Die EU will mit der neuen gemeinsamen Agrarpolitik die Landwirtschaft in ganz Europa umweltschonender und klimagerechter gestalten. Gleichzeitig sollen Betriebe aber auch fit für den Wettbewerb auf dem Weltmarkt gemacht werden. Kritik kommt von den Landwirten.
Jürgen Maurer hat in seinem Leben als Landwirt schon manche Reformen umgesetzt. Die einen waren in seinen Augen mehr, die anderen weniger sinnvoll. Vielleicht erklärt das seinen abgeklärten Blick auf die Veränderungen, mit denen die Bauern seit dem Jahreswechsel konfrontiert sind. Ziel der EU ist es, mit der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) die Landwirtschaft in ganz Europa umweltschonender und klimagerechter zu gestalten, die Betriebe gleichzeitig aber auch fit für den Wettbewerb auf dem Weltmarkt zu machen. Das klingt wie die Quadratur des Kreises, und auch Jürgen Maurer, der einen 180-Hektar-Hof im hohenlohischen Kupferzell bewirtschaftet, äußert Zweifel. Er habe den Eindruck, sagt der 48-Jährige, dass in Brüssel „manchmal Landwirtschaft mit Planwirtschaft verwechselt wird“.
Bei der EU-Agrarpolitik geht es um sehr viel Geld. Konkret: Für die Jahre 2021 bis 2027 stehen knapp 390 Milliarden Euro im Brüsseler Haushalt zur Verfügung. Nach Angaben des zuständigen Ministeriums in Berlin erhält Deutschland für die Jahre 2023 bis 2027 davon rund 30 Milliarden Euro. Und die Behörde unterstreicht: „Das Förderspektrum wirkt sich auf den Lebensbereich von etwa 40 Millionen Menschen in den ländlichen Räumen aus und ist im Landwirtschaftssektor für rund 300 000 antragstellende Betriebe relevant.“ Wollen die Landwirte den Fördertopf anzapfen, müssen sie sich nun aber auf einige Änderungen einstellen, denn ihnen wurde in der Vergangenheit immer wieder vorgeworfen wurde, bei ihrer Arbeit zu sehr auf umweltschädliche Methoden zu setzen. Aus diesem Grund haben sich die EU-Staaten und das EU-Parlament auf die Reform der Agrarpolitik geeinigt. Dabei geht es auch um die Ausweitung von Brachflächen oder auch den geringeren Einsatz von Düngemitteln.
Ein Drittel der Lebensmittel wird weggeworfen
Die Kritik der Landwirte ließ aber nicht lange auf sich warten. „Man bekommt den Eindruck, dass bei den neuen Reglungen der Schwerpunkt sehr stark auf den Umweltschutz gelegt wurde“, sagt Jürgen Maurer, der auch Präsident des regionalen Bauernverbands ist. „Nicht immer scheint wirklich durchdacht worden zu sein, wie das alles in der Praxis umgesetzt werden kann.“ Dass die Umweltstandards wieder zurückgedreht werden, kommt für Martin Häusling nicht infrage. Der agrarpolitische Sprecher der Grünen im Europaparlament musste zuletzt immer wieder solche Forderungen kontern, die angesichts Überfalls Russlands auf die Ukraine lauter vorgetragen werden. „Der Versuch mit dem Argument des Kriegs in der Ukraine ein Rollback bei der Umweltausrichtung der Agrarpolitik einzuleiten, ist fahrlässig und gefährlich“, unterstreicht der EU-Parlamentarier. „Unsere Nahrungsmittelproduktion wird nicht stabiler, wenn wir unsere Ressourcen nicht schützen. Im Gegenteil, eine intensivere Produktion setzt die Ernährungssicherheit massiv aufs Spiel.“
Zudem sei die Forderung, Deutschland bei der Lebensmittelproduktion autark zu machen, schlichtes Wunschdenken. „Wir werden immer auf Importe angewiesen sein“, sagt Martin Häusling und fordert eine Verschiebung der Schwerpunkte innerhalb der landwirtschaftlichen Produktion. „60 Prozent des in Deutschland geernteten Getreides landet im Futtertrog“, rechnet der Grünen-Politiker vor. Vieles wandere auch als Biokraftstoff im Tank. Ein zentrales Problem sei auch die Verschwendung von Nahrungsmitteln. „30 Prozent des Essens wird schlicht weggeworfen.“ In Deutschland würden schon jetzt sehr viele Nahrungsmittel produziert, sie müssten nur richtig eingesetzt werden, betont Häusling.
Jürgen Maurer erinnert sich, dass er früher ausgelacht worden sei, wenn er erwähnt habe, dass die heimischen Bauern auch zur Ernährungssicherheit beitragen. „Das hat sich durch den Krieg in der Ukraine schlagartig geändert.“ Der Landwirt bezweifelt allerdings, dass es eine wirkliche Veränderung beim Kaufverhalten hin zu regionalen Produkten gebe. Die Menschen würden in dieser Zeit der Krise, wenn die Mieten und die Energiepreise steigen, beim Essen sparen, das zeige sich an den Rückgängen in den Hofläden und Biomärkten.
Für Maurer greift die aktuelle Diskussion um Rolle der Landwirte als Nahrungsmittelproduzenten sowieso zu kurz. „Wir sind der entscheidende Faktor bei der Erhaltung unserer Kulturlandschaft und der Biodiversität“, unterstreicht er. In diese Kerbe schlägt auch Norbert Lins. Der Vorsitzende des Agrarausschusses im Europaparlament beklagt, dass die Wertschätzung für die Landwirte in den vergangenen Jahren ständig gesunken sei. Das werde durch die Folgen des Kriegs in der Ukraine und die Diskussion um die Sicherung der Ernährung nun etwas korrigiert. Er würde sich allerdings wünschen, dass den Menschen wieder bewusster wird, was die heimische Landwirtschaft „beim Erhalt der Kulturlandschaft und des ländlichen Raums sowie beim Umweltschutz leistet“, sagt der CDU-Politiker.