Der Landkreis hat sich aus der Finanzierung der Familientreffs zurückgezogen. Die Kommunen ringen derzeit um die Zukunft der Einrichtungen.
Es gab eine große Demonstration und eindringliche Appelle der Träger. Doch im vergangenen Herbst hat der Kreistag im Zuge der Haushaltsberatungen mehrheitlich beschlossen, sich aus der Bezuschussung der Familientreffs zurückzuziehen. Die Förderung entfällt demnach ab dem kommenden Jahr. Die Kommunen stehen nun vor der Frage: Schaffen wir die Fortführung aus eigener Kraft, sprich können wir den bisherigen Kostenanteil des Landkreises übernehmen? Das Ringen um den Fortbestand der Einrichtungen hat begonnen, Hauptproblem ist natürlich das Geld.
Bad Boll hat frühzeitig die Segel gestrichen. „Der Familientreff, den der Gemeindeverwaltungsverband in Bad Boll betrieben hat, ist seit 01.01.2026 geschlossen“, teilt Verbands-Geschäftsführer Michael Deiß mit. „Aus finanziellen Gründen wird der Gemeindeverwaltungsverband keine Verhandlungen für die Eröffnung des Familientreffs unter Regie des Gemeindeverwaltungsverbandes aufnehmen.“ Anders sieht es im unteren Filstal aus: „Der vor 20 Jahren in Ebersbach gegründete älteste DRK-Familientreff wird auf jeden Fall weitergeführt“, teilt Margit Haas, Pressesprecherin des DRK-Kreisverbands Göppingen, mit. Entsprechende Vereinbarungen mit der Stadt seien getroffen. „Dies soll auch in Zukunft so bleiben“, ergänzt der Persönliche Referent der Ebersbacher Bürgermeisterin Manuela Raichle.
Uhingen plant, in die Bresche zu springen
In den beiden anderen Kommunen – Uhingen besteht seit 2009 und Deggingen seit 2017 – steht das Thema in dieser Woche auf der Tagesordnung im Gemeinderat. Obwohl der Familientreff ein Angebot des Landkreises ist, sei man als Gemeinde bemüht, diesen fortzusetzen, meinte der Degginger Bürgermeister Markus Schweizer im Vorfeld der Sitzung, in der er sich Vorschläge erhoffte, wie man die Kuh vom Eis bekommt. In Uhingen sieht es etwas anders aus, auch dort stand das Thema im Gemeinderat auf der Tagesordnung: „In der Sitzungsvorlage schlägt die Verwaltung vor, den Familientreff weiterzuführen und anstelle des Landkreises in die Kooperationsvereinbarung mit dem DRK einzutreten“, teilte Bürgermeister Matthias Wittlinger mit.
Träger der Familientreffs in Eislingen und im Schurwald ist die Diakonie. Sascha Lutz, Geschäftsführer der Diakonischen Bezirksstelle Geislingen-Göppingen, weiß, dass die Fortführung für die Städte und Gemeinden eine Herausforderung ist: „Fakt ist aber, wir brauchen die Finanzierung, die der Landkreis gestrichen hat.“ Im Schurwald sei die Situation besonders schwierig, weil sich alle sechs Gemeinden des Verwaltungsverbands einigen und sich auf eine mögliche Finanzierung des Treffs in Rechberghausen verständigen müssen. In Wangen stand das Thema an diesem Donnerstag auf der Tagesordnung. „Das ist eine Hängepartie, wir sind aber in einem guten Kontakt mit allen Zuständigen“, sagte Lutz vor der Sitzung. Er trauert der bisherigen Kooperation hinterher: „Die Lösung mit dem Landkreis war sinnvoll, weil wir ein Finanzierungssystem hatten. Jetzt ist das eine Einzelverhandlungskiste.“
Eislingen will den Familientreff aufrechterhalten
In Eislingen ist man schon einen Schritt weiter: Der Familientreff soll trotz der Kürzungen des Landkreises aufrechterhalten bleiben. „Wir stehen derzeit in Verhandlungen mit dem Diakonischen Werk und der Evangelischen Kirchengemeinde Eislingen-Ottenbach“, teilt Heike Rapp, Referentin des Oberbürgermeisters, mit. Die entsprechenden Haushaltsmittel seien im Haushaltsplan 2026 veranschlagt. Gegenwärtig stimmt sich die Stadt mit der Gemeinde Salach hinsichtlich einer Kooperation ab. Sollte die Gemeinde Salach ihren Familientreff nicht aufrechterhalten, bietet Eislingen den Salacher Bürgerinnen und Bürgern an, den Familientreff in Eislingen zu nutzen. „Die Familientreffs sind eine wichtige Anlaufstelle und ein niederschwelliges Angebot für junge Familien mit Beratungsbedarf“, unterstreicht Oberbürgermeister Klaus Heininger die Bedeutung dieser Einrichtungen.
Träger des Familientreffs in Salach ist die Caritas Fils-Neckar-Alb. Sie betreibt auch die Treffs in Geislingen und Süßen. „Wir sind in Gesprächen mit den Bürgermeistern, es ist aber noch nichts spruchreif“, sagt Regionalleiter Franz-Xaver Baur. Alle drei seien interessiert, die Zentren für Familien weiter zu betreiben, ausschlaggebend sei eben die Finanzierung.
Geislingen bedauert Sparkurs im Sozialbereich
Die Stadtverwaltung Geislingen bedauert die angekündigten Sparpläne des Landkreises im Sozialbereich sehr. „Die beiden Familientreffs in unserer Stadt sind seit vielen Jahren ein wichtiger Bestandteil der sozialen Infrastruktur und leisten wertvolle präventive Arbeit für Familien, Kinder und den gesamten Sozialraum“, sagt Oberbürgermeister Ignazio Ceffalia. Bislang wurden diese beiden Familientreffs gemeinsam vom Landkreis, der Caritas sowie der Stadt Geislingen getragen. „Die positiven Auswirkungen der Familientreffs zeigen sich aus unserer Sicht insbesondere auch in der engen Verzahnung mit der Kindergartenarbeit“, sagt der OB. „Die Angebote wirken oftmals frühzeitig unterstützend und tragen dazu bei, dass Probleme gar nicht erst eskalieren. Fallen solche Strukturen weg, entstehen spürbare Lücken im sozialen Gefüge.“ Aktuell finden Gespräche mit den Kooperationspartnern statt, „wir prüfen derzeit verschiedene Möglichkeiten, wie die entstehende Finanzierungslücke zumindest teilweise kompensiert werden kann“, sagt die Pressesprecherin der Stadt, Christiane Wehnert. Eine konkrete Lösung gebe es noch nicht. „Klar ist zugleich, dass wir die wegfallenden Mittel des Landkreises nicht eins zu eins ersetzen können.“
Stadt Göppingen will ihren Zuschuss aufrechterhalten
Vierter im Bunde der Träger ist der Awo-Kreisverband Göppingen. Nachdem der Treff in Bad Boll bereits geschlossen ist, bleiben der Arbeiterwohlfahrt nur noch die beiden Anlaufstellen in Göppingen. „Nach den Kürzungen des Landkreises zum Jahresende 2026 hat die Awo entschieden, den Familientreff im Bodenfeld einzustellen. Der Familientreff im Haus der Familie soll fortgesetzt werden“, teilt Andrea Rothfuß mit, die stellvertretende Pressesprecherin der Stadt.
Die Stadt Göppingen würde für die Fortführung dieses Familientreffs den bisherigen Zuschuss von 9000 Euro aufrechterhalten wollen, die entsprechende Beschlussvorlage wurde in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Soziales und Schulen eingebracht. „Nach einer möglichen Zustimmung des Gemeinderats könnte ein neuer Kooperationsvertrag zwischen der Stadt und der Awo geschlossen werden.
Voraussetzung wäre, dass eine Gesamtfinanzierung durch die Awo sichergestellt werden könnte.“ Sonja Elser, Geschäftsführerin des Awo-Kreisverbands Göppingen, will sich aktuell nicht groß äußern zu der Debatte: „Nachdem noch alles im Fluss ist und der Gemeinderat noch nicht final entschieden hat, kann ich leider noch keine konkreten Angaben machen.“
Der Landkreis streicht ab 2027 seinen Zuschuss
Beschluss
Der Kreistag hat im Zuge der Haushaltsberatungen 2026 im Herbst 2025 mehrheitlich beschlossen, die Familientreffs zukünftig nicht mehr durch den Landkreis zu bezuschussen. „Der Landkreis kommt seinen vertraglichen Verpflichtungen, die in den Kooperationsvereinbarungen mit den Städten, Gemeinden und den Trägern der Familientreffs festgelegt sind, noch bis Ende des Jahres 2026 nach“, teilt die Pressestelle mit. Der Zuschuss entfällt demnach ab dem Jahr 2027.
Finanzen
Durch die stringente Konsolidierung sei es für den Kreishaushalt 2026 möglich, den bisherigen Kreisumlagehebesatz beizubehalten. „Damit haben die Kommunen mehr Spielraum für die Bewältigung der Herausforderungen vor Ort und können selbst über Zuschüsse entscheiden“, betont eine Sprecherin des Landratsamts. Die einzelnen Kommunen befinden sich mit den Trägern der Familientreffs im Austausch, ob und in welcher Form die Familientreffs ab 2027 fortgeführt werden können.
Einrichtungen
Im Landkreis gibt es das Angebot der Familientreffs in Geislingen, Göppingen, Deggingen, Ebersbach, Eislingen, Salach, Rechberghausen, Süßen und Uhingen. Bad Boll hat bereits geschlossen.