Landtagsdirektor Hubert Wicker „Wenn der Dialekt weg ist, ist er weg“

Von Arnold Rieger 

Drückt dem Dialekt den Daumen: Landtagsdirektor Hubert Wicker, im Nebenjob Chef des Fördervereins Schwäbischer Dialekt. Foto: Pressefoto Baumann
Drückt dem Dialekt den Daumen: Landtagsdirektor Hubert Wicker, im Nebenjob Chef des Fördervereins Schwäbischer Dialekt. Foto: Pressefoto Baumann

Dialekt ist ein politisches Instrument: Wer ihn beherrscht, hat einen Schlüssel zum Volk. Warum die Mundart dennoch verschwindet, schildert Landtagsdirektor Hubert Wicker. Nach 14 Jahren an der Spitze des Fördervereins Schwäbischer Dialekt zieht er ernüchtert Bilanz.

- Herr Wicker, spricht man im Stuttgarter Landtag Dialekt?
Ja, man hört ihn. Aber er ist natürlich unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt Abgeordnete, die relativ breit Mundart sprechen, andere dagegen kaum. Kürzlich hat der ehemalige Bundesaußenminister Klaus Kinkel, der in Hechingen aufwuchs, die Debatte in Stuttgart verfolgt und dann davon geschwärmt, dass alle Dialekt gesprochen hätten. Ganz so ist es natürlich nicht, denn es gibt auch ein paar Abgeordnete, die aus Norddeutschland stammen.
Viele Schwaben schwäbeln ja auch nur ganz schwach . . .
Für einen Reigschmeckten hört sich schon das Stuttgarter Honoratiorenschwäbisch wie Dialekt an. Für einen Schwaben von der Alb dagegen geht das noch lange nicht als Mundart durch.
Wie hat sich das über die Jahre hinweg im Landtag entwickelt?
Der Dialekt verschwindet immer mehr. So wie er meinem Eindruck nach in der Gesellschaft verschwindet. Vor allem bei jungen Menschen stelle ich fest, dass sie nicht mehr Schwäbisch schwätzen, obwohl es die Eltern tun. Weil sie’s nicht cool finden. Wenn man zu denen dann sagt: „Jetzt schwätzet doch emol Schwäbisch!“, dann können sie’s natürlich besser als ein Hannoveraner, aber nicht mehr fließend. Sie benutzen teilweise falsche Wörter. Früher hat man am Dialekt erkennen können, aus welchem Dorf jemand stammte. Das hat sich ziemlich nivelliert.
Hängt das mit dem Verschwinden der bäuerlichen Lebenswelt zusammen?
Wahrscheinlich. Immer mehr Menschen ziehen vom Land in die Stadt oder gehen dort zumindest zur Schule oder zur Arbeit. Das hinterlässt Spuren in der Sprache. Kürzlich sagte mir ein Pfarrer aus meiner Heimatstadt Albstadt, der 30 Jahre lang in Berlin gelebt hat: „Jetzt schwätzet die in Pfeffingen so, wie früher die Ebinger gschwätzt hen. Un die Ebinger schwätzet so wie früher die Stuttgarter.“ Manche Sprachforscher glauben, dass es in 50 Jahren nur noch eine norddeutsche und eine süddeutsche Sprachfärbung gibt.
Wie erklärt sich dann der Dialekt-Boom? Es gibt doch zig Veranstaltungen und Beiträge zu diesem Thema.
Ich glaube, die Menschen spüren, dass etwas verloren geht. Vielleicht wollen einige das mit aller Gewalt aufhalten. Dass sich die Werbung des Dialekts bemächtigt, hängt meiner Ansicht nach damit zusammen, dass er etwas Sympathisches ausstrahlt. Man hofft, dass das Produkt dann eher gekauft wird. Das ändert aber nichts an meiner Beobachtung, dass immer weniger junge Leute Mundart sprechen.
Machen sich auch Politiker diesen Sympathiebonus zunutze? Instrumentalisieren sie den Dialekt?
Manchmal schon. Besonders wenn ein Politiker dort auftritt, wo der Dialekt noch gelebt und gesprochen wird. Dann wird er gern bewusst eingesetzt, um den Menschen näherzukommen und vielleicht noch glaubwürdiger zu erscheinen.
Funktioniert das?
Bestimmt. Das geht nach dem Motto: Das ist einer von uns.
Trauen sich die Württemberger im Landtag eher, Dialekt zu sprechen, als die Badener?
Nein, es gibt auch den einen oder anderen Abgeordneten aus Südbaden, der sehr markant Alemannisch redet. Das ist im Landtag ziemlich ausgeglichen. Und dann gibt es halt auch solche, die nur Schriftdeutsch reden, weil sie’s eben nicht anders können. Der Landtag ist da ein Spiegel der Gesellschaft.
Wie reden Sie eigentlich selbst, wenn Sie mit Ihren Kollegen aus anderen Bundesländern zusammentreffen?
Ich wäre gar nicht in der Lage, reines Hochdeutsch zu sprechen, auch wenn ich mich noch so anstrengte. Natürlich muss ich mich, wenn sich die 16 Landtagsdirektoren treffen, so ausdrücken, dass sie mir wenn schon nicht intellektuell doch wenigstens akustisch folgen können.
Warum setzen Sie sich persönlich für die Förderung des Schwäbischen ein?
Als ich nach fünfeinhalb Jahren Sachsen nach Tübingen zurückkehrte, wo ich dann Regierungspräsident wurde, sind mir ein paar Dinge aufgefallen. Unter anderem, dass die Kinder eines schwäbischen Freundes ihren Vater korrigierten, übrigens ein promovierter Jurist. Wenn der sagte: „Mir gehn um dreiviertel drei“, dann haben die ihn verbessert: „Papa, du meinst wohl viertel vor drei.“
Das hat Sie so beeindruckt?
Ja, aber es kam noch etwas hinzu. Ich habe registriert, dass es eine ausgeprägte Szene von Mundartkünstlern gibt. Dann rief mich auch noch die frühere Ministerin Annemarie Griesinger an und sagte, bald werde die letzte wissenschaftliche Stelle für Dialektforschung an der Uni Tübingen gestrichen. Ich möge mich doch einmal darum kümmern.
Und das haben Sie getan?
Ja. Denn mir wurde klar: Ihnen allen fehlt Geld. So kam ich auf die Idee, einen Förderverein zu gründen. Mit den Jahren haben wir dann damit begonnen, auch selbst Mundartveranstaltungen durchzuführen. Das Programm kann sich sehen lassen.
Und was fördern Sie?
Wir haben zum Beispiel dem Ludwig-Uhland-Institut der Uni Tübingen in den 14 Jahren unseres Bestehens fast eine halbe Million Euro gegeben. Damit ermöglichen wir Forschungsarbeiten. Oder wir fördern gemeinsam mit der alemannischen Muettersproch-Gsellschaft einen Mundartwettbewerb an Schulen. Wir geben aber auch Druckkostenzuschüsse.
Woher nehmen Sie das viele Geld?
Es gibt nicht wenige Leute, die behaupten, ich hätte sie gezwungen, dem Verein beizutreten. Da ist was dran. Bei 1150 Mitgliedern und 50 Euro Jahresbetrag kommt also schon einiges zusammen. Manche zahlen auch ein bisschen mehr, außerdem haben wir Sponsoren.
Nebenbei gefragt: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum der sächsische Dialekt in Umfragen so schlecht wegkommt? Sie waren ja einige Jahre Staatssekretär in Dresden.
Ich glaube, das hängt auch mit Walter Ulbricht zusammen, dem früheren Staatsratsvorsitzenden der DDR. Der ließ ja bekanntlich die Mauer bauen.
In den 70er Jahren galt Dialekt als Bildungshürde, wenn Jugendliche nicht gleichzeitig Hochdeutsch beherrschten. Heutzutage können viele junge Dialektsprecher nach Belieben umschalten, oder?
Ja, manche können das. Meine 17-jährige Tochter kann aber schon kein richtiges Schwäbisch mehr. Dabei wäre das von Vorteil.
Warum sind Sie da so sicher?
Ich habe zu meiner Zeit als Amtschef im Staatsministerium mal ein Grußwort vor 50 Germanistikprofessoren aus China gehalten. Die sprachen zum Teil besser Hochdeutsch als ich. Als ich denen sagte, dass ich Vorsitzender des Fördervereins Schwäbischer Dialekt bin, haben die betont, wie wichtig Dialekt sei – auch in China, wo es viele davon gibt. Und dann sagte der Chef der Delegation: Wer beides kann, Hochsprache und Dialekt, der lernt leichter eine dritte Sprache.
Hat sich das bei Ihnen bewahrheitet?
Nicht direkt. Mir fehlt die Sprachpraxis in Englisch oder Französisch. Ich plädiere aber noch aus einem anderen Grund für den Erhalt der Mundart: Sie ist ein Kulturgut. Ich erwarte ja nicht, dass Norddeutsche einen Sprachkurs machen. Aber die Kurpfälzer sollten ihren Dialekt genauso erhalten wie die Alemannen den ihren. Damit nicht der Eindruck entsteht, die Schwaben hätten Expansionsgelüste. Denn eines ist mir klar: Wenn der Dialekt mal weg ist, ist er weg. Man kann ihn nicht wieder zum Leben erwecken.
Kollidiert das nicht mit der Zuwanderung? Wie sollen Flüchtlinge die deutsche Hochsprache erlernen, wenn sie von lauter Dialektsprechern umgeben sind?
Natürlich müssen die Hochdeutsch lernen. Das können sie aber auch von einem Schwaben lernen, der die entsprechende Ausbildung dafür hat. Das ist für die Integration, glaube ich, das geringste Problem.
Sind die Schwaben, was den Dialekt angeht, selbstbewusst genug?
Unser Verein hatte einen ausgiebigen Schriftwechsel mit dem SWR, weil man seinen Rundfunksprechern nicht anmerkt, ob sie aus dem Land stammen oder nicht. Man kann es einfach nicht erkennen, wenn sie Badener oder Württemberger sind. Das ist im Bayerischen Rundfunk ganz anders. Wer dort aus dem Land stammt, hat eine gewisse Sprachfärbung und steht auch dazu. Wenn sich der SWR dem mehr öffnete, würde sich so mancher Jugendliche sagen: „Guck, der schwätzt Schwäbisch.“ Dann wäre das gar nicht mehr so uncool.

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