Jutta Sailer-Paysan (l.) und Annette Schmidt (r.) bei den Feuerbacher Stadtgeschichten Foto: Susanne Müller-Baji

Zur Langen Nacht der Museen gab es auch im Norden viel zu entdecken.

Stuttgarter Norden - Streng nach Plan oder einfach treiben lassen: Jeder hatte seine eigene Herangehensweise an die Lange Nacht der Museen, zu der am Samstag die Stuttgarter Kulturschaffenden bereits zum 20. Mal luden. Auch im Norden gab es entlang der „Tour U6“ einiges zu erkunden.

Eine große Gruppe entdeckt gerade mit Annette Schmidt und Jutta Sailer-Paysan die Feuerbacher Stadtgeschichten: Die erste von vier Kurzführungen, überschrieben mit „Maikäfer, Schneiderkannen und Eiffelturmlack“, geht hinüber zum Festplatz, wo die Teilnehmer von den feuerverzinkten Gießkannen erfahren – lange das Nonplusultra für Hobbygärtner – und vom Unterlack des Pariser Eiffelturms, der ebenfalls „made in Feuerbach“ war. Und wo verbirgt sich der Maikäfer in dieser Märznacht? „Maikäfer“ war der Spitzname eines Automobils, das die Ludwigsburger Firma Standard in Feuerbach bis zur Serienreife entwickelt hatte. Doch dann musste der jüdische Konstrukteur vor den Nazis fliehen und Ferdinand Porsche entwickelte auf dem Killesberg den „Käfer“.

Einige Schritte entfernt übersetzt eine Teilnehmerin für Liloz Abdul Aziz ins Englische. Die junge Frau stammt aus Syrien und ist in Feuerbach, um Deutsch zu lernen und eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin zu machen. Sie will alles ganz genau wissen, auch wenn ihr die vielen Informationen auf Deutsch noch zu schnell gehen: „Ich hatte heute auch eine Einladung zu einer Party, aber ich wollte lieber hierher und mehr über Feuerbach erfahren“, erzählt sie. Die beiden Frauen zieht es weiter in die Stuttgarter Innenstadt. Den anderen empfiehlt Jutta Sailer-Paysan einen Abstecher zum Schick-Areal.

Auf dem Schick-Areal war einiges geboten

Das Areal im Industriegebiet gilt als die kreative Feuerbacher Spielwiese, auch wenn es gar nicht so leicht zu finden ist. Im Atelier Neonow gibt es Live-Siebdruck, Fotograf Lutz Schelhorn stellt seine Bildbände sowie seine chromblitzende Harley vor. Im Atelier von Uschi Lux geht man zwischen Schneiderpuppen umher, die Fangarme aus Draht und Papier haben. Tentakel, allerdings aus Latex, gibt es auch im ersten Stock bei Künstlerin Susanna Messerschmidt. Dort lassen gerade zwei Freundinnen ihren Händedruck in Latex abbilden – mit ein bisschen Glück kann man das Kunstwerk gut eine Stunde später wie einen Gummihandschuh ausziehen.

Noch im Studio Gutedort vorbeigeschaut: Dort arbeiten die Textildesignerinnen Eva Schlechte und Jennifer Hier mit ungewöhnlichen Materialien, ersinnen etwa Papierschalen, die durch natürliche Farbstoffe zarte Schattierungen erhalten. Es sei ruhiger als im Jahr zuvor, sagen die beiden, wohl, weil der Shuttle-Bus nicht ganz bis auf das Areal fahre. Sehr zufrieden gibt sich indessen Anette Braun im Atelier daneben: „Die ersten Besucher kamen schon um halb sieben, noch vor der eigentlichen Öffnung.“ Bei ihr gibt es Malerisches zu entdecken: „Bretagne, Bretagne, Bretagne, Ostsee, Ostsee“, zählt sie durch.

Bis 4 Uhr im Porschemuseum

Nun geht es weiter zum Zuffenhäuser Porschemuseum, das zur Feier des Abends in knalligen Farben erstrahlt. Eines der Highlights der Museumsnacht, die Oldtimer-Flotte „Rollendes Museum“ des Württembergischen Automobilclubs, die eigentlich zwischen Mercedes-Benz-Museum, der Innenstadt und dem Porschemuseum pendeln sollte, ist dem Feinstaubalarm zum Opfer gefallen. Dafür gibt es drinnen reichlich PS und mit Hans-Joachim „Strietzel“ Stuck ist sogar ein Langstrecken-Weltmeister zu Gast. Dann tritt noch Comedian Özcan Cosar auf die Bühne und haut einen Heuler nach dem anderen raus.

So geht es in dieser Nacht noch lange, im Porschemuseum als Anlaufstelle für Nachtschwärmer gar bis vier Uhr früh. Wer es geschickt angestellt hat, hat an einem Abend so viele neue Kulturorte entdeckt, dass er lange davon zehren kann.

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