Für Landwirte beginnt im Frühling die Arbeit auf den Äckern. Gleichzeitig zieht es wieder viele Erholungssuchende in die Natur. Auf den schmalen Wirtschaftswegen kann es da schnell mal eng werden – und zu Streit kommen.
Der Frühling naht, für die Landwirte beginnt nun eine stressige Zeit. Und zwar nicht nur auf den Äckern, sondern auch am Feldrand. Dort ist bei schönem Wetter viel los: Große Traktoren mit sperrigem Spezialgerät müssen sich die landwirtschaftlichen Wege mit Radfahrern, Joggern und Spaziergängern teilen. Nicht selten kommt es dabei zu Konflikten, weil jeder auf seinem Nutzungsrecht beharrt. „Wir appellieren an die Bevölkerung, gewisse Regeln zu berücksichtigen. Das gilt ebenfalls für uns Landwirte“, wirbt Hans-Benno Wichert, der Vizepräsident des Landesbauernverbandes Baden-Württemberg, für einen respektvollen Umgang miteinander.
Dass manche Erholungssuchende den Weg nicht gern freigeben und mitunter gar aggressiv werden, sei Alltag für die Bauern, weiß der Agraringenieur Arne Fiedler aus eigener Erfahrung in der Landwirtschaft. Als ausgebildeter Mediator kennt er ihre Probleme zugleich aus vielen Gesprächen. Den Satz, „es macht oft keinen Spaß mehr“ hat er auch bei einem Workshop zu hören bekommen, zu dem das Landwirtschaftsamt Esslingen Landwirte aus dem Kreis erstmals eingeladen hatte. Jeder der 27 Teilnehmenden konnte dabei von unangenehmen Situationen berichten.
Ob sie die Gülle ausbringen oder Pflanzenschutzmittel spritzen: „Landwirte werden immer öfter beschimpft“, erzählt der aus Eschach (Ostalbkreis) stammende Experte. Anfeindungen sehen sie sich bereits ausgesetzt, wenn sie mit dem Schlepper zu ihren Äckern fahren – und dabei Staub aufwirbeln. Zudem kann es schnell mal eng werden auf den schmalen Wirtschaftswegen, die vor Jahrzehnten angelegt wurden, als die Arbeitsmaschinen noch deutlich kleiner waren. Inzwischen nehmen die Fahrzeuge durch ihre Breite fast den gesamten Weg ein. „So mancher Radfahrer fühlt sich bedrängt, wenn hinter ihm ein Traktor fährt und vermeintlich drängelt“, schildert Arne Fiedler einen klassischen Interessenkonflikt. „Für den Landwirt wiederum ist Zeit ein kostbares Gut. Er ärgert sich, wenn er ewig nicht an dem Radler vorbeikommt, weil dieser nicht auf den Randstreifen ausweicht.“
Es gibt reichlich Konfliktpotenzial
Streitpotenzial zwischen Landwirten und Freizeitaktivisten gibt es reichlich. Für Ärger sorgen zum Beispiel Spaziergänger, die ihre Hunde frei herumlaufen lassen, sich nicht um deren Hinterlassenschaften auf den Futterwiesen kümmern oder die Kotbeutel einfach in der Landschaft entsorgen. Aber auch Mountainbiker, die ohne Rücksicht auf Saat und Pflanzen querfeldein über die bestellten Äcker fahren, parkende Autos auf Feldwegen, die den Landwirten mit ihren schwer manövrierbaren Maschinen das Durchkommen erschweren, und Familien, die über einen Bauernhof laufen, ohne sich der Gefahr bewusst zu sein: Hier handelt es sich um um eine Betriebsfläche, auf der fast immer gearbeitet wird.
Was aber tun, wenn sich jemand nicht an die Regeln hält? Ganz wichtig ist hier laut Arne Fiedler, dass die Landwirte in solchen Fällen nicht stur dagegenhalten. Sie sollten vielmehr den Dialog suchen und erläutern, warum sie beispielsweise Feldarbeiten auch am Abend noch oder an den Sonntagen verrichten müssen, empfiehlt der Schlichter. Radfahrer und Spaziergänger wüssten zudem meist nicht, was auf den Feldwegen eigentlich erlaubt ist und was nicht – beispielsweise, dass der landwirtschaftliche Verkehr dort Vorrang hat. Und von einem Betretungsverbot für Feld und Flur von März bis Oktober haben wohl nur die wenigsten schon mal etwas gehört.
Nicht provozieren lassen
Der fehlende Bezug vieler Menschen zur Landwirtschaft sei das Kernproblem der Landwirte, meint Arne Fiedler. „Sie haben ein Idealbild im Kopf, das hat aber wenig mit der Realität zu tun.“ Deshalb könne so ein Gespräch am Feldrand durchaus herausfordernd sein. „Manche Menschen erreicht man einfach nicht“, räumt selbst der erfahrene Mediator ein. Doch auch wenn es Zeit und Überwindung koste: „Reden statt zu streiten kann sehr viel bewirken“, ist er überzeugt.
Die oberste Regel dabei heißt laut Arne Fiedler: „nicht provozieren lassen.“ Der Landwirt müsse nicht auf jede Beschimpfung eingehen. Wenn ein Gespräch schwierig werde, sollte er versuchen, möglichst ruhig und sachlich zu bleiben. „Meist sind die Angriffe eigentlich nicht persönlich gemeint.“ Und wenn er das Gefühl habe, gegen eine Wand zu reden, müsse er das Gespräch auch nicht künstlich in die Länge ziehen. Manchmal würden schon kleine Gesten helfen: ein Lächeln oder ein freundlicher Gruß. Verbandsvertreter Bruno Wichert fügt hinzu: Wenn Landwirte und andere Wegenutzer aufeinander Rücksicht nehmen, sei genug Platz für alle da.