Warum hat es nicht geklappt mit der Rückkehr an die Macht? Für Dirk Notheis hat der Misserfolg mehrere Väter – auch Winfried Kretschmann und sogar CDU-Minister Strobl.
Der zierliche Mann mit der spitzen Nase fiel kaum auf im Getümmel bei der Wahlparty der Südwest-CDU. Nur die Älteren dürften ihn noch persönlich erlebt haben, viele Jüngere kennen ihn wohl nur noch vom Hörensagen. Es ist auch schon mehr als 15 Jahre her, dass Dirk Notheis (56) in der Partei eine Rolle spielte – zunächst als umtriebiger Landeschef der Jungen Union und später als jener Investmentbanker, der den Kurzzeit-Ministerpräsidenten Stefan Mappus beim „EnBW-Deal“ begleitete. Das am Landtag vorbei eingefädelte Milliardengeschäft galt als einer der Gründe dafür, dass Mappus 2011 die Jahrzehnte währende Macht der CDU in Baden-Württemberg verspielte. Auch der Ex-Premier wurde übrigens am Wahlabend gesichtet.
Die beiden Freunde wollten wohl live dabei sein, wenn Manuel Hagel das Land für die CDU zurückerobert. Mappus war von ihm schon länger wieder in die Parteifamilie zurückgeholt worden; bei Festen etwa saß er demonstrativ an seiner Seite. Es gehe ums Zuschütten von Gräben, wurde betont, nicht um eine Beraterrolle. Notheis hatte sich erst zuletzt wieder bei Parteiterminen blicken lassen, so etwa beim politischen Aschermittwoch. Beim „Dollenberg-Dialog“ in einem Schwarzwaldhotel zeigte er sich sogar mit Ex-Finanzminister Willi Stächele, dessen Karriere als Landtagspräsident wegen des als verfassungswidrig eingestuften EnBW-Deals ein frühes Ende beschieden war.
Lange Gesichter am Wahlabend
Doch der Wahlabend verlief anders, als Notheis erhofft hatte. Mit versteinerter Miene verfolgte er die Hochrechnungen auf den Monitoren im Stuttgarter Geno-Haus, die von einer großen Enttäuschung kündeten: Trotz bester Ausgangslage schien es auf den letzten Metern wieder nicht zu gelingen, die Grünen aus der Villa Reitzenstein zu vertreiben. Als die hauchdünne Niederlage feststand, machte sich der Banker – inzwischen als Mittelstandsfinanzierer unterwegs – an eine Analyse. Als Plattform dafür wählte er das Magazin „Cicero“, bei dem er inzwischen als Mitherausgeber firmiert.
„Das Wahlergebnis und seine Väter“, lautete der Titel des Beitrags, der viele Parteifreunde in ihrer Opferrolle bestärkte. Eine perfide inszenierte „Schmutzkampagne“, meinen sie, habe Hagel am Ende den Sieg gekostet. Entgegen allen Beteuerungen müsse Cem Özdemir gemeinsame Sache gemacht haben mit der Karlsruher Bundestagsabgeordneten Zoe Mayer, die das folgenschwere „Rehaugen-Video“ gepostet hatte.
Spott für den CU-Innenminister
Drei Akteure machte Notheis für den Wahlausgang verantwortlich. Da sei der „unglückliche“ Ex-CDU-Landeschef und Innenminister Thomas Strobl, der einst mit den Grünen die Reform des Wahlrechts verhandelt habe. Die neu eingeführte Zweitstimme und die Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre hätten Özdemirs Sieg erst ermöglicht. Strobl gebühre dafür der „Lorbeer“, schreibt der Autor sarkastisch und mahnt: „Respice finem, bedenke das Ende.“ Genau das war aus seiner Sicht offenbar versäumt worden.
Da sei das „Dream Team“ Özdemir-Mayer, also das Zusammenspiel des Spitzenkandidaten mit der wenig bekannten Karlsruher Abgeordneten. Als „Wahlkampf-Bloggerin“ habe diese die Speerspitze einer „Kampagne unterhalb sämtlicher Gürtellinien“ abgegeben, die die Integrität Hagels beschädigen sollte. Gezielt vor dem Fernsehtriell habe sie das Video mit den „unglücklichen Aussagen“ des damals 29-jährigen Hagel platziert – und damit im Netz eine Welle von Vorwürfen provoziert. Durch diese „Diffamierung“ sei dem Grünen-Vormann die Aufholjagd gelungen.
Und da sei Winfried Kretschmann, der alle Akteure „stillschweigend gewähren“ lassen habe. Anstatt der „beispiellosen Netz-Hatz gegen Manuel Hagel“ Einhalt zu gebieten und sich „schützend vor den jungen Kandidaten und die politische Moral“ zu stellen, sei er passiv geblieben – zugunsten seines Wunschnachfolgers. Damit trage der praktizierende Katholik „schwer an Verantwortung für das Zugrabetragen von Anstand, Respekt und Moral“. Auf deren letzter Ruhestätte, beendet Notheis seine Generalabrechnung, stehe „jetzt eine Sonnenblume“.