Die Harmonie wirkt noch etwas gezwungen, die Konkurrenz ist groß. Denn nur Cem Özdemir (links, Grüne) und Manuel Hagel (CDU, rechts) haben eine Chance, neuer Ministerpräsident von Baden-Württemberg zu werden. Amtsinhaber Winfried Kretschmann tritt nicht mehr an. Foto: Marijan Murat/dpa

Der Landtagswahlkampf beginnt verhalten. Viele Menschen ziehen sich ins Private zurück, kommentiert Reiner Ruf, und erklärt, warum das eine Gefahr ist.

In sechs Wochen ist Landtagswahl, doch leicht entsteht der Eindruck, diese Erkenntnis sei noch wenig verbreitet. Umso mehr, wenn selbst der eigene Zahnarzt überrascht auf den Hinweis reagiert – und mit einem Anflug von Beschämung nach dem Termin (8. März) fragt, von den Kandidaten indes noch nie gehört zu haben behauptet; selbst auf den Namen Cem Özdemir, der medial da und dort schon zum „Superstar“ ausgerufen wird, reagiert der Dentist zögerlich.

 

Zugegeben, dieses Indiz auf gesellschaftliche Ignoranz ist nur von anekdotischer Evidenz. Womöglich ändert sich das jetzt, da die ersten Plakate hängen. Die Wahlkämpfer berichten von großartiger Stimmung und reger Nachfrage, aber das taten sie zu allen Zeiten. Noch die größten Wahlverlierer zeigten sich bis zuletzt siegesgewiss. Erscheint der Kanzler als Wahlhelfer, strömen die Leute. Das schon. Begeisterung weckt Friedrich Merz keine, was zu denken gibt, weil der Sauerländer einst im hiesigen CDU-Milieu regelmäßig als Heilsbringer gefeiert worden war.

Den CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel kennt selbst die Kernwählerschaft allenfalls dem Namen nach. Umgekehrt verspricht der Grünen-Spitzenmann Cem Özdemir einen gewissen Unterhaltungswert, seine Prominenz weckt Neugier, seine politische Erfahrung findet Anerkennung. Seine Partei aber hängt ihm wie Blei an den Füßen. Özdemir ist der einzige Kandidat, der bei einem größeren Teil der Wählerschaft ein Grundvertrauen auslöst. Seinen Konkurrenten fällt das schwer. Den einen, weil sie jung und/oder wenig bekannt sind; den anderen, weil sie kein Vertrauen verdienen.

Besonders krass gilt dies für den AfD-Bewerber, der im Südwesten Ministerpräsident werden will, aber für den Landtag überhaupt nicht kandidiert, weil ihm die Landespolitik zu popelig ist. Statt dessen antichambriert Markus Frohnmaier in Moskau und Washington in obskuren Kreisen. Wenn in einem Land wie Baden-Württemberg um die 20 Prozent der Wähler zu einer Partei neigen, für die Freiheit, Frieden und Verfassungswerte disponibel sind, dann wäre es angezeigt, dass der Rest der Gesellschaft aufwacht.

Rückzug ins Private

Eine gefährliche Distanz zur Politik ist zu vermerken. Europas Freiheit, seine Selbstbehauptung als Region des Friedens, des Wohlstands und der Menschenrechte ist in Gefahr wie nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Wann also könnten Bürgerinnen und Bürger einfacher ihre Anteilnahme am eigenen Geschick bekunden als bei einer Wahl? Gelegenheit dazu gibt es. Dominant aber erscheint der Wunsch nach dem Rückzug ins Private. Was steckt dahinter? Vielleicht Angst und psychische Abwehr. Auch hat nicht jeder – bis weit in die Politik hinein – den Ernst der Lage erkannt. Manchmal ist es auch nur Dumpfheit.

Zu den erfreulichen Befunden der Umfrage gehört, dass CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel mit seinem Kurs der strikten Abgrenzung zur AfD Erfolg hat. Leider erweist sich die CDU bei der Transformation der Wirtschaft als allzu nostalgieverliebt. Dabei muss nicht nur Baden-Württemberg, sondern ganz Europa raus aus der fossilen Wirtschaft – schon um den Erpressungen von Donald Trump und Konsorten zu entgehen.

Seit 1953 hat die CDU gerade einmal fünf Jahre nicht regiert in Baden-Württemberg. Das macht es der Partei offenkundig schwer, alte Zöpfe abzuschneiden. Umgekehrt haben Grüne im Europaparlament gerade im Zusammenspiel mit rechten EU-Gegnern dazu beigetragen, das Freihandelsabkommen mit Südamerika zu torpedieren. Özdemir kritisiert das, aber der Vorgang trägt nicht dazu bei, den grünen Teppich wieder zum Fliegen zu bringen, der die Grünen vor 15 Jahren im Land emporhob.