Der Hotel-Bunker am Rathaus hatte zur Langen Nacht der Museen in Stuttgart ausnahmsweise geöffnet Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Lange Nacht der Museen in Stuttgart von 19 bis 2 Uhr war mit 24 000 Besuchern so gut besucht wie im Vorjahr. Das ehemalige Hotel unterm Marktplatz war die Attraktion, die am meisten Besucher anzog.

19 Uhr, Marktplatz

Die Tour beginnt. Und gleich zu Beginn heißt es: warten. Die Schlange reicht einmal um den Marktplatz herum. Die Lange Nacht der Museen hat am Samstag laut Veranstalter, dem Stadtmagazin „Lift“, 24 000 Kunst- und Kulturinteressierte in den Kessel gezogen. Sieben Stunden hatten 97 Museen, Galerien und andere Kultureinrichtungen geöffnet, 15 Aussteller waren zum ersten Mal dabei. Dennoch zog nichts so viel Aufmerksamkeit auf sich, wie das Hotel am Marktplatz, das nur ausnahmsweise für die Öffentlichkeit die Pforten öffnet. Als Hotel würde man die Katakomben unterm Marktplatz, die im Zweiten Weltkrieg als Bunker dienten, heute wohl kaum mehr bezeichnen: Die Räume ohne Fenster waren im Jahr 1985 nicht mehr wettbewerbsfähig und musste aus wirtschaftlichen Gründen schließen. Einen Andrang von 4000 Menschen hat das Hotel seit seiner Schließung nicht mehr erlebt, sagt ein Ordner. Einer der Gäste ist Matthias Hauber. „In Zeiten, in denen es im Erlebnistourismus Nachfrage für Dinge wie Gefängnisaufenthalte gibt, wundert mich der Andrang nicht“, sagt der Unternehmer aus Stuttgart. Er ist zum ersten Mal in den Räumen unter dem Marktplatz. Fotografien an den Wänden zeigen, wie das Hotel einst ausgesehen hat.
 

20.30 Uhr, Urban Art Gallery

„Zweimal, 2012 und 2014, hat das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut bislang ein Ranking der Kulturstädte erstellt, und Stuttgart hat beide Male den ersten Platz belegt“, schreibt Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) in seinem Grußwort. In der Graffiti-Szene würden dem wohl nicht alle zustimmen. Ein Kritiker ist Marc Wöhr von der Urban Art Gallery: „In Stuttgart fehlt das Bewusstsein für urbane Kunst. Das versuchen wir zu schärfen“, sagt der Galerist, der sich vor allem als Botschafter für Kunst aus der Subkultur versteht. 16 internationale Street-Art-Künstler sind in der aktuellen Ausstellung „Urban Beauty“ auf 330 Quadratmetern zu sehen. Sie besteht aus etwa 50 Arbeiten: verfremdete Pop-Art, moderne Schichttechniken oder einfach ein pink bemaltes Skateboard. Der Trend urbaner Kunst fand jedoch nicht nur in Wöhrs Galerie Beachtung: Auch die Wagenhallen, der Hafen oder das Jugendhaus Mitte beschäftigten sich mit Themen aus der Subkultur.
 

22 Uhr, Haus der Geschichte

Dass Subkultur nicht zwingend für sich allein stehen muss, hat der sogenannte History Slam im Haus der Geschichte bei der Staatsgalerie gezeigt. Hier haben sich vier Slam-Poeten aus dem gesamten Bundesgebiet vor der Kulisse von knapp 2500 Ausstellungsstücken sprachlich mit der Landesgeschichte auseinandergesetzt. „Bei manchen Beiträgen hätte ich mir ein bisschen mehr Lokalbezug gewünscht“, sagt Tessa Klünder, die die Lange Nacht der Museen zum ersten Mal besucht. „Wegen den langen Schlangen werde ich wohl leider nicht dazukommen, mir alles anzusehen, was ich mir vorgenommen hatte“, sagt die 31-Jährige aus Reichenbach. Sie hat offenbar ein wenig unterschätzt, dass Museen auch beim Speed-Dating ihre Zeit brauchen.
 

23 Uhr, Rollendes Museum

Stammgast bei der Museumsnacht ist mittlerweile das Rollende Museum des Württembergischen Automobilclubs WAC. Vor dem Neuen Schloss fahren die Oldtimer des Automobilclubs vor und kutschieren die Besucher vom Schlossplatz zum Mercedes-Benz-Museum und zum Porsche-Museum. Damit auch jüngere Besucher Zugang zu den alten Öfen erhalten, moderiert Rainer Klink, Chef des Tübinger Boxenstopp-Museums, jede Schönheit auf vier Rädern an. Der WAC ist der älteste Automobilclub der Welt.
 

0 Uhr, Abschiedshaus

Die Frage, wie pietätvoll Humor im Angesicht des Todes sein darf, wird sich wohl abschließend nicht klären lassen. Im Abschiedshaus, einem Bestattungshaus im Stuttgarter Norden, haben Künstler sechs Särge gestaltet – und das Thema Abschiednehmen ungewöhnlich bunt interpretiert. So hat Alecs Heiduschka seinen Sarg mit einem Segel versehen, das die Fahrt ins Jenseits symbolisiert. „Es ist immer wieder erstaunlich, dass man auch als eingesessener Stuttgarter immer noch Neues finden kann“, sagt Unternehmer Hauber. Aber auch wenn Museumsnacht-Neuling Tessa Klünder bei teilweise langen Schlangen vielleicht nicht alles erkunden konnte, was sie sich vorgenommen hatte: Stuttgarts Museumslandschaft läuft ja nicht weg. „Jetzt weiß ich wenigstens, was es hier alles zu entdecken gibt“, sagt Klünder. Als Nächstes ist die Udo-Lindenberg-Ausstellung im Porsche-Museum dran.
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