Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir und CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel waren sich im Wahlkampf ziemlich oft einig. Foto: Marijan Murat/dpa

Lange sah es so aus, als wäre die Landtagswahl entschieden. Doch der komfortable Vorsprung der CDU ist wenige Tage vor dem 8. März zusammengeschrumpft. Das sind die Gründe.

Wenn sich eines an den Umfragen wenige Tage vor der Landtagswahl sicher ablesen lässt, dann das: Die Zeichen stehen auf eine Fortsetzung des Regierungsbündnisses zwischen Grünen und CDU. Von welcher Partei diese Landesregierung allerdings geführt werden wird, ist unsicherer denn je in diesem Wahlkampf. „Ich glaube, das wird ein langer Wahlabend“, prophezeit der Politikwissenschaftler Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim.

 

Zwei neue Umfragen zeigen knappes Rennen

Am Donnerstag und Freitag wurden zwei Vorwahlumfragen veröffentlicht, die viel Bewegung zeigten. Die wichtigste Erkenntnis: Der komfortable Vorsprung, mit dem die CDU in den Wahlkampf gestartet ist, ist zusammengeschmolzen. Im ARD-Deutschlandtrend, der auf Daten von Infratest dimap beruht, lagen die Grünen mit 27 Prozent nur einen Prozentpunkt hinter der CDU. Das ZDF-Politbarometer von der Forschungsgruppe Wahlen sieht die Grünen bei 25 Prozent, die CDU allerdings nur noch bei 27 Prozent. Ein Wert, den die Christdemokraten in Umfragen zuletzt im Jahr 2023 erreichten.

Solche Befragungen vor der Wahl bergen viel Unsicherheit. Beide Institute weisen darauf hin, dass nur zwei Drittel der Befragten schon festgelegt sind. Die letzten Tage und Wochen gelten als entscheidend. In Baden-Württemberg kommt ein neues Wahlrecht hinzu, erstmals dürfen 16- und 17-Jährige ihre Stimme abgeben.

Schon Anfang der Woche zeichnete sich ein Trend ab

Aber schon Anfang der Woche hatte eine Umfrage des Insa-Instituts die Grünen im Vergleich zum Januar vier Prozentpunkte zulegen sehen, während die CDU leicht auf 28 Prozent verlor. Bei Insa war der Abstand der Grünen zur CDU mit sechs Prozentpunkten allerdings noch deutlich größer.

Trotzdem: Das Rennen um das Amt des Ministerpräsidenten scheint nun wieder offen. Dabei sah es lange so aus, als sei CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel der Einzug in die Villa Reitzenstein sicher und nicht Grünen-Frontmann Cem Özdemir. Beide wollen nach der Landtagswahl am 8. März den Platz von Winfried Kretschmann einnehmen, der aus dem Amt scheidet.

Für den Aufwärtstrend machen Politikwissenschaftler vor allem die Persönlichkeitswerte von Özdemir verantwortlich. Der Grünen-Politiker habe offensichtlich eine Art Amtsbonus, „obwohl er noch gar nicht im Amt ist“, sagt Joachim Behnke von der Zeppelin-Universität Friedrichshafen.

Özdemir ist nach wie vor deutlich bekannter

Während sich zu Özdemir fast 90 Prozent der Befragten bei Infratest dimap ein Urteil zutrauen, ist das bei Manuel Hagel nur bei gut der Hälfte der Befragten der Fall. Davon sind 23 Prozent zufrieden oder sehr zufrieden mit seiner Arbeit, 27 Prozent sind unzufrieden. Auffallend ist, dass der 37-Jährige vor allem bei über 60-Jährigen punktet.

Manuel Hagel liegt in Sachen Bekanntheit weit hinter Cem Özdemir. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Cem Özdemir ist als früherer Bundespolitiker deutlich bekannter und kommt auch besser an. 49 Prozent sind bei Infratest dimap zufrieden oder sehr zufrieden, 40 Prozent finden seine Arbeit nicht gut.

Negative Schlagzeilen über den Grünen hielten sich im Wahlkampf bislang in Grenzen – mal abgesehen von dem Vorwurf, dass er seine Hochzeit mit Flavia Zaka nur wenige Wochen vor der Wahl am 14. Februar inszeniert habe. Ein Vorteil sei, so der Politologe Brettschneider, dass die Grünen auf Bundesebene aktuell keine große Rolle spielen.

Kein Rückenwind für Manuel Hagel

CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel hingegen hatte eher mit Gegenwind zu kämpfen im Wahlkampf: Erst führte die Bundes-CDU Debatten über Lifestyle-Teilzeit und Zahnersatz, dann tauchte Anfang der Woche noch ein ganz anderes Problem auf. Bundesweit machte ein acht Jahre altes Video Schlagzeilen, in dem Manuel Hagel von einem Besuch bei einer Realschulklasse erzählt. Eine Schülerin beschreibt er mit „rehbrauen Augen“. Das grüne und linke Lager schäumte vor Empörung. Hagel räumte einen Fehler ein. Das sei „Mist“ gewesen, sagt er.

Politikwissenschaftler Behnke glaubt nicht, dass ihm das geholfen hat. Einen großen Effekt sieht er aber auch nicht – „eher eine Bestärkung von vorhandenen Ansichten.“ Auf den letzten Metern könnte das noch eine andere Wirkung zeigen. Behnke rechnet angesichts der Umfragen eher mit einer Mobilisierung konservativer Wähler in den letzten Tagen vor der Wahl.

Nach Einschätzung von Brettschneider könnte das enge Rennen noch eine andere Folge haben. Nämlich, dass Wähler von FDP, SPD und Linken ihre Stimme strategisch einer der größeren Parteien geben. Beide Umfragen sahen FDP und Linke zuletzt nur bei sechs Prozent – also knapp im Landtag. Die SPD lag einstellig bei sieben bzw. neun Prozent. Eine Deutschlandkoalition von CDU, SPD und FDP wäre so rechnerisch aktuell nicht möglich.

Die AfD hingegen liegt bei 18 und 19 Prozent leicht unter früheren Umfragen. Sie würde ihr Wahlergebnis aus dem Jahr 2021 aber damit nach wie vor verdoppeln.

Die Umfragen

ARD-Deutschlandtrend
Für die repräsentative Umfrage wurden von Infratest dimap 1.530 Wahlberechtigte in Baden-Württemberg zwischen dem 23. und 25. Februar befragt. Die Fehlertoleranz liegt zwischen zwei und drei Prozentpunkten. Wahlumfragen sind generell immer mit Unsicherheiten behaftet

ZDF-Politbarometer
Für die repräsentative Umfrage des ZDF-Politbarometers wurden von der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen 1.049 Wahlberechtigte in Baden-Württemberg zwischen dem 23. und 26. Februar befragt. Die Fehlertoleranz liegt zwischen zwei und drei Prozentpunkten.