Um lange Warteschlangen – wie hier – zu vermeiden, wurde laut Landratsamt die Online-Terminvergabe nach Corona beibehalten. Foto: Eibner-Pressefoto/Roger Buerke

Simone Schreiber ärgert sich. Ihr Sohn hat den Führerschein ab 17 gemacht. Doch bis er ihn tatsächlich in der Hand hielt, musste die Familie eine kleine Odyssee zurücklegen.

Nach bestandener Fahrprüfung den Führerschein in der Hand halten – ein Moment, der in Erinnerung bleibt. So ging es vermutlich auch Simone Schreibers Sohn. Aber dann kamen erst noch die richtigen Hürden.

 

Der junge Mann legte im vergangenen März erfolgreich die Prüfung für den Führerschein ab 17 ab. Allerdings war die Freude von kurzer Dauer. Das Problem: Er absolvierte die Prüfung zwei Tage vor seinem 17. Geburtstag und durfte den Führerschein nicht direkt mitnehmen. Stattdessen sollte er ihn bei der Führerscheinstelle auf dem Landratsamt in Böblingen abholen.

Damit begann eine aufwendige Jagd nach einem rosafarbenen Papierschein – der Führerschein ab 17 ist noch keine Plastikkarte. Statt zwei Tage dauerte es mehr als zwei Wochen, bis Schreibers Sohn den Führerschein bekam. Wer zur Führerscheinstelle möchte, muss vorab einen Termin ausmachen. Aber: Tagelang hätten sie online keinen freien Termin gefunden, sagt Simone Schreiber am Telefon.

Ärger über Online-Terminvergabe

„Ich verstehe einfach nicht, wie man so etwas Einfaches, so kompliziert machen kann“, sagt sie. Das fange damit an, dass es zwar erlaubt ist, die praktische Prüfung bis zu einem Monat vor dem 17. Geburtstag zu machen, aber nicht, den Führerschein direkt mitzunehmen. Dann kritisiert Schreiber, dass sie extra einen Termin ausmachen mussten, nur um den Führerschein abzuholen. Und ganz besonders ärgert sie sich über das Online-Terminvergabe-System des Landratsamts.

„Über einen Zeitraum von zehn Tagen haben wir – wir haben den Wecker auf Mitternacht gestellt! – versucht, einen Termin beim Landratsamt Böblingen zu erhalten“, schildert sie ihre Erlebnisse. „Termine waren ausschließlich online verfügbar und praktisch nicht zu bekommen.“ Immerhin könne sie sich als Selbstständige ihre Zeit einteilen und flexibel nach Terminen schauen. Andere hätten diese Möglichkeit nicht.

Landratsamt erklärt Vorgehen

Aus Gründen des Datenschutzes äußert sich das Landratsamt nicht zu konkreten Fällen. Deutlich wird trotzdem: Wo sich Schreiber pragmatischere Lösungen wünschen würde, sieht sich das Landratsamt rechtlich gebunden. Es ist demnach „rechtlich ausgeschlossen“, den Führerschein vor dem 17. Geburtstag zu erhalten, teilt Sprecher Benjamin Lutsch mit. Ebenfalls keine Option sei, den Führerschein beispielsweise an der Information des Landratsamts gegen Vorlage eines Ausweises abzuholen. Der Vorgang muss offenbar über den Tisch eines Sachbearbeiters gehen.

Die Online-Terminvergabe verteidigt das Landratsamt. Ein solches Verfahren sei in den meisten Verwaltungen und Privatfirmen inzwischen üblich, „um unnötige Wartezeiten zu vermeiden und das Personal optimal auszulasten“. Neue Termine würden täglich zu unterschiedlichen Zeiten freigeschaltet. Außerdem seien Termine oft gar nicht mehr nötig, weil die meisten Anliegen inzwischen schriftlich oder digital vorgebracht und erledigt werden könnten.

Personal ist knapp

Doch nicht nur Simone Schreiber ärgert sich über die Online-Terminvergabe. Immer wieder erreichen uns dazu Leserzuschriften und in den sozialen Medien gibt es ebenfalls Kritik. Hoffnung auf ein anderes System macht das Landratsamt nicht. Dafür auf schnellere Bearbeitung aufgrund von fortschreitender Digitalisierung.

Allerdings hat die Führerscheinstelle mit einer Schwierigkeit zu kämpfen, die sich nicht so einfach beheben lässt. Das Personal sei „lediglich knapp ausreichend bemessen“, sagt Lutsch. Erschwerend kommt demnach hinzu: Erfahrene Kollegen hätten die Stelle gewechselt, was offenbar weitere Wechsel nach sich zog. Andere hätten sich in den Ruhestand verabschiedet und mehrere Mitarbeiter seien dauerhaft krank.

Aus diesem Grund habe die Führerscheinstelle in letzter Zeit nicht mehr ausreichend viele Termine anbieten können. Das Landratsamt bittet daher um Unterstützung und appelliert an die Bürgerinnen und Bürger, zu prüfen, ob ein Termin zwingend notwendig ist oder ob sich ihre Anliegen bereits schriftlich oder digital erledigen lassen. „Sie helfen uns dabei, Ihren und andere Anträge möglichst zügig und medienbruchfrei bearbeiten zu können.“

Simone Schreiber ärgert sich übrigens nicht, weil ihr Sohn etwas länger auf den Führerschein warten musste. „Ob mein Sohn zwei Wochen früher Auto fährt oder nicht, geschenkt.“ Aus ihrer Sicht geht das Problem tiefer. Für viele junge Menschen sei der Führerschein eine der ersten bewussten Berührungspunkte mit Behörden und damit auch dem Staat. Schreiber befürchtet, dass solche Erfahrungen Politikverdrossenheit fördern könnten. „Gerade bei so etwas wichtigem wie dem Führerschein, den man nur einmal im Leben macht.“

Begleitetes Fahren

Neues Programm
Ende April war die Führerscheinstelle in Böblingen für einige Tage komplett geschlossen, um die Arbeit auf ein neues Programm umzustellen. Nun steht den Mitarbeitenden der Führerscheinstelle laut Landratsamt eine elektronische Akte zur Verfügung. Sie soll demnach dazu beitragen, Bearbeitungsvorgänge in Zukunft komplett digital abbilden zu können.

Führerschein ab 17
Junge Menschen dürfen mit 17 Jahren ans Steuer, allerdings nur in Begleitung eines Erwachsenen, der mindestens 30 Jahre alt ist. Die theoretische Prüfung können die Jugendlichen laut ADAC frühestens drei Monate vor ihrem 17. Geburtstag ablegen, die praktische Fahrprüfung frühestens einen Monat vorher.