Hier ist nichts stehengeblieben: Radikalkur im hinteren Laichlewald. Foto: /Karin Ait Atmane

In dem Wernauer Wäldchen wurden Eschen gefällt – und eine komplette Fläche leer geräumt. Der Förster spricht von einer „absoluten Ausnahmesituation“

Im hinteren Laichlewald klafft eine Lücke: Am nördlichen Wernauer Ortsausgang, oberhalb der Streuobstwiesen, wurden rund 0,4 Hektar Hangfläche komplett rasiert. Dabei sind zahlreiche große Bäume gefallen. Forstrevierleiter Albrecht Schöllkopf sagt selbst, dass man hier von „Kahlschlag“ sprechen könne – aber man habe keine andere sinnvolle Möglichkeit gehabt. Der Laichlewald steht wegen der Nähe zur Wohnbebauung unter besonderer Beobachtung der Forstleute. Schon mehrfach mussten hier Eschen gefällt werden, so auch bei der aktuellen Aktion. Hintergrund ist das Eschentriebsterben, eine Pilzkrankheit. Bei befallenen Bäumen droht nicht nur die Krone abzubrechen, sondern auch Stammfäule; dann kann es sein, dass sie ohne Vorwarnung umstürzen. Schon im vergangenen Frühjahr habe das Forstamt „Meldungen bekommen, dass Bäume unten auf die Streuobstwiesen am Waldrand fallen“, berichtet Schöllkopf. Deshalb seien diese Wiesen aus Sicherheitsgründen gesperrt worden.

 

Bis das Problem an der Wurzel gepackt wurde, verging noch einige Zeit. Das war erst jetzt im Juni der Fall – und damit noch in der Brut- und Aufzuchtzeit vieler Tiere. „Vielerorts wächst noch die zweite Generation heran“, sagt eine Anwohnerin. Sie kritisiert zudem, dass nicht nur Eschen, sondern auch gesunde Buchen, Eichen und Ahorne umgesägt wurden, und das flächig: Damit habe man in Zukunft wieder durchweg gleich alte Bäume an diesem Hang anstatt verschiedener Generationen.

Schöllkopf bestätigt ihre Beobachtungen. Aber immer wieder seien Anläufe für die Fällung der Eschen gescheitert, entweder am Wetter oder an der Auslastung der Unternehmen. Diese Arbeit könnten wegen der Hanglage, kombiniert mit fehlenden Waldwegen, nur Spezialisten mit den entsprechenden Maschinen durchführen. Und man brauche absolut trockenen Boden dafür. Der Winter kommt mittlerweile leider auch nicht mehr infrage. „Dafür brauchen wir 40 bis 50 Zentimeter Bodenfrost“, sagt Schöllkopf, „den haben wir nicht mehr.“ Stattdessen sei im Winter der Untergrund meistens zu weich und zu feucht für solche Arbeiten. Aktuell kam den Forstleuten dagegen die lange Trockenheit zupass. „Die erste Vogelbrut war vorbei, das haben wir abgewartet“, betont der Revierleiter. Und räumt ein: schon denkbar, dass man auch nach der zweiten Brut noch hätte arbeiten können. Aber das Risiko, dass das Wetter wechsle und man erneut verschieben müsste, wollte er nicht eingehen.

80 Prozent der betroffenen Bäume waren Eschen

Die betroffene Fläche oberhalb der Wiesen ist nun komplett kahl. Rund 80 Prozent dieser Bäume waren nach Angaben des Försters Eschen. Die müssten beim Fällen „auch irgendwohin fallen können“, sagt er, es sei dabei nicht möglich, auf die anderen Bäume Rücksicht zu nehmen. Sie würden mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls beschädigt und seien zudem ein Sicherheitsrisiko für die Arbeiter. Auch werde es schwierig, die gefällten Stämme zwischen anderen Bäumen hindurch mit Seilwinden aus dem Wald zu ziehen. Mit Geld habe das jedenfalls nichts zu tun: So eine Maßnahme koste in der Regel mehr, als sie einbringt. Und die meisten Gemeinden im Ballungsraum – auch Wernau – sehen den Wald weniger als Wirtschaftsfaktor denn als Naherholungs- und Naturraum, so Schöllkopf.

Wenn der Laichlewald irgendwo abgelegen in einem größeren Waldgebiet läge, hätte es aus Sicht Schöllkopfs eine Alternative gegeben: ihn komplett abzusperren, als Naturschutzzone auszuweisen und sich selbst zu überlassen. Aber in dieser Lage sei das ausgeschlossen. Die freie Fläche hat aber aus Förstersicht auch ihre Vorteile. Schöllkopf schlägt vor, sie überwiegend mit Eichen neu zu bepflanzen. Denn diese Baumart komme ganz gut mit dem Klimawandel zurecht und habe auf dem lehmigen Boden an dieser Stelle am ehesten Chancen. Und Eichen brauchen viel Licht und Luft, um sich zu behaupten: „Die gehen nur über Fläche“, so der Förster. Andere Baumarten könnten sich dann zusätzlich noch im Zuge der Naturverjüngung zwischen den Eichen ansiedeln.

„Absolute Ausnahmesituation“

Unterm Strich sei die Rodung im Laichlewald „eine absolute Ausnahmesituation“ gewesen. Man mache so etwas nicht gern, und auch für die Waldarbeiter sei es kein Spaß, bei sommerlichen Temperaturen in ihrer Schutzkleidung zu arbeiten. Aber der Forstrevierleiter ist froh, dass es nun erledigt ist. Zumindest fast: Momentan besteht die Sperrung noch immer, teilweise muss noch Holz geräumt werden, und es stehen Restarbeiten an.

Naherholungs- und Naturraum

Landschaftsschutz
Der Laichle ist ein kleines Waldgebiet und Landschaftsschutzgebiet im Norden von Wernau, das teilweise von Wohnbebauung umschlossen ist. Er zieht sich als Streifen parallel zu Goethe- und Schillerstraße hin und weiter durch die Streuobstwiesen Richtung Plochingen.

Reiche Tierwelt
Trotz der relativ kleinen Fläche stehen hier große, alte Bäume. Spaziergänger nutzen gern die Trampelpfade durch den Wald, der gleichzeitig ein Naturrefugium ist: Eine Biologin, die in der Nachbarschaft wohnt, hat unter anderem Schwarzspecht und Hirschkäfer dokumentiert und jüngst den Pirol gehört.

Abholzungsverbot
Paragraf 39 des Bundesnaturschutzgesetzes verbietet, in der Zeit vom 1. März bis zum 30. September Bäume zu fällen oder zu beschneiden. Das bezieht sich jedoch nur auf Flächen außerhalb des Waldes – im Wald selbst gilt diese Beschränkung also nicht, in Hausgärten dagegen schon.