Über 80 Museen, Galerien, Off-Spaces, historische Gebäude und Industriedenkmäler öffneten ihre Tore. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Zum 20-jährigen der Langen Nacht der Museen haben über 80 Kultureinrichtungen, Galerien und Off-Spaces ihre Tore geöffnet. Unter den neun Neuzugängen sind das Stadtpalais und das Hotel Silber.

Stuttgart - Die Experten sind schon vor Ort und fachsimpeln begeistert. „Handwerklich hat der echt was drauf“, erklärt ein junger Mann. Ein anderer erläutert mit gesenkter Stimme: „Das muss er, sonst geht es irgendwann auf die Lunge.“ Grund: Gerade hat „Jeroo“ alias Christoph Gantner seine Atemschutzmaske über den Mund geschoben, eine Batterie aus Spraydosen steht bereit. Mit diesen wird der Stuttgarter Graffiti-Künstler eines seiner Werke vollenden, draußen vor der Freitreppe des Stadtpalais’, während drinnen der letzte Tag seiner Ausstellung „Off-concrete“ läuft. Eine Premiere in doppeltem Sinn: Das Stadtmuseum nimmt an diesem Wochenende erstmals an der Langen Nacht der Museen teil. Zu seiner 20. Jubiläumsausgabe hat das Event neun Neuzugänge: Damit öffnen über 80 Museen, Galerien, Off-Spaces, historische Gebäude und Industriedenkmäler von 19 bis 2 Uhr morgens ihre Tore zu Ausstellungen und allerlei Programm.

Live-Graffiti-Aktion im Stadtpalais

Im Stadtpalais gibt es neben der Live-Graffiti-Aktion nicht nur zwei Gespräche mit dem Künstler. Auch die Chorgruppen des Musikwerks Stuttgart singen stündlich – und laden zum Mitmachen ein. Das lassen sich viele nicht zwei Mal sagen. Kaum erklingt Lady Gagas Oscar-gekrönter Song „Shallow“, bewegen sich allerlei Münder. In den Stockwerken darüber indes werden Führungen angeboten, und zwar durch die Dauerausstellung „Stuttgarter Stadtgeschichten“ sowie die neue Sonderausstellung „Manfred Rommel“. In letzterer herrscht reger Andrang. Während ein Historiker gerade über Rommels Vater, den „Wüstenfuchs“ Erwin Rommel und dessen Mythos spricht, haben es sich einige Jugendliche in den Sesseln bequem gemacht, um Aufnahmen des Sohnes Manfred zu hören, von 1974 bis 1996 Stuttgarts Oberbürgermeister. Von seiner Beliebtheit zeugt eine Wand, an der jeder persönliche Erinnerungen an ihn teilen kann. Toleranz, Menschlichkeit und Intelligenz wird ihm da unter anderem bescheinigt. Und „Knitz“, was im süddeutschen Raum einen Menschen beschreibt, der auf liebenswerte Weise raffiniert, schlau, gewitzt ist.

Ort der historisch-politischen Bildung

„So war er“, kommentiert ein älterer Herr. Draußen hat Jeroo seine Arbeit beendet. Manche machen sich auf zum 2018 eröffneten Geschichtsort Hotel Silber, Zweigmuseum des Hauses der Geschichte. Die ehemalige Gestapozentrale, für deren Erhalt als Museum und Ort der historisch-politischen Bildung die Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber seit 2008 kämpfte, ist auch zum ersten Mal Teil der Langen Nacht. Dort steht Harald Stingele, Vorsitzender der Initiative, hinter dem Informationstisch und ist so erstaunt wie glücklich über den Ansturm. „Wir haben schon mit Interesse gerechnet, aber nicht mit solch einem Ansturm, das geht seit 19 Uhr so, Stuttgart hat diesen Ort gebraucht“, sagt er und blickt in den Eingangsbereich. Dort reihen sich Menschen jeden Alters – auch viele Jugendliche und Anfang-Zwanziger, bis zur Eingangstür und warten geduldig, um in Gruppen zu 25 durch die Ausstellung geleitet zu werden. Dort führen vier Geschichtsexperten abschnittsweise und beantworten Fragen. Im Foyer erläutert derweil – auf einem Stuhl stehend – Imanuel Baumann vom Haus der Geschichte die Exponate und Hintergründe. Das „Silberkännchen 1897/1918“ stamme vom einstigen Hotel Silber, in dessen ehemaligen Speiseraum man sich befinde.

Projektionen zitieren aus Gerichtsverhandlungen

Nach dem Ersten Weltkrieg sei die Oberpostdirektion eingezogen, bevor 1928 das Gebäude vom Polizeipräsidium Stuttgart genutzt wurde und die Politische Polizei eingezogen sei. „In diesen Mauern wurden von 1933 bis 1945 nicht nur Verbrechen geplant, sondern auch durchgeführt, im Keller starben vier Menschen!“ Die Geschichte des Hauses und vor allem das Denunziantentum der Nazi-Zeit in Stuttgart seien es denn auch gewesen, warum sie als Ehrenamtliche mitarbeite, erklärt Liliane Heberle den Besuchern, während Stingele betont, wie wichtig dieser Gedenkort gerade in heute sei, da wieder Antisemitismus und Ausgrenzung von Minderheiten aufkämen. Damit spricht er so manchem Besucher aus der Seele. „Ich bin extra aus Schwäbisch Hall hergekommen“, sagt einer. Eine junge Frau ist beeindruckt von den Projektionen, die über die Fassade laufen. Dort hat der Stuttgarter Künstler Oliver Herrmann die Namen der an diesem Ort Verfolgten einen Namen gegeben und zitiert aus den Gerichtsverhandlungen sowie Protokollen.

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