Kann man auf Spritzmittel nicht einfach verzichten? Hier teilen sich die Meinungen unter Landwirten. Foto: dpa/Patrick Pleul

Filderkraut wächst nicht einfach so, es braucht Spritzmittel gegen Schädlinge. Das sagen die einen. Andere setzen auf nachhaltigeres Wirtschaften und verzichten dafür auf Ertrag.

Filder - Spitzkraut braucht Liebe, das habe sein Vater immer gesagt, erzählt der Landwirt Walter Vohl aus Stetten. Liebe, das lässt sich hier vor allem mit Aufmerksamkeit übersetzen. Denn Kraut hat Feinde – und damit ist nicht nur der Mensch gemeint, der den Lebensraum der Feldfrucht immer weiter eingeengt hat. Kraut ist zwar ein recht robustes Gewächs, braucht aber Pflege. Ein- bis zweimal müsse gehackt werden, um Unkraut aus dem Boden zu bekommen und diesen zu lockern. Und dann gibt es tierische Schädlinge. Kurz nach dem Setzen der Jungpflanzen freuen sich Erdflöhe über ein Mahl. Nur zwei oder drei Tage habe man Zeit, um die nur wenige Millimeter großen Insekten mit Pyrethroiden zu bekämpfen, sagt Vohl. Diese Pflanzenschutzmittel werden synthetisch hergestellt und lehnen sich mit ihren Wirkstoffen an das natürliche Insektizid Pyrethrum an.

Im Sommer fressen die Raupen des Kohlweißlings Löcher in die Blätter oder knabbern sich ins Herz, der Krautkopf stirbt schlimmstenfalls ab. Gegen die Jugendstadien des Schmetterlings setzt Vohl den Bacillus thuringiensis ein, ein Bakterium, das bestimmte Insekten tötet. In heißen Jahren machen zudem Thripse dem Spitzkraut zu schaffen. Das sind bis zu zwei Millimeter kleine Insekten, die die Zellen der Pflanzen aussaugen. „Ein eher optisches Problem“, sagt Vohl, das aber zu niedrigeren Einnahmen führt. Landwirte können das biologische Mittel SpinTor anwenden, das jedoch nicht nur Thripsen, sondern auch anderen Insekten den Garaus macht.

Es sei eine Frage der Toleranz, auf was man verzichten könne

Bioland-Bauer Jörg Hörz aus Bonlanden kommt indes nach eigener Aussage beim Spitzkraut im Allgemeinen ohne Spritzmittel aus. „Es ist eine Frage der Toleranz, wie hohe Einbußen man in Kauf nehmen will und kann“, sagt er. Den Thripsen begegnet Hörz, indem er die Pflanzperiode nach hinten ausdehnt. Gegen Raupen setzt er Bacillus thuringiensis ein, gegen Läuse das aus einem indischen Baum gewonnene Neem-Öl. „Aber im Schnitt nur alle zehn Jahre, wenn der Schädlingsdruck zu groß wird.“

Noch mehr zu tun haben Bauern, die den Ehrgeiz haben, ihr Saatgut selbst herzustellen. So wie Helmut Kizele aus Echterdingen. Er verzichtet auf das Hybridkraut, das von den Agrarunternehmen geliefert wird und setzt auf eigene Zucht –„das traditionelle und damit echte Filder-Spitzkraut“. Rund ein Dutzend Landwirte gebe es noch, die das so handhaben. Dieses Vorgehen bewahrt alte Spitzkraut-Sorten vor dem Aussterben und erhält die Sortenvielfalt.

Das Filder-Spitzkraut wird auch auf dem Hof von Helmut Gehrung in Plieningen gezüchtet. Zwei Jahre dauert der Selektionsprozess. Jetzt im Herbst vor der Ernte werden wohlgeratene Köpfe mit Wurzeln ausgegraben und im Keller eingelagert. Im Frühjahr werden die Pflanzen wieder auf den Acker gesetzt und blühen, anschließend bilden sie Samen. Diese drücken die Züchter im darauf folgenden Frühling in die Erde, es entstehen Setzlinge aus eigener Zucht. Ein Prozess, für den es eine Menge Zeit und Erfahrung braucht. Und, wie Gehrung sagt, auch Pflanzenschutzmittel. „Sonst gäbe es bald kein Filder-Spitzkraut mehr.“

Den Kohlköpfen sieht man den Stress an

Kann gut sein, dass die Bauern in Zukunft einen noch höheren Aufwand betreiben müssen, um Filder-Spitzkraut anzubauen. Und das hängt nicht nur damit zusammen, dass man öfter auf die Felder fahren müsse, um neue, weniger wirksame Pflanzenschutzmittel auszubringen, wie Gehrung sagt. Denn der Klimawandel wirkt sich beim Krautanbau aus. Höhere Temperaturen und weniger Niederschläge setzen die Pflanzen unter Stress. „Kohlgewächsen sieht man das sogar an“, sagt Judit Pfenning, die sich an der Uni Hohenheim mit Gemüsebau beschäftigt. Dann käme es zu rötlichen oder violetten Verfärbungen. Bei Temperaturen von 30 Grad und mehr „wachsen die Pflanzen nicht mehr, sondern versuchen nur, am Leben zu bleiben“, sagt Pfenning. Stress bedeute zudem, dass die Pflanzen geschwächt und anfälliger für Krankheiten sind oder Schädlingen weniger entgegensetzen können. Diese wiederum profitieren von höheren Temperaturen, vermehren sich schneller. Ein Teufelskreis. Die Selektion geeigneter Pflanzen ist ihrer Ansicht nach eine Möglichkeit, um sich anzupassen. Auch die Verlagerung des Anbauzeitraums sei denkbar. Die Hauptwachstumszeit des Krauts sei im Spätsommer.

Jörg Kimmich hofft, dass die Bauern auf den Fildern beim Anbau des Filder-Spitzkrauts erfolgreich sind. Aber auch der Verbraucher sei gefragt. Der Sauerkonservenhersteller setzt weiter auf Kraut aus der Gegend und will nicht aus anderen Regionen dazukaufen. In mageren Jahren wie 2017 oder vor allem 2018 kam der Krautverarbeiter jedoch an seine Grenzen. „Bestimmte Produkte waren ausverkauft“, sagt er. Immerhin: „2019 war beim Filder-Spitzkraut ein normales Jahr“, sagt er. Aber die Ernte hätte nicht ausgereicht, um die Vorräte aufzufüllen.

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