IG-Metall-Vize Jürgen Kerner – ungewohnt selbstkritisch nach den Wahlen im Südwesten. Foto: Ferdinando Iannone

Die SPD verliert immer mehr Facharbeiter an die AfD – auch bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Das macht vor allem der IG Metall zu schaffen. Sie reagiert wie selten sonst.

Arbeiterpartei SPD? Das ist lange her. Heute macht diese Wählergruppe ihr Kreuz vor allem bei der AfD, fast gar nicht mehr bei den Sozialdemokraten. So auch bei den Landtagswahlen: Da hatte die SPD laut Infratest dimap bei der früheren Kernklientel einen Stimmenanteil von fünf Prozent, während die AfD auf 37 Prozent kam. 21 Prozent wählten CDU, 18 Prozent die Grünen.

 

In einzelnen Gemeinden um die 20 Prozentpunkte zugelegt

In ländlicheren Wahlkreisen, in denen der Anteil an Beschäftigten in der Industrie zugleich besonders hoch ist, hat die AfD ihre höchsten Ergebnisse erzielt und am stärksten hinzugewonnen. Die CDU konnte hier nicht im selben Maß hinzugewinnen. Das belegen eine Auswertung unserer Zeitung sowie eine Analyse des Politikwissenschaftlers Julius Kölzer (Berlin). Vom Wahlkreis Tuttlingen-Donaueschingen bis nach Oberschwaben hat die AfD in einzelnen Gemeinden um die 20 Prozentpunkte zugelegt, doppelt so stark wie im Land.

Der räumliche Trend heißt nicht, dass die AfD dort allein von Industriearbeitern gewählt würde – aber in diesen Gegenden treibt die Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg potenziell mehr Menschen um. „Industriearbeiter sind sehr stark von Zukunftsängsten bedroht, auch wenn sie bisher kein prekäres Einkommen haben“, sagt Rolf Frankenberger vom Institut für Rechtsextremismusforschung der Uni Tübingen. „Diese Angst hat die AfD gezielt geschürt.“

Gewerkschaftsvize: „Müssen wieder näher ran an die Leute“

Besorgen müssen diese Verschiebungen vor allem die Industriegewerkschaft Metall, das zentrale Scharnier zwischen Arbeiterschaft und Politik. Obwohl sie parteiunabhängig agieren will, gehören viele ihrer Protagonisten der SPD an. Ihre eigene Rolle verkennt sie nicht: „Wir haben inzwischen eine große Kluft zwischen den Arbeitern und den Beschäftigten insgesamt sowie den politischen Vertretern“, sagt der Zweite Vorsitzende Jürgen Kerner. Die IG Metall selbst habe noch eine gute Akzeptanz in den Betrieben, „aber auch wir müssen wieder näher an die Leute heranrücken“. Da sei man „oft viel zu sehr in einem technischen Sprech unterwegs“ und erreiche die Menschen emotional nicht. „Das gilt für uns und für die Politik.“

„Auch IG Metall war zu idealtypisch unterwegs“

Hinzu kommt: „Wenn die Facharbeiter das Gefühl haben, sie stehen nicht mehr im Zentrum, sondern es wird Politik für jede Randgruppe in dieser Gesellschaft gemacht, dann geht das schief.“ Die SPD müsse zu ihrem Markenkern zurückkehren – zu den Facharbeitern. „Die haben das Gefühl, dass sie nicht mehr vertreten werden“. So greift die Sorge um sich, „dass gerade unser Vorzeige-Bundesland unter die Räder kommt“, sagt Kerner – „und dass die Politiker den Industriestandort schon aufgegeben haben“. Daher brauche es wieder eine „glaubwürdige positive Zukunftserzählung“; die Betroffenen müssten spüren, „dass der Arbeitsplatz sicher ist und dass es eine Industrieperspektive gibt“. Mit Blick auf die gerade von der Gewerkschaft im Südwesten forcierte Abkehr vom Verbrenner fügt er selbstkritisch hinzu: „Da merken wir alle, auch wir als IG Metall, dass wir zu idealtypisch unterwegs waren.“