Klinke putzen vor der Landtagswahl: Kim Sophie Bohnen setzt auf Haustürwahlkampf – wie hier in Heidelberg. Foto: Gottschalk

Die Linke könnte nach der Wahl am 8. März erstmals in den Landtag einziehen. Deren Spitzenkandidatin, Kim Sophie Bohnen, punktet im Kontakt mit Menschen von nebenan.

Ein bisschen flunkern ist schon dabei. „Hallo, mein Name ist Kim, ich komme von der Linken und wir sprechen gerade mit der gesamten Nachbarschaft“. Kim Sophie Bohnen sagt ihr Sprüchlein zum dritten Mal auf, viel gesprochen hat sie mit der Nachbarschaft bisher allerdings nicht. Die Spitzenkandidatin der Linken macht Haustürwahlkampf, und die bisherigen Türen sind schnell wieder zugegangen, nachdem jemand vorsichtig herausgelugt hat. Von Enttäuschung ist Bohnen aber weit entfernt. Das Lächeln bleibt echt, die Stimme bleibt freundlich, die Laune bleibt gut. Es geht zur nächsten Tür. „Hallo, mein Name ist Kim, ich komme von der Linken….“.

 

Linke beleben den Haustürwahlkampf neu

Heidelberg, Stadtteil Rohrbach. Das ist nicht unbedingt die Gegend, in der die Haute Volée der Unistadt ihr zu Hause hat. Vier bis fünfstöckige Wohnblöcke reihen sich aneinander, Baujahr 1969 steht auf den Plaketten in den Aufzügen. Hier haben sich an diesem kalten Januartag mehr als ein Dutzend Mitstreiter versammelt, junge Menschen zumeist, teils mit blauen Haaren oder lila Bärten, und immer mit einer Weste, die sie als Vertreter der Linken ausweist. In Kleingruppen aufgeteilt gehen sie durch die Straßen, so wie Kim Sophie Bohnen, klingelnd, von Tür zu Tür. „Hallo, mein Name ist Kim, ich komme von der Linken…“

Die Linke hat den Haustürwahlkampf nicht erfunden, aber sie hat ihn neu belebt. Man gehe landesweit auf 70 000 Menschen zu, sagt Kim Sophie Bohnen. Wie oft sie selbst an den Türen geschellt hat, weiß sie nicht. Jetzt, in der immer heißer werdenden Phase des Wahlkampfes, werden die Runden noch einmal intensiver, begonnen haben sie schon vor Monaten. Man verfolge das Ziel 70 Prozent zuhören und 30 Prozent zu reden, sagt Bohnen. Die wesentlichen Punkte für ihr Wahlprogramm, das, was die Menschen wirklich bewegt, das hätten sie alles an der Haustür in Erfahrung gebracht. Hohe Mieten, fehlende Kitaplätze, schlechter Nahverkehr.

„Hallo, mein Name ist Kim, ich komme von der Linken...“ Da war wieder eine Tür, die sich geöffnet hat. Ob man englisch sprechen könne, fragt die Frau im Türrahmen, und erzählt, dass sie Ausländerin sei und nicht wählen dürfe. Für Kim Sophie Bohnen ist das kein Problem, und das andere kein Argument, um auf dem Absatz kehrt zu machen. Auch das sei so ein Punkt, den man ändern wolle, sagt Bohnen, und fragt, wie sich die Frau denn so fühle in Deutschland, wie es mit Mieten, Kitaplätzen und Arztversorgung laufe.

Streng ökonomisch betrachtet, ist das verschenkte Zeit, eine Wählerstimme ist hier nicht zu holen. Und mit der Ökonomie kennt sich Kim Sophie Bohnen aus – sie interpretiert nur anders, was sich lohnt und was nicht.

Zu viel Lob ist der Kandidatin peinlich

Kim Sophie Bohnen ist in Itzehoe geboren, und absolvierte nach dem Abi im hohen Norden eine Lehre zur Bankkauffrau. „ Am Bankschalter lernt man das echte Leben kennen“, sagt die 26-Jährige. Rentner, die in Tränen ausbrechen, weil sie ihre Einkäufe nicht mehr bezahlen können, Alleinerziehende, die nicht wissen, wie sie das Nötigste besorgen können. Das sei so eine Art Erweckungserlebnis gewesen, habe den Wunsch hervorgebracht, etwas ändern zu wollen. Es folgt der Umzug von Schleswig-Holstein nach Heidelberg, das Studium von Politikwissenschaft und Soziologie, das Engagement bei der Linken.

Neue Tür, neues Glück. „Hallo, mein Name ist Kim …“ – und so weiter. Wieder ist es eine Frau, die zuerst einen vorsichtigen Spalt weit öffnet. Eigentlich sei sie ganz zufrieden, sagt die Frau mit japanischen Wurzeln. Das Gesundheitssystem in Deutschland sei gut, die Hilfe, die sie bekomme, toll. Kim Sophie Bohnen lächelt, fragt, ob sie ihr Informationsmaterial dalassen dürfe, da bricht es aus der Frau heraus. Ihr Enkel sei in Deutschland geboren, sehe aber orientalisch aus und werde ständig grundlos von der Polizei kontrolliert, und die AfD wolle, dass alle Ausländer gehen. „Ist das richtig? Was wird dann aus uns?“ fragt sie. Das mit den Kontrollen sei ein echtes Problem, sagt Bohnen, und dann ist es der Kandidatin fast schon peinlich als die Frau im Türrahmen hoch und heilig verspricht, sie in den Landtag zu wählen. „Wahlgeheimnis“, sagt Bohnen.

Kein direkter Weg von Heidelberg nach Stuttgart

Dass Kim Sophie Bohnen nach dem 8. März einen Platz im Landesparlament bekommt, dass sie dann noch häufiger mit dem Zug von ihrem Wohnort Heidelberg nach Stuttgart pendeln muss, das ist nach aktuellem Stand der Wahrscheinlichkeitsrechnung so gut wie sicher. Sicherer als die Bahnverbindung, bei der man Zeit für den Umstieg in Mannheim einplanen muss. Zum ersten mal dürfen die Linken auf den Einzug in den Landtag hoffen, Prognosen sehen sie konstant bei sieben Prozent. Als Spitzenkandidatin tritt Kim Sophie Bohnen mit Amelie Vollmer und Mersedeh Ghazaei im Dreierpack an. Der Anteil von Frauen auf der Landesliste liege bei 57 Prozent, sagt Landesgeschäftsführerin Lisa Neher nicht ohne Stolz, und dass die Partei „Menschen aus dem Volk“ ins Rennen schicke, keine Berufspolitiker. Das ist, wie vieles im Leben, eine Frage der Interpretation.

Da die Linken derzeit keine Vertreter im Stuttgarter Parlament sitzen haben, kann von den Kandidaten schwerlich jemand als Berufspolitiker bezeichnet werden. Politik als Beruf, das geht aber trotzdem. Kim Sophie Bohnen arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Bundestagsfraktion der Linken und gilt als Vertraute der baden-württembergischen Bundestagsabgeordneten und Landesparteichefin Sahra Mirow. Auch Amelie Vollmer bezieht in der Ortenau ihr Gehalt von der Partei. Beide Frauen werden, sollte der Steuerzahler künftig den Lebensunterhalt per Diäten finanzieren, aber deutlich weniger erhalten, als die Vertreter anderer Parteien. Die Linken haben beschlossen, dass die Abgeordneten ein gedeckeltes Einkommen in Höhe des Durchschnittslohnes bekommen.

Auch als Abgeordnete an der Haustür aktiv

„Hallo, mein Name ist Kim, ich komme von der Linken…“. Kim Sophie Bohnen ist an der nächsten Tür. Er arbeite Schicht und müsse jetzt schlafen, sagt der Mann. Bohnen ist das wieder ein wenig peinlich. Sie entschuldigt sich, und das klingt herzlich und ehrlich. Gerade im Winter klingele man lieber nachmittags, wenn es noch natürliche Helligkeit im Hausflur gibt, sagt Bohnen. Da könne so etwas passieren, leider.

Gleichwohl: Die Aktionen an der Haustür machten ihr Spaß und Freude, sagt die Spitzenkandidatin, und dass sie davon auch nicht ablassen wolle, wenn es denn klappen sollte mit einem Landtagsmandat. „Mindestens einmal im Monat“, will sie auch dann noch von Tür zu Tür ziehen – und ihr Sprüchlein aufsagen.