Brezel, Trachten, Sportverein – Cem Özdemir sucht Bilder, die Baden-Württemberg verkörpern. Foto: imago/photothek

Selbst von Parteifreunden waren die Erfolgsaussichten von Cem Özdemir bei dieser Wahl in Frage gestellt worden. Nun gewinnt er hauchdünn. Was lässt sich daraus ablesen für das Land?

Dass das klappen könnte, daran hatten selbst hochrangige Grüne nicht geglaubt. Anderthalb Jahre vor der Landtagswahl sagte der frühere Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon im SWR: „Die Frage ist für mich, wenn man Cem Özdemir heißt, ist das – glaube ich – in Stuttgart und Freiburg kein Problem, weil das interessiert niemanden, dass er türkische Wurzeln hat. Aber Baden-Württemberg ist ein konservatives Land, und ich weiß nicht, wie alle Leute hier so ticken.“

 

Grüne und CDU sind quasi gleich auf

Nun ist das Wahlergebnis ist da – und es zeigt sich:  Die Grünen kommen nah an das Rekordergebnis von Winfried Kretschmann aus dem Jahr 2021 heran. 30,2 Prozent der Zweitstimmen gingen an die Grünen – aber fast so viele, nämlich 29,7 Prozent, gingen auch an die CDU. Hinzu kommt: Die Christdemokraten haben in ihren Wahlkreisen 56 Direktmandate errungen, was im Parlament zu einer Patt-Situation führt.

CDU-Landeschef Manuel Hagel hat eines der besten Ergebnisse der CDU seit Jahren eingefahren. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Aktuell haben CDU und Grüne noch keine Gespräche aufgenommen. Cem Özdemir hat aber zumindest Chancen, erster Ministerpräsident mit Migrationshintergrund zu werden. Der Politologe Michael Wehner von der Landeszentrale für Politische Bildung hatte niemals einen Zweifel daran, dass das möglich sein könnte: „Das ist das Wahlergebnis und das Lebensgefühl der Baden-Württemberger.“

CDU vor allem auf dem Land stark

Um das zu erklären, lohnt ein Blick auf die Bevölkerungsverteilung und die Wahlergebnisse im Land. Die Grünen haben auch bei dieser Wahl in größeren Städten besser abgeschnitten. „Ab einer Gemeindegröße von 50 000 Einwohnerinnen und Einwohnern und mehr sank das Ergebnis der CDU unter ihren Landesdurchschnitt“, heißt es im Wahlnachbericht des Statistischen Landesamtes. Fast jeder fünfte Einwohner lebt in einer der neun Großstädte mit mehr als 100 000 Einwohnern. Ein Drittel hat seinen Hauptwohnsitz in einer der 96 Städte mit 20 000 bis 100 000 Einwohnern.

Trotzdem sagt das nichts über die Akzeptanz eines möglichen Regierungschefs Cem Özdemir aus, sagt der Tübinger Soziologe Boris Nieswand: „Die ländlichen Strukturen in Baden-Württemberg sind anders. Hier gibt es auch viel Industrie, aber auch viel Migration.“ Der Ausländeranteil ist laut Statistik in Gemeinden mit mehr als 5000 Einwohnern (29,5 Prozent) und Städten (36 Prozent) sogar höher als in den Großstädten (26,1 Prozent). „Baden-Württemberg ist das Bundesland mit der höchsten Quote von Zuwanderern im ländlichen Raum. Das darf man nicht unterschätzen“, sagt Nieswand.

Schaut man sich die Wahlergebnisse näher an, ist ein Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Parteipräferenz allerdings nur bei der CDU messbar. Dort wo es mehr Menschen mit Migrationshintergrund gibt, ist die CDU schwächer.

Ausländeranteil zahlt nicht aufs Ergebnis der Grünen ein

Und das ist für die Frage, ob die Menschen einen Ministerpräsidenten mit „Ötzelbrötzel“-Namen, wie Özdemir selbst immer sagt, akzeptieren, nicht relevant, sagt der Politologe Wehner. „Ich kann letztlich auch CDU-Anhänger sein, aber keine Probleme mit einem Ministerpräsidenten Özdemir haben.“ Umfragen vor der Wahl zeigten, dass Özdemir auch bei CDU-Wählern Fans hat.

Wird Cem Özdemir am Ende der Verhandlungen mit der CDU tatsächlich zum Ministerpräsidenten gewählt, wäre er wieder einmal der Erste seiner Art, nachdem er 1994 erster Bundestagabgeordneter und 2021 erster Bundesminister mit türkischstämmigen Wurzeln wurde. Der Soziologe Rauf Ceylan sagte diese Tage: „Das ist die Umsetzung des deutschen Traums.“

Cem Özdemir hat Migration mit Werten Baden-Württembergs verbunden

Nieswand sieht das eher als Baden-Württemberg-Thema. „Cem Özdemir hat es geschafft, seinen Migrationshintergrund als etwas darzustellen, das mit den Werten Baden-Württembergs verbunden ist“, sagt er. „Es ist beachtlich, dass das in einem strukturkonservativen Land möglich ist.“ Allerdings sei im Wahlkampf deutlich gewesen, dass Özdemir versuche, verschiedene Milieus anzusprechen: „die Schwaben, aber auch die Menschen mit Migrationshintergrund.“ Doch nicht bei allen Menschen mit ausländischen Wurzeln kommt der „anatolische Schwabe“, wie sich Özdemir gern bezeichnet, gut an. Die Journalistin Özge Inan beispielsweise kritisierte diese Woche, Özdemir betone seine Herkunft nur, wenn er damit legitimieren könne, gegen andere Migranten auszuteilen.

Dem CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel sei es aber noch weniger gelungen, unterschiedliche Gruppen anzusprechen, sagt Wehner, auch wenn die CDU seiner Einschätzung nach nicht schlecht abgeschnitten hat. Jedoch: „Wenn Hagel ein bisschen übergreifender vermittelt hätte, wäre das für ihn aufgegangen“, sagt er.

Özdemir hat in seinem Wahlkampf den Topos der Aufstiegsgeschichte gesetzt. „Die Frage von Durchlässigkeit in der Gesellschaft, das ist die Zukunftsfrage, vor der wir stehen“, sagte Nieswand . „Können wir das gesellschaftliche Versprechen halten, dass Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte, die sich anstrengen, sozialen Aufstieg erreichen können.“ Am Ende, so Nieswand, hängt das Ergebnis aber auch mit der Person selbst zusammen. „Das ist historisch. Das hat mit der Ausnahmepersönlichkeit Cem Özdemirs zu tun“, sagte er. „Wir haben eine Art Obama-Effekt gesehen.“