Erst- und Jungwähler sind viel pessimistischer als Ältere. Das zeigt eine Umfrage, die unserer Zeitung exklusiv vorliegt. Ihre Haltung zu den größeren Parteien sollte aufrütteln.
Die junge Generation hat mehr sowie andere Ängste und Sorgen als andere Altersgruppen in Baden-Württemberg. Das zeigt eine Auswertung von Baden-Württemberg-Daten aus dem Sosec-Panel des Karlsruher FZI Forschungszentrum Informatik gemeinsam mit dem KIT.
Die Liste dieser Sorgen ist lang – und sie ist vermutlich ziemlich relevant für die Entscheidung bei der Landtagswahl am 8. März. Jung- und Erstwähler unter 25 Jahren fürchten stärker als andere Altersgruppen, dass
- sie sich beim Einkaufen einschränken müssen,
- sie ihren Arbeitsplatz verlieren,
- ihr Wohlstand schwindet,
- steigende Mieten zum Problem werden,
- staatliche Schulen schlechter werden,
- Umwelt und Klima stark leiden,
- Deutschland in den Ukrainekrieg verwickelt wird.
Die Liste der Themen, die den Jungen Sorgen machen, ist noch länger, der Fragenkatalog der Sosec-Umfrage umfangreich. Die Unterschiede zu den anderen Altersgruppen bis 49, bis 65 sowie über 65 Jahren sind signifikant. Das heißt: auch wenn die Befragten sich noch in anderen Aspekten unterscheiden, beispielsweise in ihrer politischen Einstellung, macht das Alter einen messbaren Unterschied, was Ängste und Sorgen unter den Menschen in Baden-Württemberg angeht.
„Im Angesicht der Polykrise scheinen Sorgen um das Klima in den Hintergrund gerückt zu sein“, sagt die FZI-Forscherin Ina Ni. Im Sommer haben sie und ihre Kollegen in einer Recherche für das Bundesumweltministerium vier Typen junger Erwachsener in Bezug aufs Klima identifiziert. Ergebnis: der Anteil der Engagierten, die nicht nur besorgt, sondern auch zu konkretem klimafreundlichem Handeln bereit sind, ging seit 2023 leicht zurück. Der Anteil derjenigen, denen ihre eigene wirtschaftliche Situation wichtiger sind, hat sich dagegen fast verdoppelt.
Sie liegen damit nun deutlich näher an den Älteren als noch vor einigen Jahren. Ni beobachtet einen Zielkonflikt mit der Wirtschaft: ökonomische Sorgen verdrängen die Bereitschaft, sich fürs Klima zu engagieren und beispielsweise den eigenen Konsum zu verändern. Gleichwohl sorgt sich weiterhin die Hälfte der Bevölkerung im Land etwas oder sehr wegen des Klimawandels.
Die jungen Menschen in Baden-Württemberg sind keine Ausnahme. Auch bei den bundesweit für das Panel befragten rund 1500 Menschen ist die junge Generation die Generation Sorge. Corona, Ukrainekrieg, Energiekrise und Inflation, giftige gesellschaftliche Diskussionen und die Unsicherheit in der Welt: das ist das Umfeld, in dem junge Erwachsene heute leben. Daten aus dem Sosec-Panel zeigen, dass die Ängste junger Erwachsener seit Ende 2022 deutlich zugenommen haben, während Ältere und insbesondere Senioren nicht besorgter sind als vor dreieinhalb Jahren.
Klare Studienlage – unklare politische Folgen
Auf Basis der Sosec-Daten zeigen Forscher der Uniklink Ulm in einer eigenen Auswertung, dass Jugendliche viel stärker deprimiert sind als Ältere. Das bestätigen auch andere Studien zu dem Thema, etwa „Jugend in Deutschland“. Laut der von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichte Studie „Einstellungen und Sorgen der jungen Generation Deutschlands“ sind etwa nur vier von zehn niedrig gebildeten Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit der Demokratie als Regierungsform zufrieden.
Das hat Folgen, etwa für die Wahlabsicht. Wer erwartet, dass es ihm schlechter ergeht als seinen Eltern, wählt eher Angebote vom linken oder rechten Rand. Das zeigt die Auswertung einer Befragung in elf europäischen Ländern.
Keine der größeren Parteien überzeugt
Für die Landtagswahl 2026 bedeutet es, dass jeder fünfte Befragte unter 25 aus dem Sosec-Panel nicht vorhat, zur Wahl zu gehen – der höchste Wert unter allen Altersgruppen. SPD und Linke werden gemeinsam mit dem BSW am positivsten eingeschätzt. Die AfD polarisiert: Sie hat einige wenige Anhänger und viele Gegner und wird von den Jung- und Erstwählern daher im Mittel am schlechtesten bewertet. Auffällig ist aber auch: alle Parteien mit Chancen auf einen Einzug in den Landtag werden von den Unter-25-Jährigen unterdurchschnittlich eingeschätzt.
Neben den stärkeren Ängsten unterscheiden sich die Unter-25-Jährigen von älteren Wahlberechtigten auch in ihrem Medienkonsum. Sie beziehen viel häufiger Informationen von Influencern, aus sozialen Netzwerken und von Videoplattformen. Zugleich vertrauen sie Institutionen wie Parlament, Regierung oder Polizei weniger. Das Gleiche gilt für die politischen Parteien.
Wo Junge optimistischer sind
Wirtschaft, Klima, Bildung, Sicherheit – auf diese Themen blicken die Jungen durchweg sorgenvoller als ältere Menschen in Baden-Württemberg. Tatsächlich sind sie in einigen Punkten auch optimistischer:
- Sie empfinden mehr Meinungsfreiheit als Ältere.
- Sie stimmen weniger der Behauptung zu, Ausländer würden ihnen die Jobs wegnehmen oder Kriminalitätsprobleme verschärfen.
- Sie stimmen eher der These zu, dass das Sozialsystem mit Ausländern klarkommen kann.
- Sie stimmen eher der These zu, dass Muslime in die deutsche Gesellschaft passen.
Es finden sich also zahlreiche gesellschaftlich linke Haltungen unter den Jung- und Erstwählern. Dazu passt, dass sie einen Wehrdienst als eher überflüssig empfinden und seltener denken, dass Deutschland wieder kriegstüchtig werden müsse. Zudem fordern sie seltener als Ältere mehr Mut zu einem starken Nationalgefühl.
Der Unterschied zwischen den Generationen ist deutlich stärker als zwischen Stadt und Land. Zwar wählen die Menschen in Großstädten oftmals anders als im Dorf, wie auch die Bundestagswahl 2025 gezeigt hat. Zumindest in den Sosec-Daten sind die Unterschiede eher punktueller Art: in der Stadt sorgt man sich weniger um die Autoindustrie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Das Sosec-Panel
Panel
Für die Befragung „Social Sentiment in Times of Crises“ (SOSEC) befragt das FZI Forschungszentrum Informatik gemeinsam mit dem Karlsruher KIT seit November 2022 alle zwei Wochen rund 1500 Panelisten bundesweit. Das Ziel ist, die gesellschaftliche Stimmung abzufragen – insbesondere Ängste und Sorgen der Bevölkerung. Das SOSEC-Panel wird von der Alfred Landecker Foundation gefördert.
FZI
Das FZI Forschungszentrum Informatik ist als unabhängige Stiftung organisiert und ist über eine Innovationspartnerschaft personell eng mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) verbunden. Mehr zum Panel gibt es auf www.socialsentiment.org.