Andreas Stoch und Cem Özdemir bei der Podcast-Aufnahme im Café Forum in Stuttgart. Foto: STZN/Annika Grah

Der SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch lädt den Grünen Cem Özdemir in seinen Podcast ein. Dahinter steckt mehr Kalkül als politische Plauderei.

Dass da zwei aufeinander treffen, die gut miteinander könnten, ist nicht zu übersehen. SPD-Chef Andreas Stoch und Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir sind schon lange beim „Du“, sie frotzeln über den gemeinsamen Musikgeschmack und finden auch sonst wenig Gegensätze. „Arbeiterkind.de, das sind wir beide, glaube ich“, sagt Stoch. Er hat Cem Özdemir vergangenen Freitag in seinen Podcast „Soundcheck Politik“ in ein Café in der Stuttgarter Innenstadt geladen. Die Folge wird am kommenden Freitag (28. November) ausgestrahlt.

 

Was hinter der Einladung steckt

Dass der SPD-Spitzenkandidat und der Grüne sich demonstrativ gegenübersitzen und Gemeinsamkeiten herausarbeiten ist ungewöhnlich – und doch kein Zufall.

Özdemir lobt Stoch, dessen Tonfall sich bei den zahlreichen Podiumsdiskussionen, auf denen sich die beiden in diesen Wochen gegenübersitzen, unterscheide. „Du gibst auch mal anderen Recht. Du bist nicht pauschal“, lobt er den Sozialdemokraten. Die beiden sprechen an einem wuchtigen Holztisch bei heißer Zitrone nicht nur über Politik – Özdemir darf seine Aufstiegsgeschichte erzählen. Und es geht um musikalische Vorlieben. Özdemir berichtet, dass er zuletzt bei Konzerten von Neil Young und Bruce Springsteen war. Als Einspieler hat er sich das „Liad vom Bauragriag“ („Lied vom Bauernkrieg“) der oberschwäbischen Band „Grachmusikoff“ gewünscht. Es erzähle von einem Schrei nach Partizipation, findet Cem Özdemir die politische Überleitung zur grünen Politik.

Kretschmann zurückhaltend

In einer Aufnahme kommt auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) zu Wort. Der äußert sich zurückhaltend. Es ist Wahlkampf, der Regierungschef hat eigentlich neutral zu sein. Kretschmann lobt Andreas Stoch und die Zusammenarbeit mit ihm als Kultusminister in seiner Regierungszeit. Dass er seit 2016 mit der CDU regiert und dieses Modell 2021 noch einmal neu aufgelegt hat, obwohl seine Partei sich eigentlich eine Ampel-Koalition gewünscht hätte – bleibt unerwähnt.

Demonstrativ sprechen Stoch und Özdemir nicht über Koalitionsmöglichkeiten. Dabei ist klar, dass es bei diesem Treffen genau darum geht: einen Kontrapunkt zu setzen zu den demonstrativen Aufeinandertreffen von Manuel Hagel und Hans-Ulrich Rülke. Seit zwei Jahren gehen der CDU-Spitzenkandidat und sein Pendant von der FDP gemeinsam und über Social Media in Szene gesetzt wandern. Seit dem Sommer also, in dem Hagel getragen von guten Umfragewerten die im Koalitionsvertrag vereinbarte Wahl eines grünen Ministerpräsidenten infrage stellte und damit den einfachen Weg für Özdemir versperrte: Winfried Kretschmann zu beerben und als Amtsinhaber zur Landtagswahl 2026 anzutreten.

Hagel und Rülke treffen sich ausgerechnet auch am Freitag

Hagel und Rülke machen keinen Hehl daraus, dass ihnen eine gemeinsame Koalition am liebsten wäre. Besuchen bei Parteitagen folgen gemeinsame Auftritte. Vergangenen Freitag saßen sie auf der Bühne in der Stuttgarter Phoenixhalle. Unternehmer aus Stuttgart hatten die Veranstaltung organisiert.

Noch ist es im Wahlkampf zu früh, um sich auf politische Farbenspiele einzulassen. Selbst der sonst rigorose Hans-Ulrich Rülke will sich erst beim Parteitag Anfang Januar festlegen, ob er zwei Monate vor der Landtagswahl am 8. März eine Zusammenarbeit mit den Grünen definitiv ausschließt.

Stoch betont gern, dass nur wenige Prozentpunkte bei der Landtagswahl 2021 zur Grün-roten Mehrheit gefehlt hätten. Doch inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Mit aktuell 20 (Grüne) bzw. 10 (SPD) Prozent wären zum jetzigen Stand weder Özdemir noch Stoch in der Lage, den Ton bei einer Koalitionsbildung anzugeben. Und so umschiffen der Grüne und der Sozialdemokrat die Frage. Die beiden geben sich lieber als Demokraten, die einen großen Konsens suchen. An einem Punkt erwähnt Özdemir die Möglichkeit, dass er Stoch auch als Oppositionspolitiker einbinden würde. Den beiden ist klar, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, sich nicht in einer Koalition zu treffen. Und so wundert es nicht, dass Stoch auch Manuel Hagel für seinen Podcast angefragt hat.