Der Stadtplaner Manfred Mezger aus Bad Boll berät rund 70 Gemeinden im Landkreis Göppingen und darüber hinaus zur Entwicklung von Bauland. Die Nachfrage nach Grundstücken sei überall gleichermaßen hoch.
Kreis Göppingen - Mehrmals in der Woche eine Gemeinderatssitzung, manchmal sogar mehrere an einem Abend: Für Manfred Mezger vom Büro „mquadrat“ in Bad Boll ist das nichts Ungewöhnliches. Der Stadtplaner und sein 16-köpfiges Team beraten rund 70 Kommunen unter anderem bei der Erschließung von Gewerbe- und Wohngebieten sowie bei der Gemeinde- und Stadtentwicklung. Die Herausforderungen sind fast überall die gleichen.
Herr Mezger, Sie sind regelmäßiger Gast in Gemeinderatssitzungen. Warum haben die Kommunen einen so hohen Bedarf an Beratung zur Stadtplanung?
Die Gemeinden mussten hier aktiver werden, weil einfach eine wahnsinnig große Nachfrage nach Bauland besteht – sowohl vonseiten der Gewerbetreibenden als auch von Privatleuten. Dabei geht es nicht immer nur darum, den Eigenbedarf zu decken: Immobilien dienen in Niedrigzinszeiten zunehmend als Kapitalanlage. Doch junge Familien mit Kindern wollen nach wie vor ihr eigenes Häusle, selbst wenn sie dafür 20 Prozent mehr bezahlen als noch vor ein paar Jahren.
In der Stadt können sich das nur die allerwenigsten Menschen leisten, weshalb viele aufs Land ziehen.
Das stimmt, und der Speckgürtel wird immer größer. Mittlerweile überlagern sich die Einzugsgebiete von Stuttgart und Ulm. Das führt auch dazu, dass die Preise immer höher und die Grundstücke immer kleiner werden. Konnten sich Eigenheimbesitzer früher 600 oder 700 Quadratmeter leisten, sind wir heute schon bei weniger als 400 Quadratmeter.
Andererseits erweisen sich viele Häuser im Alter als überdimensioniert.
Die Bewohner selbst sehen das nicht immer so. Sie bleiben im Alter länger fit und sehen oft keinen Grund, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen. Oft heißt es dann, dass man den Platz braucht, wenn die Kinder mit den Enkeln zu Besuch kommen – auch wenn das nur zwei Mal im Jahr der Fall ist. Dabei gibt es mittlerweile attraktive, barrierefreie Wohnungen, die großzügig geschnitten sind.
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Taugen Tiny-Häuser als Alternative?
Sie werden das Wohnungsproblem nicht lösen können. Wer so leben möchte, darf das natürlich. Man sollte aber nicht mit großer Kostenersparnis oder einer ressourcenschonenden Bauweise rechnen, weil wenig Wohnraum viel Hülle gegenübersteht. Tiny-Häuser können interessant werden, wenn sie in Gruppen erstellt und mit gemeinsamen Einrichtungen ergänzt werden.
Bringt der kürzlich verlängerte Paragraf 13b des Baugesetzbuchs, also die Erschließung von Wohngebieten im beschleunigten Verfahren, auch nichts?
Der 13b hat seine theoretischen Vorteile, kann die Verfahrensdauer aber nicht wirklich abkürzen. Der mögliche Verzicht auf eine frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit und der Behörden ist eher kontraproduktiv. Diese frühzeitige Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger ist enorm wichtig, damit man mögliche Probleme schon zu Beginn aus dem Weg räumen kann. Auch die wegfallende Pflicht zum naturschutzrechtlichen Ausgleich besteht nur in der Theorie. Überwiegend wird ein Ausgleich für den Eingriff geschaffen und der Natur wieder etwas Gutes getan.
Die Bürgerbeteiligung kann aber schnell zur nervenzehrenden Angelegenheit werden, weil ja immer irgendjemand gegen irgendetwas protestiert.
Mein Eindruck ist auch, dass man hier an Grenzen stößt, weil sich eine gewisse Sättigung breit macht und die Gesellschaft egoistischer zu werden scheint. Man darf aber auch nicht vergessen, dass der Schutz von Klima und Natur einen anderen Stellenwert bekommen hat, als dies noch vor Jahren der Fall war. Oft scheitert die Beteiligung aber auch daran, dass die sich einbringenden Bürger nicht dem Querschnitt der Bevölkerung entsprechen. Ich bin deshalb ein Verfechter von offenen Präsenzveranstaltungen, die während der Pandemie natürlich schwierig zu organisieren sind.
Wie lassen sich die vielen Baulücken in den Kernen der Gemeinden schließen?
Sie können die Grundstücksbesitzer nicht dazu zwingen, zu verkaufen oder zu bauen. Die Gemeinden haben nur die Möglichkeit, bei der Erschließung von neuen Gebieten ein Baugebot zu verhängen, damit nicht nachts leere Flächen beleuchtet werden.
Berater von gut 70 Kommunen
Werdegang
Manfred Mezger ist Vermesser und hat sich danach berufsbegleitend zum Bautechniker ausbilden lassen. Im Anschluss folgte ein Studium der Architektur und Stadtplanung an der Fachhochschule Stuttgart. Am 1. Juni 2002 eröffnete er sein Büro in Zell u. A. und zog drei Jahre später nach Bad Boll um. Seit 2016 befindet sich „mquadrat“ dort an der Badstraße.
Beratungsbüro
Mit 16 Mitarbeitern – Stadt- und Landschaftsplaner, Bauingenieure, Vermesser und Biologen – berät Mezger rund 70 Kommunen in der Region. Er nimmt an gut 180 Gemeinderatssitzungen im Jahr teil. Von 1989 bis 1999 saß er für die Freien Wähler im Gemeinderat Bad Boll.