoffice-Absprachen innerhalb eines Unternehmens als ungerecht empfunden, sollte das Unternehmen „Korridore festlegen“, innerhalb deren die Teams ihre Regelungen treffen dürfen.
Der Trend, das Homeoffice vor allem als Privileg zu begreifen, sei falsch, betont Hofmann. Das reihe sich in den Ruf nach längeren und flexibleren Wochenarbeitszeiten und einer Beschneidung der Teilzeit-Arbeit ein. „Als Arbeitswissenschaftlerin halte ich das für undifferenziert und pauschal. Mit solchen Parolen kann man doch nicht den Standort Deutschland retten“, kritisiert die Forscherin. „Unternehmen müssen ihre Führungskultur überdenken, es geht auch um Innovation und Produktivität, um das Zusammenspiel aller. Diese Differenzierung wollen offenbar einige nicht leisten.“
Was im Homeoffice laut Forschern wichtig ist
Homeoffice
Wer längere Anfahrtswege hat, präferiert oft die Heimarbeit. Das gilt auch für jene, die zuhause einen ruhigen Arbeitsplatz haben und sich selbst organisieren können. Eingespielte Teams können sich leichter auch über die Distanz abstimmen. Wer neu im Job ist, braucht den direkten Kontakt vor Ort.
Führungskräfte
Andere Beschäftigte arbeiten besser in einer Gemeinschaft und unter etwas Druck beziehungsweise sozialer Kontrolle und fahren deshalb gerne ins Büro. Führungskräfte wiederum bevorzugen die Büroarbeit, weil sie hier schneller Mitarbeitende erreichen können.
Büro-Gestaltung Wichtig sei auch, das Büro in Zeiten hybriden Arbeitens sinnvoll zu gestalten, zum Beispiel mit Rückzugsmöglichkeiten zum Telefonieren. „Wenn alle im Großraumbüro sitzen und ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen, weil alle telefonieren, ist das keine gute Idee“, heißt es.
Absprachen Für die Arbeit im Homeoffice sind klare Absprachen mit dem Team unerlässlich, heißt es beim Fraunhofer IAO. „Wenn ein Kollege nicht mehr erreichbar ist, leidet das Vertrauensverhältnis im Team.“
Vereinbarkeit: Die Ergebnisse der Studie von Fraunhofer IAO und TK zeigen auch, dass die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, einen wesentlichen Beitrag zur Zufriedenheit der Mitarbeitenden leistet. In den Mitarbeiterbefragungen der Studie gaben 93 Prozent an, dass ihnen die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie hilft.