Jungbauer Jonas Käppeler weiß noch nicht, ob er die Schweinehaltung fortführen soll – zu unsicher ist die Situation derzeit. Foto: Faltin

Die Fleischpreise sind im Keller, die Gesellschaft fordert immer mehr Tierschutz – und jetzt ist auch noch Krieg: Viele Schweinehalter tragen sich mit dem Gedanken aufzugeben.

Die jungen Schweine sind noch ganz verschreckt, erst am Vortag hat der Ferkelzüchter sie auf den Hof der Käppelers bei Bingen (Landkreis Sigmaringen) gebracht. Wenn Jonas Käppeler in eine der Boxen steigt, drängen sich die 13 Tiere pro Geviert noch eng in eine Ecke. „Aber die gewöhnen sich schnell an uns“, sagt der Jungbauer, der den Betrieb mit 1500 Schweinen zusammen mit seinem Vater Stefan führt.

 

Dass die Käppelers ihr Erschrecken so schnell verlieren, ist dagegen eher unwahrscheinlich. Die Schweinezucht sei schon seit zwei Jahren in der größten Krise ihrer Geschichte, sagt auch Hans-Benno Wichert, der Vizepräsident des Landesbauernverbands und selbst Schweinehalter. Die Gründe sind strukturell bedingt, verschärfen sich aber durch die aktuelle Krise.

Ferkelzüchter legten pro Tier 25 bis 55 Euro drauf, so die Bauern

Schon lange werden die Fleischpreise auf dem Weltmarkt gemacht, doch in Deutschland gebe es höhere Kosten, etwa durch gesetzliche Auflagen für den Tierschutz, so Wichert. Während der Pandemie sank der Konsum dann deutlich, denn Feste fielen aus, die Gaststätten waren geschlossen. Der Preis rauschte in den Keller, zeitweise lag er pro Kilo Schlachtgewicht bei 1,20 Euro; für ein Ferkel wurden gerade 20 Euro gezahlt. Mittlerweile seien die Preise zwar wieder gestiegen auf 2,05 Euro pro Kilo und 56 Euro pro Ferkel – zugleich aber sind durch den Krieg eben auch die Kosten für Futtermittel und Energie explodiert. Auskömmlich wären heute, rechnet Wichert, 2,20 Euro bis 2,50 Euro pro Kilo Fleisch sowie 80 bis 110 Euro pro Ferkel. Für sehr viele ist es also ein Drauflegegeschäft.

Den Käppelers in Bingen geht es dabei noch ganz gut, denn sie haben noch andere Einnahmen, etwa durch eine große Photovoltaikanlage. Vor allem die Ferkelzüchter aber stehen mit dem Rücken an der Wand. Der Züchter Erwin Heckler betont, dass die meisten Kollegen ausgebrannt und am Ende ihrer Kräfte seien. Er selbst hält noch durch, weil er vor einiger Zeit auf biologische Erzeugung umgestellt hat und dafür einen besseren Preis bekommt. Aber schon Anfang des Jahres sagte bei einer Umfrage die Hälfte der Halter, dass sie ganz oder teilweise aussteigen wollten aus der Schweinehaltung. Ein Strukturbruch, sagt Wichert.

Für mehr Tierschutz wären große Investitionen notwendig

Aber eigentlich sind alle ratlos und fühlen sich im Stich gelassen. Alles ist so kompliziert geworden, dass Stefan Käppeler gar nicht richtig weiß, wo er ansetzen und was er fordern soll. Klar diktiert der Einzelhandel den Bauern die Preise mittlerweile fast nach Belieben – aber wie soll man in den Markt eingreifen? Agrarminister Peter Hauk (CDU) hatte vor Kurzem einen Vorstoß gestartet, einen Mindestpreis für Fleisch einzuführen. Damit war er im Bundesrat schnell abgeblitzt. Klar, die Verbraucher sollen sich einfach für das bessere Fleisch entscheiden – aber jetzt bei den steigenden Lebensmittelpreisen ist der Biobereich vielmehr sogar um 30 Prozent eingebrochen. Sowieso fordern die Verbraucher gerne höchste Tierschutzstandards, schauen aber dann bei der Haltung auf Spaltenböden weg und kaufen das billigste Fleisch.

Und klar, die Politik soll endlich deutlich sagen, wohin sich die Schweinezucht in Deutschland entwickeln soll, denn zu Investitionen in neue Ställe entschließen sich die Bauern nur, wenn sie eine Sicherheit für 20 oder gar 30 Jahre haben – sonst geht niemand das Risiko ein. 2000 Euro koste ein Tierplatz in der jetzigen Haltungsstufe 4, betont ein Züchter. Bei 1000 Tieren wären das also zwei Millionen Euro.

Wie es mit dem Borchert-Plan weitergeht, ist unklar

Große Hoffnung setzen gerade alle auf den Borchert-Plan. Das hört sich ein wenig wie Marshallplan an und hat für die Nutztierhalter tatsächlich eine ebenso elementare Bedeutung wie damals der Marshallplan für das Nachkriegsdeutschland. Die Kommission um den ehemaligen Agrarminister Jochen Borchert hatte drei Haltungsstufen vorgeschlagen, die insgesamt zu einem besseren Tierschutz führen sollen. Den Umbau der Ställe müsse der Staat aber finanzieren, und zwar koste das drei bis fünf Milliarden Euro. Fast alle waren 2020 bei der Veröffentlichung für diesen Weg, auch die meisten Tierschutz- und Bioanbauverbände. Derzeit liegt der Plan aber auf Eis, weil die Finanzierung unklar ist. „Wir wollten diesen Weg zu mehr Tierschutz mitgehen“, kommentiert Hans-Benno Wichert. „Aber diese Perspektive geht gerade verloren, weil immer weniger Menschen Fleisch mit besserer Haltungsform kaufen.“

Stefan Käppeler hält seine Schweine nach der Tierwohl-Initiative, die vom Handel initiiert wurde. Es hängen zwei Holzscheite als Spielgerät von der Decke, und am Strohkorb können die Tiere die Halme herauszupfen; vor allem aber werden nur 13 statt 16 Tiere in eine Box gestellt. Später, wenn die Schweine 120 statt der jetzigen 30 Kilo wiegen, wird die Box dennoch ziemlich voll sein, auch wenn es dann zwei bis vier Tiere weniger sind.

Brandbrief der Bauern an die Landesregierung

Der Landesbauernverband hat jetzt einen Brandbrief an die Landesregierung übergeben. Die Forderungen: Alle Auflagen für den Umbau der Ställe sollten ausgesetzt werden, bis politische Klarheit herrscht; und es brauche eine verbindliche Herkunftskennzeichnung, aus der alle Stufen von der Zucht bis zum Verkauf zu ersehen seien.

Ansonsten gingen in noch mehr Betrieben die Lichter aus. Spanien, wo auf riesigen Höfen Schweine aufgezogen würden, stehe in den Startlöchern, um die ausfallende Produktion in Deutschland zu kompensieren, mahnt Wichert. Die Landtagsabgeordneten Martin Hahn (Grüne) und Klaus Burger (CDU) wollten sich bei der Übergabe des Brandbriefs weiter für die regionale Erzeugung einsetzen. Ob das alles etwas nützt?

Schweinehaltung in Deutschland

Haltungsform
Rund 29 Millionen Plätze für Schweine gibt es in Deutschlands Ställen – davon bestehen 92 Prozent aus Voll- oder Teilspaltenböden. Die Tiere stehen also ihr gesamtes Leben auf Beton; Kot und Urin fließen durch die Spalten ab. Nur ein Prozent der Schweine wird nach ökologischen Kriterien gehalten.

Zahl
Zuletzt lag die Zahl der Schweine in Deutschland bei 22,3 Millionen. Fast 60 Prozent davon werden in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gehalten.

Südwesten
Um die Jahrtausendwende hat es in Baden-Württemberg noch rund 20 000 Schweinehalter gegeben – 2020 waren es gerade noch 1700. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern hat sich auch die Zahl der Tiere stark verringert. Heute werden im Südwesten noch 1,35 Millionen Schweine gehalten.