Der Raubmord an einer 84 Jahre alten Frau hat Anfang vergangenen September die Gemeinde Neuhausen erschüttert. Foto: SDMG

Im Kreis Esslingen ist die Zahl der Straftaten im vergangenen Jahr laut der Kriminalstatistik sogar leicht zurück gegangen. Dennoch gibt es Deliktfelder, die der Polizei Sorge bereiten.

Kreis Esslingen - Der Polizeipräsident Alexander Pick, dessen Behörde mit Sitz in Reutlingen für die Landkreise Esslingen, Reutlingen und Tübingen zuständig ist, erachtet dieses Gebiet mit mehr als einer Million Einwohner als „eine der sichersten Regionen Deutschlands“. Zu diesem Schluss kommt Pick aufgrund der Zahlen zur Kriminalstatistik des vergangenen Jahres. Denn 4569 Straftaten pro 100 000 Einwohner liegt deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt von 5191, wie Pick bei der Vorstellung der Statistik deutlich machte. Im Landkreis Esslingen ging die Zahl der Straftaten mit insgesamt 24 477 um 274 zurück. Dennoch gibt es Deliktfelder, die dem Polizeipräsidenten Sorgen bereiten.

Telefonbetrug nimmt zu

Die Zahl von Fällen, in denen vorwiegend Senioren zu Opfern von perfiden Betrügern werden, hat sich im vergangen Jahr verfünffacht, womit sich diese Delikte Pick zufolge zu einer „echten Landplage“ entwickelt hätten. Denn im Bereich des Polizeipräsidiums kamen die Täter in 66 Fällen ans Ziel und brachten ihre Opfer mit dem Enkeltrick oder mit der Masche, sich am Telefon als Polizisten oder Staatsanwälte auszugeben, um insgesamt rund 700 000 Euro. In einem Fall erbeuteten die Täter gar 70 000 Euro. Insgesamt seien 1514 Fälle registriert worden. „Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen“, vermutet Alexander Pick, denn viele Fälle würden wohl nicht angezeigt. Die Betrüger agierten vornehmlich aus Callcentern in der Türkei – „an die müssten wir besser herankommen“, sagt der Polizeivizepräsident Reinhard Nething, gleichzeitig der Leiter der Kriminalpolizeidirektion in Esslingen. Immer öfter sind Messer im Spiel Im Bereich des Polizeipräsidiums Reutlingen sei die Zahl der Fälle, in denen die Täter mit einem Messer hantierten, angestiegen. Im Landkreis Esslingen wurden 321 registriert, was im Vergleich zum Vorjahr einer Zunahme von 6,6 Prozent entspricht und deutlich über den Fallzahlen in den Kreisen Reutlingen (164) und Tübingen (109) liegt. Das Messer als Tatwaffe erfreue sich „einer gewissen Renaissance“, sagt Pick. Zwar komme es in der Mehrzahl der Taten nicht zum Einsatz, aber es bedeute für die tägliche Arbeit der Polizeibeamten einen „gewaltigen Stressfaktor“.

Zahl tatverdächtiger Asylbewerber steigt

„Die meisten Geflüchteten verhalten sich regelkonform“, schickt Alexander Pick voraus. Doch Sorge bereite weiterhin deren Zahl von 2027 Tatverdächtigen, womit sie mehr als ein Viertel der nichtdeutschen Tatverdächtigen stellen. Im Kreis Esslingen wurden im vergangenen Jahr 1102 Flüchtlinge einer Straftat verdächtigt, womit die Zahl im Vergleich zum Vorjahr nahezu unverändert ist. Hauptsächlich handle es sich dabei um Körperverletzungen, Diebstähle und Betrügereien. Weiterhin komme es zu vielen Fällen, in denen die Polizei in Flüchtlingsunterkünfte ausrücken müsse. Doch verlagerten sich die Tatorte zunehmen aus den Asylheimen in den öffentlichen Raum. Im Jahr 2017 ereignete sich mehr als ein Viertel der Straftaten in den Unterkünften, im vergangenen Jahr war es nur noch knapp ein Fünftel.

Die Gewalt gegen Polizisten nimmt zu

„Es vergeht kein Tag, an dem nicht eine Kollegin oder ein Kollege zur Zielscheibe körperlicher Angriffe werden“, sagt Alexander Pick angesichts der Tatsache, dass die Gewalt gegen Polizisten um weitere zehn Prozent zugenommen hat. Vier Beamtinnen und Beamten seien im vergangenen Jahr bei Einsätzen durch aggressive Zeitgenossen schwer verletzt worden. Pick hofft, dass der künftige Einsatz von Bodycams, mit denen Polizeieinsätze gefilmt werden, „aggressionsreduzierend“ wirke. Zudem seien die Beamte mit diesem Instrument in der Lage, das Geschehen „justiziabel zu dokumentieren“.

Weniger Wohnungseinbrüche

Im Bereich des Polizeipräsidiums Reutlingen hat sich seit dem Jahr 2014 die Zahl der Wohnungseinbrüche halbiert. Im Kreis Esslingen ist die Fallzahl in dieser Zeitspanne von 669 auf 351 zurückgegangen. Positiv sei zudem, dass jeder zweite Einbruch scheitere, weil die Bürger ihre Häuser und Wohnungen besser sicherten und die Nachbarn wachsamer seien.

Niedriges Niveau bei Gewaltkriminalität

Insgesamt bewege sich die Gewaltkriminalität im Präsidiumsbereich auf einem „niedrigen Niveau“. Die Zahl der sogenannten Straftaten gegen das Leben, also Mord und Totschlag stiegen von 30 auf 38 Fälle, wobei in zehn Fällen die Opfer getötet wurden. Besonders intensiv habe die Ermittler der Anfang September in Neuhausen an einer 84-Jährigen begangene Raubmord beschäftigt. Die Sonderkommission habe in „kriminalistischer Arbeit vom Feinsten“, so Pick, einen dringend tatverdächtigen 30-Jährigen ermittelt, der mittlerweile wegen Mordes angeklagt wurde.

Zahlen der Kriminalstatistik im Kreis Esslingen

Aufklärungsquote
Von den im vergangenen Jahr im Kreis Esslingen begangenen 24 477 Straftaten wurden 60,9 Prozent aufgeklärt. Das bedeutet im Vergleich zum Vorjahr einen minimalen Rückgang um 0,5 Prozent.

Tatverdächtige
Insgesamt ging die Zahl der Tatverdächtigen im Kreis von 12 637 im Jahr 2017 auf 11 674 zurück. Das entspricht einem Rückgang von 7,6 Prozent.

Intensivtäter
Im Landkreis Esslingen waren im vergangenen Jahr sieben Jugendliche von der Polizei als Intensivtäter eingestuft. Drei von ihnen hatten keine deutsche Staatsangehörigkeit.

Drogen
Drei Drogentote waren zu beklagen, das jüngste Opfer war 21, das älteste 42 Jahre alt. Die Polizei stellte im Jahr 2018 insgesamt 4,5 Gramm Heroin, 567 Gramm Kokain, 3469 Gramm Amphetamin und 437 Ecstasy-Tabletten sicher. Zudem beschlagnahmte sie 51,1 Kilogramm Cannabis, 71 Stück LSD und 490 Gramm sonstige Betäubungsmittel wie Kräutermischungen und Pilze.

Opfer
Insgesamt wurden 5172 Menschen Opfer einer Straftat. Darunter waren 332 Kinder, 379 Jugendliche, 408 Heranwachsende, 3717 Personen im Alter zwischen 21 und 59 Jahren und 336 Menschen über 60 Jahre alt.

Alkoholeinfluss
Bei ihrer Tat standen 1323 der Verdächtigen unter Alkoholeinfluss. Das entspricht einem Anteil von 11,3 Prozent.

Wiederholungstäter
Im Jahr 2018 waren 5100 der insgesamt 11 647 Tatverdächtigen im Kreis bereits kriminalpolizeilich bekannt und somit Wiederholungstäter.

Schusswaffen
53 Tatverdächtige führten in 59 Fällen Schusswaffen mit sich. Acht Mal drohten sie, und sieben Mal schossen sie damit.

Wohnsitz
5821 aller Tatverdächtigen (rund 50 Prozent) hatten ihren Wohnsitz in der Tatortkommune.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: