Die Frage nach der Ernährungssicherheit ist durch den Ukrainekrieg wieder ins Blickfeld gerückt. Dennoch plagen viele Bauern im Land existenzielle Sorgen Foto: Gottfried Stoppel

Über die Frage nach der Qualität von Lebensmitteln oder den Standards bei der Tierhaltung entscheidet der Verbraucher beim Griff ins Supermarktregal. Warum?

Bei der Diskussion um Milchpreise, Tierwohl und Pflanzenschutzmittel haben die Bauern im Südwesten mehr Ehrlichkeit bei den Verbrauchern gefordert. „Ob ein Umbau der Tierhaltung für einen landwirtschaftlichen Betrieb auch tragbar ist, entscheidet der Kunde am Supermarktregal“, machte Präsident Joachim Rukwied bei der Mitgliederversammlung des Bauernverbands Baden-Württemberg am Mittwoch in der Fellbacher Schwabenlandhalle klar.

 

Wegen der massiv in die Höhe geschnellten Produktionskosten stünden vor allem viele Schweinemastbetriebe im Land aktuell vor dem Aus. Allein im vergangenen Jahr hätten im Südwesten gut 200 auf Ferkelzucht und Schweinehaltung spezialisierte Familienbetriebe die Segel gestrichen. Das sei ein Rückgang um nahezu zehn Prozent. Verbunden ist das Aus für die Schweinezucht mit längeren Transportwegen und einem Abschied von einer regionalen Produktion. Nicht mal jedes zweite Schnitzel, das hierzulande auf den Teller kommt, ist auch in Baden-Württemberg erzeugt worden.

Billigkonkurrenz aus dem Ausland kegelt hiesige Produkte aus dem Regal

In die Pflicht nimmt der Bauernverband deshalb auch den Lebensmittelhandel und die Politik: Wegen des wachsenden Drucks der Billigkonkurrenz aus dem Ausland sei im Supermarkt der Absatz für die regional hergestellten Lebensmittel eingebrochen. „Ein Haltungskennzeichen reicht nicht aus. Wir brauchen ein Herkunftskennzeichen, damit die Verbraucherinnen und Verbraucher auch wirklich heimisch erzeugte Produkte einkaufen können“, sagt Rukwied – und fordert neben schnellen politischen Weichenstellungen auch ein klares Bekenntnis des Handels für die vor Ort produzierte Ware.

In die gleiche Kerbe schlägt Ministerpräsident Winfried Kretschmann. „Es blutet einem das Herz, wenn im Supermarktregal nicht das hiesige Gemüse, sondern der Spargel aus dem Ausland liegt“, bekannte der Grünen-Politiker unter dem Applaus der Delegierten. Es gebe „ein Missverhältnis zwischen den Anforderungen der Gesellschaft an die Landwirtschaft und dem Kaufverhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher“, ist sich Kretschmann sicher. Dabei sei mit Blick auf die Wetterkapriolen mit langen Trockenperioden und plötzlichem Starkregen nicht nur der Klimawandel spürbar.

Durch den Ukrainekrieg sei den Menschen auch wieder bewusst geworden, dass es um existenzielle Fragen wie die Ernährung der Weltbevölkerung gehe. „Am Ende braucht der Mensch halt einfach was zu essen. Und das lehrt uns, die schwere Arbeit der Bäuerinnen und Bauern wieder zu schätzen“, sagte Kretschmann.

Der Ministerpräsident räumt ein, dass die Wertschätzung in den Jahrzehnten des Überflusses ein Stück weit in Vergessenheit geraten sei. Das Land wolle deshalb die seit Langem diskutierte Idee eines sogenannten Gesellschaftsvertrags bis zum Sommer 2024 abschließen. Ziel sei es, in einem „Strategiedialog“ einen breiten Konsens darüber zu erzielen, „wie wir gemeinsam das Beste rausholen“. Bei den bisherigen Strategiedialogen zu den Themen Mobilität und Gesundheitswirtschaft habe sich das Format als guter Hebel erwiesen, um verschiedenste Akteure an einem Tisch zu versammeln.

Ministerpräsident Kretschmann will einen Strategiedialog

Teilnehmen am Strategiedialog sollen neben der Landwirtschaft deshalb auch der Einzelhandel und die Lebensmittelindustrie, aber auch die Verbraucherinnen und Verbraucher. „Das Hauptproblem ist doch, dass die beiden Wörtchen billig und preiswert nach wie vor verwechselt werden“, sagte Kretschmann.

Der Landesbauernverband begrüßt die Initiative ausdrücklich, Präsident Joachim Rukwied sagt nicht nur Zusammenarbeit zu, sondern fordert „ein gesellschaftliches und politisches Bekenntnis zur Landwirtschaft und zur heimischen Lebensmittelerzeugung“. Der aus dem Unterland stammende Erzeuger steht auch an der Spitze des deutschen Bauernverbands und stellte sich in Fellbach erneut zur Wahl auf Landesebene. In seiner Arbeitsbilanz für die 33 000 Landwirte in Baden-Württemberg bezeichnete er nicht nur den Stopp des Volksbegehrens für mehr Artenschutz als Erfolg, sondern auch den Abwehrkampf gegen die Streichpläne für den Agrardiesel.

Bei der Milch geht’s um Centbeträge, an der Tankstelle weniger

Enorm wichtig sei für die Landwirtschaft außerdem gewesen, dass die Überlegungen, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um die Hälfte zu reduzieren, wieder aus dem Berliner Koalitionsvertrag gestrichen worden seien. Der Landesvorsitzende des Naturschutzbunds, Johannes Enssle, hat die Äußerungen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann am Mittwoch begrüßt. „Die Landwirtschaft und die Natur brauchen eine neue Perspektive. Nachhaltige oder gar biologisch erzeugte Produkte aus Baden-Württemberg gibt es nicht zum Nulltarif“, betonte er.

Bauernpräsident Rukwied jedenfalls stockt bei jedem Tankstellenschild der Atem: „Beim Kraftstoff gibt es riesige Preissprünge, es wird aber trotzdem getankt. Und bei der Milch diskutieren wir lang und breit, ob man den Verbraucherinnen und Verbrauchern eine Erhöhung um ein oder zwei Cent überhaupt zumuten kann“, sagte er.