Die Direktkandidaten von Wahlkreis 2: Cem Özdemir (Grüne), Klaus Nopper (CDU), Sara Dahme (SPD), Steffen Degler (AfD), Faisal Osman (Linke) und Friedrich Haag (FDP) Foto: Grüne/Özdemir, CDU/Nopper, SPD/Dahme, AfD/Degler, Linke/Osman, FDP/Haag

Fehlende Kita-Plätze, steigende Gebühren und Personalmangel – die Kinderbetreuung in Stuttgart stockt. Was wollen die Direktkandidaten im Wahlkreis II daran ändern? Ein Überblick.

Degerloch, Möhringen, Plieningen oder Birkach: Der Wahlkreis 2 umfasst Stadtteile, in denen viele junge Familien leben – und in denen die Suche nach einem Kita-Platz längst zum Kraftakt geworden ist. Eltern berichten von monatelangen Wartelisten, reduzierten Betreuungszeiten oder Gruppen, die wegen Personalmangels gar nicht erst öffnen können. In Möhringen und Degerloch fehlen jeweils mehr als hundert Plätze. Gleichzeitig steigen die Gebühren, weil die Stadt sparen muss.

 

Was im Wahlkreis 2 besonders spürbar ist, ist kein isoliertes Problem. In ganz Stuttgart fehlen rund tausend Betreuungsplätze. Landesweit klagen Kommunen über Fachkräftemangel, hohe Betriebskosten und eine Finanzierung, die mit dem Bedarf nicht Schritt hält. Vor der Landtagswahl wird damit eine Frage zentral: Wie wollen die Direktkandidatinnen und -kandidaten die Betreuungslage im Wahlkreis II in Stuttgart konkret verbessern?

FDP: Erzieher von Verwaltungsaufgaben entlasten und Neuordnung der Finanzen

Für Friedrich Haag (FDP) ist klar: Durch den Mangel an Kita-Plätzen lasse man Kinder und Familien im Stich. „Den Kindern wird eine wichtige Grundlage für ihren Bildungsweg verwehrt, gleichzeitig müssen immer mehr Eltern ihre eigene Berufstätigkeit für die Kinderbetreuung zu Hause reduzieren oder ganz aufgeben.“ Mangelnde Betreuungsmöglichkeiten würden vor allem bei Frauen oft zu ungewollter Teilzeitbeschäftigung führen. „Ein verlässliches Betreuungsangebot ist daher auch im Interesse unseres Arbeitsmarkts“, sagt Haag.

Haag setzt dabei auf mehrere zentrale Ansätze. Zum einen sollen Erzieherinnen und Erzieher von Verwaltungsaufgaben entlastet werden, indem Dokumentationspflichten reduziert, mehr Leitungszeit eingeräumt und zusätzliche nicht-pädagogische Kräfte eingesetzt werden. Zum anderen plant Haag, mehr Nachwuchs zu gewinnen, den Fachkräftekatalog im Gesetz zu erweitern und ein Anwerbeprogramm zu iniitieren.

Mit Blick auf Stuttgart kritisiert Haag auch die finanzielle Belastung vieler Familien. Die erhöhten Gebühren stünden „nicht mehr im Verhältnis zum Einkommen“. Sein Ziel: eine altersübergreifende, dauerhaft tragfähige Neuordnung der Finanzierung gemeinsam mit Kommunen und freien Trägern.

Grüne: Multiprofessionelle Teams und sozial gestaffelte Gebühren

Auch Cem Özdemir (Grüne) sieht im Personalmangel den Kern des Problems. „Es ist auch in Stuttgart leider oft noch so: Die Kitas könnten von den räumlichen Kapazitäten her eigentlich mehr Plätze anbieten.“ Als gelernter Erzieher betont er die Bedeutung des Berufs. Auch er will die bestehende Fachkräfte- und Ausbildungsoffensive fortsetzen und ausbauen – einschließlich praxisintegrierter Ausbildung und „Direkteinstieg Kita“.

Darüber hinaus plädiert Özdemir für multiprofessionelle Teams. Mehr Fachkräfte für Sprachbildung, Sozialarbeit und Inklusion sollen Erzieherinnen und Erzieher im Alltag entlasten. Perspektivisch sieht er Kitas als Kinder- und Familienzentren, also als Orte, „an denen die Kinder gefördert werden und die Eltern ganz niederschwellig direkt vor Ort Beratungsangebote für ihre Fragen und Alltagssorgen finden“.

Finanziell fordert er sozial gestaffelte Gebühren im ganzen Land. Es dürfe „nicht länger vom Wohnort von Familien abhängen“, wie hoch die Betreuungskosten seien. Außerdem macht er sich für ein verpflichtendes und gebührenfreies letztes Kitajahr stark, um Bildungsgerechtigkeit zu stärken.

SPD: Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Gleichstellung der Träger

Sara Dahme (SPD) verortet den Ursprung des Personalmangels vor allem in der hohen Belastung des Personals. Um den Beruf attraktiver zu machen, fordert sie unter anderem mehr Ausgleichstage zur Regeneration, eine erleichterte Anerkennung ausländischer Abschlüsse und eine Erhöhung des Personalschlüssels mit multiprofessionellen Teams.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt für Dahme auf den Trägerstrukturen. Sie fordert eine Gleichstellung von städtischen und freien Trägern – denn ohne die freien Träger könne die Stadt Stuttgart den Bedarf nicht abdecken, so Dahme. Kitas dürften weder Zuschussgeschäft noch „Profit-Organisation“ sein.

CDU: Wohnraumkooperationen, Azubi-Wohnheime und Mobilitätsangebote

Stuttgart sei ein teurer Standort, sagt Klaus Nopper (CDU). „Die hohen Lebenshaltungskosten in Stuttgart erschweren die Fachkräftegewinnung.“ Das Land solle deshalb Wohnraumkooperationen, Azubi-Wohnheime und Mobilitätsangebote gezielt fördern. Zu viele Fachkräfte verließen den Beruf oder die Stadt, Nachwuchs könne das nicht ausgleichen. Deshalb will auch Nopper die Anerkennung ausländischer Abschlüsse beschleunigen – unter anderem durch digitale Verfahren.

Zugleich fordert er mehrjährige, planungssichere Landesmittel für zusätzliche Kita-Gruppen und den Erhalt bestehender Angebote sowie verstetigte Förderprogramme für Neubau und Modernisierung.

Linke: Bezahlbarer Wohnraum für systemrelevante Berufe und sichere Vergütung

Faisal Osman (Die Linke) sagt: Dass in Stadtteilen wie Degerloch und Möhringen hunderte Plätze fehlten, sei weit mehr als ein statistisches Defizit – es zeige deutlich, dass hier politisch etwas schiefgelaufen sei. Wenn Fachkräfte sich das Leben in der Stadt nicht leisten könnten, gerate das System ins Wanken.

Er setzt auf ein Investitionsprogramm für bezahlbaren Wohnraum für systemrelevante Berufe. Außerdem müsse die praxisintegrierte Vergütung zum unumstößlichen Standard reifen, findet Osman. Multiprofessionelle Teams und ein kostenfreies, gesundes Mittagessen seien Investitionen in Chancengerechtigkeit. Bildungsausgaben dürften nicht als Belastung verstanden werden, sondern als rentabelste Anlage für eine erfolgreiche Zukunft.

AfD: Stärkere finanzielle Förderung der Ausbildung und Werbekampagnen

Aus Sicht von Steffen Degler (AfD) seien die Möglichkeiten des Landes im Bezug auf einzelne Gemeinden oder gar Kitas sehr begrenzt, „zumal die Träger vor Ort meistens eine bessere Einschätzung der Bedarfe haben“, wie er sagt. Das Land könne und müsse jedoch unterstützen, indem es Gelder bereitstelle, um den Beruf des Erziehers zu attraktiveren. Dazu gehörten stärkere finanzielle Förderung der Ausbildung sowie eine Kampagne an Schulen, die für den Beruf des Erziehers wirbt.