Wer mit einer Suchterkrankung kämpft, bekommt bei der Beratungsstelle Koala am Rosenplatz in Göppingen Hilfe. Foto: Giacinto Carlucci​

Im Kreis Göppingen ist der Bedarf an Suchtberatung gestiegen. Zwar verstärkt der Fachbereich der Diakonischen Bezirksstelle sein Onlineangebot, dennoch bleiben Herausforderungen.

Der Herbst brachte große Unruhe in die Diakonische Bezirksstelle Geislingen-Göppingen: Der Landrat plante, den Zuschuss für die Suchtberatungsstelle des evangelischen Kirchenbezirks komplett zu streichen – und gefährdete damit nach Einschätzung der Einrichtung Angebote wie die Außenstelle in Geislingen.​

 

Ganz so drastisch kam es nicht. Der Göppinger Kreistag beschloss Mitte Dezember, die Förderung statt um 100 Prozent, um 20 Prozent zu kürzen. Für die Suchtberatung, die Diakonische Bezirksstelle und den gesamten Kirchenbezirk seien dies dennoch „massive finanzielle Einschnitte“, schreibt Nicola Zimmermann, die Leiterin des Fachbereichs Suchthilfe, im Jahresbericht. „Welche Angebote infolge dieser Kürzungen wegfallen müssen und inwiefern Personalstellen betroffen sein werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch in Klärung.“

Dabei steigt der Bedarf, das zeigt die Statistik im Jahresbericht. Im vergangenen Jahr wurden 1052 Menschen betreut – ein Plus von zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt hatten 4920 Menschen Kontakt zur Suchtberatung, 6,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Zugenommen hat auch der Anlauf in der Göppinger Kontaktstelle für Drogengebraucher „Koala“: Die Zahl der Besucher stieg um knapp 26 Prozent auf 1944.​

Ein Jahr zuvor waren die Zahlen noch gesunken. Gründe dafür sah die Einrichtung unter anderem darin, dass Personen, die Ersatzdrogen verordnet bekommen, nicht mehr an Beratungsgesprächen teilnehmen müssen. Auch die Cannabis-Entkriminalisierung sowie umfangreiche personelle Veränderungen im Team der Suchtberatungsstelle hätten dazu beigetragen. „Die nun wieder steigenden Zahlen verdeutlichen die Wichtigkeit von Beziehung und mit Zeit gewachsenem Vertrauen innerhalb der Beratungs- und Unterstützungskontexte“, schreibt Nicola Zimmermann. Eine wieder höhere Nachfrage weise darauf hin, dass die neuen Mitarbeitenderinnen und Mitarbeiter sich gut eingearbeitet und eine tragfähige Arbeitsbeziehung zu ihren Klienten aufgebaut hätten.

Fast die Hälfte der Hilfesuchenden kam im vergangenen Jahr wegen Alkoholproblemen zur Beratungsstelle Koala. Foto: dpa/Jens Büttner

Am häufigsten suchten im vergangenen Jahr Menschen wegen Alkoholproblemen Hilfe. Sie machten laut dem Jahresbericht knapp 45 Prozent der Fälle aus. Die Fallzahl stieg von 282 im Jahr 2024 auf 312 im vergangenen Jahr. Dahinter folgen Abhängigkeiten von Schmerzmitteln oder mehreren Substanzen sowie Cannabis, Stimulanzien und Kokain. Männer waren insgesamt deutlich öfter betroffen als Frauen.​

Um schwere Verläufe und somit hohe Kosten zu verhindern, will die Suchtberatung Menschen möglichst früh erreichen. Wichtig sei eine niedrige Hemmschwelle, Angebote anzunehmen. Darum baute die Beratungsstelle ihr Onlineangebot aus: Über die Plattform „DigiSucht“ lassen sich Onlineberatungstermine per Chat oder Videoanruf buchen. Somit könne die Beratung vollständig anonym stattfinden, der Übergang zur Präsenzberatung sei aber jederzeit möglich.​ Zusätzlich informiert die Suchtberatung unter dem Namen „suchtberatung_goeppingen“ seit Ende 2024 über Instagram. Derzeit verzeichnet der Kanal etwas mehr als 200 Nutzerinnen und Nutzer, die Inhalte wurden im vergangenen Jahr fast 33 000 Mal aufgerufen. Aufgrund der Reichweite vermutet die Beratungsstelle, dass viele Menschen die Beiträge ansehen, aber dem Kanal nicht folgen. Oftmals aus Sorge, dadurch als Betroffene von Sucht erkannt zu werden.

Für die Umsetzung weiterer Projekte fehlen Geld und Zeit

Ideen für weitere neue Projekte hätte das Team durchaus, doch für die Umsetzung fehlten das Budget und die Zeit. „Die Sparmaßnahmen ziehen auf allen Ebenen sehr viel organisatorischen Aufwand nach sich“, schreibt Nicole Zimmermann. „Das frisst unglaublich viel Zeit, die bei den Klientinnen und Klienten oder in Präventionsprojekten sehr viel besser investiert wäre.“​

Die Kürzungen des Landkreises treffen den Kirchenbezirk mehrfach, auch die psychologische Familien- und Lebensberatungsstelle ist betroffen. Somit stehe insgesamt weniger Geld zur Verfügung, und die Kürzungen seien auch außerhalb der geförderten Stellen spürbar, erklärt Zimmermann. „Im Koala suchen wir als Ausgleich zum Beispiel dringend ehrenamtliche Fahrer, die Lebensmittelspenden vom Supermarkt in die Kontakt- und Anlaufstelle für Drogengebrauchende bringen“, schreibt die Leiterin der Beratungsstelle. Im Koala werde daraus ein warmes Mittagessen für die Klienten zubereitet, der Rest gehe als Spende an die Besucher. Wer Lust habe, sich zu engagieren, sei herzlich willkommen.​

Anlaufstellen zur Drogenberatung im Kreis Göppingen

Beratung
 Die kostenlose Drogenberatung der Diakonischen Bezirksstelle Geislingen-Göppingen kann sowohl am Standort Göppingen in der Pfarrstraße 45 als auch in Geislingen in der Karlstraße 11 von Betroffenen in Anspruch genommen werden. ​

Koala
 Zudem bietet die Göppinger Einrichtung Koala, Kontakt- und Anlaufstelle für Drogengebrauchende, am Rosenplatz 15 Hilfe bei Suchtfragen. Seit 2024 werden Beratungsgespräche über die Plattform „DigiSucht“ unter www.suchtberatung.digital angeboten.