Der Wahlkreis Ludwigsburg war lange grün. Jetzt wird der Landtagssitz von Silke Gericke unter anderem von zwei jungen Kandidaten und einem AfD-Kreisrat angefochten.
Seit einem Jahrzehnt dominieren die Grünen den Wahlkreis Ludwigsburg. 2021 holte Silke Gericke starke 35 Prozent – ein Ergebnis, das damals den Höhenflug ihrer Partei spiegelte. Vier Jahre später hat sich die Lage gedreht: Die Grünen stecken im Umfragetief, und Gericke trifft auf einen jungen Herausforderer mit Ambitionen. Lukas Tietze (CDU), 27, will den Wahlkreis zurückerobern. Vieles deutet auf ein enges Rennen hin – in dem sogar der AfD-Kandidat eine Rolle spielen könnte. Wer tritt an, und wofür stehen die Kandidatinnen und Kandidaten?
Bündnis 90/Die Grünen: Kommunen aktiv unterstützen
Silke Gericke, 51, stammt aus Nordbayern, studierte Germanistik in Bayreuth und arbeitete unter anderem für die Mannheimer Abgeordnete Elke Zimmer.„Viele kennen mich als quirlig und kreativ“, sagt Gericke über sich. „Was viele überrascht: Ich mag klare Strukturen.“ Seit vielen Jahren lebt Gericke in Ludwigsburg, gilt als gut vernetzt in der Landespartei und steht gleichzeitig für unterschiedliche kommunale Themen ein – beispielsweise für die Stadtbahn Lucie, für ein zweites Frauenhaus und für den Erhalt der Kontaktstelle Beruf und Frau.
Ihr zentrales Thema im Wahlkampf: die Überlastung der Kommunen. Die Aufgaben wüchsen, das Geld fehle. „Ich unterstütze die Kommunen gezielt bei der Ansiedlung neuer Akteurinnen, vernetze engagierte Unternehmerinnen und halte auf Landesebene Augen und Ohren offen“, sagt sie. Zudem wolle sie dafür sorgen, dass Förderprogramme des Landes verstärkt im Wahlkreis Ludwigsburg ankommen.
CDU: Der Mann für die Wirtschaft
Nach der Wahlniederlage von Andrea Wechsler 2021 setzt die CDU diesmal auf Nachwuchs aus der Region. Lukas Tietze, 27, ist in Tamm aufgewachsen und hat Wirtschaftswissenschaften in Hohenheim und Würzburg studiert. Er sitzt seit 2023 im Tammer Gemeinderat, arbeitete als Referent für den Landtagsabgeordneten Tobias Vogt und führt eine Beratungsfirma für Handballspieler. Nebenbei pfeift er als ehrenamtlicher Handballschiedsrichter und geht regelmäßig zu Spielen des VfB Stuttgart.
Im Wahlkampf stellt Tietze die wirtschaftliche Lage in den Mittelpunkt. „Mich treibt um, dass selbst Traditionsunternehmen wie Stihl keine Perspektive mehr am Standort Ludwigsburg sehen“, sagt er. Mittelstand, Handwerk und Industrie gerieten unter Druck – und er wolle „mit voller Kraft die Rahmenbedingungen wieder verbessern“. Und Tietze ist Optimist: „Wenn wir jetzt die richtigen Weichen stellen, liegen die besten Jahre für unseren Wahlkreis Ludwigsburg noch vor uns.“
SPD: Junge Kandidatin mit besonderem Hobby
Nach Jahrzehnten, in denen SPD-Urgestein Claus Schmiedel den Wahlkreis prägte, setzt die Partei nun auf eine jüngere Generation. Nathalie Ziwey, 29, studierte Betriebswirtin mit erster Berufserfahrung in der Logistikbranche, ist seit Jahren in Ludwigsburg politisch aktiv. Sie organisierte Demonstrationen gegen Rechtsextremismus, engagierte sich für Frauenrechte und sammelte als Juso-Landesvorständin erste Erfahrungen auf Landesebene.
Ziwey treibt vor allem die finanzielle Lage der Kommunen um. Sie kritisiert, dass oft gerade jene Angebote gestrichen würden, „die unsere Gesellschaft zusammenhalten“. Die nächste Landesregierung müsse dieses Problem endlich strukturell lösen. Die Landespolitik müsse sich an die Regel halten: „Wer bestellt, bezahlt.“ Eine persönliche Note bringt ihr ungewöhnliches Hobby: Sie schnitzt, derzeit an einem eigenen Schachfigurenset aus Holz.
FDP: Der Kandidat, der sich mit dem RP anlegt
Wolfgang Vogt fiel schon vor Beginn des Wahlkampfs auf: Im Juni schlug der Jurist Alarm wegen des Zustands der Neckarbrücke zwischen Ludwigsburg und Neckarweihingen und kritisierte das Regierungspräsidium scharf. Aus seiner Sicht sei die Brücke so marode, dass er sogar die Polizei einschaltete.
Vogt hat als Immobilienmakler und für FDP-Landtagsabgeordnete gearbeitet. Ehrenamtlich war er unter anderem als FDP-Ortsvorsitzender sowie Kreisgeschäftsführer aktiv. Politisch treibt ihn vor allem die wirtschaftliche Entwicklung um. Er warnt vor einer „schrumpfenden Wirtschaft“ und einer „sinkenden Qualität der Schulen“. Sein Leitmotiv: weniger Regulierung, mehr Freiheit und die „Wirtschaft von bürokratischen Fesseln befreien“. „Wir brauchen Freiraum für kreative Köpfe, für Schaffer und Tüftler“, sagt der Liberale.
AfD: Kreisrat will in den Landtag
Die AfD hat im Wahlkreis Ludwigsburg eine wechselhafte Entwicklung hinter sich: 2016 holte sie aus dem Stand 15 Prozent, 2021 fiel der als rechtsextremer Verdachtsfall eingestufte Landesverband im Wahlkreis auf 9 Prozent zurück. Aktuelle Umfragen sehen die Partei bei rund 20 Prozent – eine Ausgangslage, von der Christoforos Tsoulopoulos profitieren könnte.
Der 67‑jährige Architekt ist seit 2022 Mitglied der AfD und sitzt für sie im Kreistag. Für ihn steht ein Thema klar im Vordergrund: „Die anhaltende und unkontrollierte Zuwanderung.“ Eine Begrenzung sowie die Rückführung krimineller Migranten seien aus seiner Sicht notwendig, um die „Lebensqualität der Einheimischen wieder zu verbessern“. Über sich selbst sagt Tsoulopoulos: „Ich bin ein sehr direkter Mensch. Das kommt nicht immer gut an, aber es ist mir lieber, als mich hinter Floskeln zu verstecken.“
Linke: Die Pflegerin an der Seite des Geschäftsführers
Nadja Schmidt, Gesundheits- und Krankenpflegerin, kam mit 27 Jahren nach Ludwigsburg. Beruflich war sie unter anderem als Verdi-Gewerkschaftssekretärin tätig, heute arbeitet sie als Referentin der Geschäftsführung der RKH Kliniken. Politisch engagiert sie sich seit vielen Jahren ehrenamtlich – als Betriebsrätin, als Stadträtin in Ludwigsburg und aktuell als Kreisrätin.
Ihr Schwerpunkt liegt auf der finanziellen Krise der Kommunen und den daraus entstehenden sozialen Problemen: explodierende Mieten, überlastete und „viel zu teure“ Kitas sowie ein veralteter ÖPNV. Gleichzeitig werde an der sozialen Infrastruktur gespart – etwa bei Jugendarbeit, Sucht- oder Schuldnerberatung. Das Land müsse die Kommunen endlich so ausstatten, dass sie ihre Aufgaben erfüllen können, fordert Schmidt. Über sich selbst sagt sie: Sie sei eine gute Zuhörerin – „vielleicht, weil ich mich nicht für etwas Besseres halte“.
Landtagswahl 2026
Allgemein
Am 8. März wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag gewählt. Zum ersten Mal dürfen die Wählerinnen und Wähler dabei zwei Stimmen abgeben: die Erststimme für einen Wahlkreisabgeordneten und die Zweitstimme für eine Partei. Zudem dürfen erstmals auch 16- und 17-Jährige wählen.
Wahlkreis
Der Wahlkreis Ludwigsburg besteht aus den Städten und Gemeinden Ludwigsburg, Kornwestheim, Remseck am Neckar, Tamm, Asperg und Möglingen. In der aktuellen Legislaturperiode hält Silke Gericke (Grüne) das Direktmandat. Sie ist aktuell die einzige Landtagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Ludwigsburg.