Wenn die Esslinger Vesperkirche am 8. März als letzte im Kreis ihre Tore öffnet, dann weht schon ein Hauch von Frühling durch die Frauenkirche Foto:  

Die Organisationschefs sammeln ihre Schäfchen um sich. Die drei Vesperkirchen im Kreis Esslingen in Kirchheim, Nürtingen und Esslingen werfen ihre Schatten voraus.

Nürtingen/Kirchheim/Esslingen - Das mehrgängige Gedeck gibt es für einen oder für eineinhalb Euro. Wer kann, zahlt mehr. Wer nichts hat, zahlt nichts. Das ist, auf drei Sätze verkürzt, die Idee der drei Vesperkirchen im Kreis Esslingen. Wenn dann noch der Stadtstreicher mit dem Manager, die Rentnerin mit der Geschäftsfrau oder der Schüler mit dem Großvater am gemeinsamen Tisch ins Gespräch kommen, dann füllt die Vesperkirche nicht nur leere Mägen, sondern auch die Gräben in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft.

Am Sonntag, 26. Januar, machen Kirchheim und Nürtingen den Auftakt. Zum elften Mal öffnet dann die Vesperkirche in der Thomaskirche in der Kirchheimer Aichelbergstraße ihre Tore. Am selben Tag werden auch in der Lutherkirche in Nürtingen die Vesperkirchenkerzen erneut angezündet. Während dort der Tisch drei Wochen lang gedeckt sein wird, klingt die Vesperkirche in Kirchheim schon nach zwei Wochen aus.

Esslingen setzt den Schlusspunkt

Esslingen setzt traditionell den Schlusspunkt hinter die Vesperkirchen-Saison. Die größte Vesperkirche im Landkreis bezieht vom 8. März an Quartier in der altehrwürdigen Frauenkirche. Drei Wochen lang trifft man sich in dem gotischen Kirchenraum unter dem Vesperkirchenmotto „Gemeinsam an einem Tisch“.

325 Mitarbeiterbriefe hat die Nürtinger Vesperkirchenleiterin, Bärbel Greiler-Unrath, zu Beginn dieser Woche auf den Weg gebracht. Wichtigste Botschaft: Die Nürtinger Vesperkirche kehrt in ihr angestammtes Domizil in den Lutherhof zurück. Im vergangenen Jahr hatte das Stephanus-Gemeindehaus im Stadtteil Roßdorf als Interimsquartier gedient, nachdem rund um die Lutherkirche die Bauarbeiter den Ton angegeben hatten.

Nürtingen kehrt zurück zu den Wurzeln

„Wir sind gespannt, wie sich die Vesperkirche jetzt in das neue Ensemble einfügt“, sagt Bärbel Greiler-Unrath. Im Gegensatz zu den zwölf vergangenen Jahren sind die mittäglichen Kirchgänger auf dem Lutherareal jetzt nicht mehr alleine unterwegs, sondern eingerahmt unter anderem von einer Kindertagesstätte und Angeboten für Jugendliche. Nicht zuletzt deshalb will die Vesperkirchenchefin am bewährten Programm festhalten. Das heißt: täglich bis zu 400 Mahlzeiten zu einem Euro, Wort zum Mittag, Kinderbetreuung, Infostände zu sozialen Einrichtungen, Fahrdienst für Menschen mit Behinderungen und vieles mehr.

Im benachbarten Kirchheim hat der Cheforganisator, Uli Häußermann, die Mitarbeiterbriefe ebenfalls schon eingetütet. Rund 200 Helferinnen und Helfer tischen dort Tag für Tag rund 300 Menschen ein schmackhaftes Mahl auf – gegen eine symbolische Spende von 1,50 Euro. Auf einem Fragebogen können die ehrenamtlichen Mitarbeiter ankreuzen, wo sie ihren Platz sehen. Die vorab versandte Liste spiegelt beispielhaft wider, wie breit gestreut das Angebot einer Vesperkirche ist. So stehen zur Auswahl: Kuchenspende, Gespräch, Bügeln, Geschirrrückgabe, Bedienung, Getränke, Spülen, Kaffeebereich und Kinderbetreuung. Häußermanns Worten zufolge müssen jedes Jahr rund 20 Mitarbeiter neu eingearbeitet werden. „Die ersetzen die Helfer, die altershalber ausscheiden. Das geht immer so gerade auf“, sagt der Organisationschef.

Von Baustellen umzingelt

Nahezu den doppelten Aufwand muss der Esslinger Vesperkirchenleiter, Bernd Schwemm, betreiben. Er verfügt über einen festen Mitarbeiterstamm von rund 500 Ehrenamtlichen. Die sorgen dafür, dass jeden Tag bis zu 570 Mahlzeiten über den Tisch gehen. Die im Jahr 1525 begonnene und 1560 fertiggestellte Frauenkirche in Esslingen gilt als eines der hervorragenden Bauwerke der südwestdeutschen Spätgotik. Das gemeinsame Tafeln in dem imposanten Kirchenraum ist Vor- und Nachteil zugleich. „Im Gegensatz zu Kirchheim und Nürtingen können wir kein Kulturprogramm anbieten“, sagt Schwemm. Der Nachhall in der riesigen Hallenkirche verzerre jede Lautsprecherwiedergabe.

Ohnehin treiben Schwemm im Vorfeld der zwölften Vesperkirchenauflage ganz andere Sorgen um. Die Frauenkirche ist von Baustellen umzingelt. Vor allem die bevorstehende Sperrung der Geiselbachstraße schlägt Schwemm schon jetzt auf den Magen. „Die bisherige Terminplanung kollidiert mit unserem Abbau“, sagt er. Deshalb heißt es auch in Esslingen: keine Experimente. „Wir sind froh, wenn es läuft, wie’s läuft“, sagt Schwemm.

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