Die Gefahr, im Dienst verletzt zu werden, ist für Polizeibeamte inzwischen allgegenwärtig. Foto: dpa/Carsten Rehder

Eine 42-Jährige wird vom Amtsgericht Esslingen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil sie im angetrunkenen Zustand einen Beamten verletzt hat. Solche Attacken auf Ordnungshüter sind inzwischen an der Tagesordnung.

Esslingen - Die Zahl der Übergriffe auf Polizeibeamte steigt beständig an. Im Jahr 2018 waren im Bereich des Polizeipräsidiums Reutlingen 376 solcher Straftaten verzeichnet worden. Eine davon hatte sich in Esslingen zugetragen, wo eine heute 42-Jährige sich geweigert hatte, auf Anweisung eines Polizisten eine Gaststätte zu verlassen. Dieser wurde durch die Gegenwehr der Frau leicht verletzt, weshalb sich diese kürzlich vor dem Amtsgericht Esslingen wegen eines „tätlichen Angriffs auf einen Vollstreckungsbeamten“ verantworten musste. Es ist ein Fall, der als Beispiel für gewalttätige Übergriffe steht, die inzwischen zum Alltag in der Arbeit von Streifen- und Bereitschaftspolizisten zählen.

Am 30. November vergangenen Jahres wird eine Streifenwagenbesatzung zu einem Lokal in Esslingen gerufen. Dort sind eine 41-Jährige und ihr Lebensgefährte nicht nur lautstark verbal, sondern auch körperlich aneinandergeraten. Beide sind alkoholisiert, schlagen aufeinander ein. Sie liegt schließlich unter dem Tisch und wird von ihm gewürgt, wie Zeugen später aussagen. Der Wirt sieht keinen anderen Ausweg mehr, als die Sache von der Polizei beenden zu lassen.

Polizist wird bei dem Einsatz verletzt

Diese rückt an, und ein Beamter will die Frau, die die Kneipe partout nicht verlassen mag, am Arm hinausführen. Daraufhin schlägt sie mit der Faust nach ihm, zwischen den Fingern hält sie eine glühende Zigarette, welcher der Polizist gerade noch ausweichen kann. Sie hält ihn schließlich an dessen Schutzweste fest, beide verlieren das Gleichgewicht, prallen gegen eine Wand und stürzen zu Boden. Als der Polizist die inzwischen mit Handschellen gefesselte Frau schließlich ins Freie gebracht hat, gibt sie noch immer keine Ruhe. Sie tritt mehrfach nach ihm, am Ende trägt er von dem Einsatz Schürfwunden davon.

Der Fall deckt sich mit vielen anderen, in denen Polizisten im Dienst zu Opfern von Gewalt werden. Im vergangenen Jahr standen von 335 Tatverdächtigen mehr als 84 Prozent unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen. Die Frau gibt sich vor dem Kadi geständig. „Es kann sein, dass es so gewesen ist“, sagt sie, erinnern könne sie sich nicht mehr. Sie sei stark alkoholisiert gewesen. Dem widersprechen sowohl zwei Bedienungen des Lokals als auch der Lebensgefährte. Sie wissen, wie die Angeklagte reagiert, wenn sie richtig betrunken ist. Als lediglich „ein bisschen angetrunken“ beschreibt eine Zeugin deren Zustand an jenem Abend, aber sie sei „sehr aufgebracht wegen des Stresses mit ihrem Mann“ gewesen. Sie sei „nicht mehr sie selbst“ gewesen, habe wild um sich geschlagen. Das scheint der Frau nicht wesensfremd zu sein, wenn sie Alkohol getrunken hat. Sie ist bereits vorbestraft – unter anderem, weil sie sich schon vor einigen Jahren Polizeimaßnahmen widersetzt und eines ihrer vier Kinder im Rausch körperlich misshandelt hat.

„Sie können’s nicht lassen“, befindet deshalb die Richterin Sarah Geiger und verurteilt die 42-Jährige zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten: „Eine Geldstrafe war da nicht mehr drin.“ Zudem bekommt sie die Auflage, 60 Stunden in einer sozialen Einrichtung zu arbeiten, sieben Termine bei einer Drogenberatungsstelle wahrzunehmen und ein Antiaggressionstraining zu absolvieren. Der Angeklagten müsse klar sein, dass sie unter Alkoholeinfluss „enthemmt und aggressiv“ reagiere, so Sarah Geiger. Sie könne ihr vor allem einen Rat mit auf den Weg geben: „Trinken Sie nichts.“

Entspannung nicht in Sicht

Für den Reutlinger Polizeipräsidenten Alexander Pick sind tätliche Attacken „auf unsere Einsatzkräfte Angriffe auf unseren Staat und damit unsere Gesellschaft“. Ebenso wie die immer mehr um sich greifende Gaffermentalität dürften „solche Anzeichen von Dekadenz und Werteerosion nicht reaktionslos hingenommen werden“. Zumal die Zahl der Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte im vergangenen Jahr im Bereich des für die Kreise Esslingen, Tübingen und Reutlingen zuständigen Polizeipräsidiums im Vergleich zu 2017 nochmals um zehn Prozent angestiegen ist. Eine Entspannung ist nicht in Sicht. Laut einer Sprecherin seien die Zahlen für das laufende Jahr zwar noch nicht ausgewertet, aber es sei „nochmals eine Steigerung zu erwarten“.

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