Die Gartenhäuser, hier auf der Wangener Höhe, sind im Lauf der Jahre umgebaut und ausgebaut worden – obwohl der Landschaftsschutz dagegenspricht. Foto: Max Kovalenko

Intensive Nutzung der Grundstücke greift in Landschaftsschutz ein – Illegale Bauten beseitigen

Stuttgart - Der Schrebergarten mit Gartenhäuschen ist der Traum jeden Städters, der sich nach einem Stück grüner Wiese, nach selbst gezogenen Tomaten oder schlicht einem Rückzugsraum unter freiem Himmel sehnt. Über den Kleingärten ziehen jedoch dunkle Wolken auf. Das lässt sich dem Hilferuf von Beate Dietrich entnehmen.

In einem Brandbrief appelliert die Wangener Bezirksvorsteherin an den zuständigen Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU) und Umweltbürgermeister Matthias Hahn (SPD), endlich gegen illegale Bauten im eigentlich unbesiedelten Außenbereich vorzugehen. Dietrich beklagt „untragbare Zustände“ in Natur- und Erholungsgebieten ihres Bezirks.

In den grünen Weinberg- und Obsthängen oberhalb des Neckartals herrscht offenbar grenzenloser Bauboom. „Hütten auf dem Wangener Berg werden immer größer, Anbauten immer ausladender und Terrassen immer kunstvoller“, beschreibt Dietrich die Schwarzbauten. Ein Foto, das eine wilde Baustelle am Hang mit Betonverschalungen und Holzverschlägen zeigt, ergänzt die Alarmmeldung.

Vielen Wangenern gehen Mauern, Motoren und Müll im Grünen inzwischen zu weit

Dabei ist die rund 158 Hektar große Wangener Höhe über dem industriell geprägten Neckartal seit dem Jahr 1961 Landschaftsschutzgebiet (LSG); für seine Fläche, die größer ist als 300 Fußballfelder, gelten besondere Schutzvorschriften. Sie sollen Erholungswert der Landschaft, typisches Landschaftsbild sowie Lebensgrundlagen für Menschen, Tiere und Pflanzen sichern.

Damit historische Weinbauterrassen und alte Streuobstbestände auch für nächste Generationen erhalten bleiben, dürfen Stücklesbesitzer und Gartenpächter bestimmte Veränderungen dort nur mit Zustimmung der unteren Naturschutzbehörde, dem städtischen Umweltamt, vornehmen. Dies gilt für den Bau eines Geräteschuppens wie für den Gartenzaun, für neue Terrassen wie für den Anschluss eines Wasserspeichers.

Vielen Wangenern gehen Mauern, Motoren und Müll im Grünen inzwischen zu weit. „Manchmal mehrfach die Woche“ beschweren sich bei Dietrich entsetzte Ausflügler über neue illegale Baustellen oder Anrainer über dichten Autoverkehr, und aus eigener Beobachtung weiß die Bezirksvorsteherin, dass Reste privater Gartenfeste gern wild entsorgt werden. „Nach Wochenenden ­finden sich an öffentlichen Aussichts- und Erholungsstellen Berge von Müllsäcken.“

„Gartenbesitzer und Wengerter, die sich an die Vorschriften und Regeln halten, kapitulieren“

„Bebauung des Landschaftsschutzgebietes, Missachtung des Sonntagsfahrverbotes und illegale Müllentsorgung machen dieses wichtige Naherholungsgebiet kaputt“, warnt Dietrich, „Gartenbesitzer und Wengerter, die sich an die Vorschriften und Regeln halten, kapitulieren.“

Es sei schon viel darüber berichtet worden – auch in unserer Zeitung –, „aber eben nie, dass die Stadt etwas unternommen hat“, klagt Dietrich. Zwar nähmen die Mitarbeiter vom städtischen Vollzugsdienst und Umweltamt ihre Aufgabe sehr ernst, aber weil das Baurechtsamt nichts unternehme, würden die Bauten von Jahr zu Jahr „größer, höher und hässlicher“.

Das Baurechtsamt wehrt sich gegen diese Vorwürfe aus Wangen. „Aus Kapazitätsgründen können wir nur tätig werden, wenn illegale Bauherren in flagranti erwischt werden oder wenn Leib und Leben gefährdet ist“, sagt der stellvertretende Amtsleiter Rainer Grund. Für systematische, flächendeckende Kontrollen im gesamten Stuttgarter Außenbereich sei die Personaldecke zu dünn. Tatsächlich verfügte das Baurechtsamt bis in die neunziger Jahre noch über eine Abteilung Kleinbauten. Die knapp zehn Stellen wurden im Zuge der Haushaltskonsolidierung eingespart. Wie viele Schwarzbauten es gibt, wie viele auf Behördengeheiß abgerissen wurden, weiß Grund nicht: „Eine Statistik zu führen würde die knappen Personalressourcen zusätzlich beanspruchen.“

„Die Rechtsprechung verlangt, bei Schwarzbauten koordiniert vorzugehen“

Anders im städtischen Umweltamt: Es bekam vom Gemeinderat im Herbst eine Stelle für die Überwachung der Außenbereiche genehmigt. „Der Stellenbedarf wurde in einer Organisationsuntersuchung bescheinigt“, so Amtsleiter Werner Flad. Ob sich durch den neuen Mitarbeiter die Situation verbessert, bleibt abzuwarten. „Die Rechtsprechung verlangt, nicht nur einzelne Schwarzbauten herauszugreifen, sondern koordiniert vorzugehen“, so Flad. Doch dazu braucht es die Hilfe des Baurechtsamts, das bei den zurückliegenden Haushaltsberatungen ebenfalls dringenden Stellenbedarf angemeldet hatte – allerdings in anderen Bereichen.

Die Initiative für zusätzliche Stellen in „kritischen“ Bereichen der beiden Ämter war damals von der SPD ausgegangen. Mittlerweile hat der Brandbrief aus Wangen Wellen in der Stuttgarter Verwaltung geschlagen. Die Empfänger Schairer und Hahn haben Amts- und Abteilungsleiter zu Stellungnahmen aufgefordert. Vom Hilferuf aufgeschreckt, verlangt auch die CDU-Gemeinderatsfraktion „möglichst rasch Aufklärung über die aktuelle Situation auf dem Wangener Berg“. Zeitnah erwarten die Christdemokraten im zuständigen Umweltausschuss „Vorschläge, wie den Problemen schnell, wirksam und auf Dauer begegnet werden kann“.

Bezirksvorsteherin Dietrich würde am liebsten flächendeckend aufräumen. Sie hält es für machbar, in einer einmaligen Aktion an alle Besitzer illegaler Bauten eine Abbruchverfügung zu schicken. Vermutlich ist dies noch nicht das Ende der Diskussion.

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