Wenn die Busse der Linie 42 den wenig gesicherten Kran-Ausleger passieren, geht es dort eng zu. Die Kunden von Ahmet Erdogan stehen erst einmal vor einem Loch. Foto: Andreas Rosar Fotoagentur-Stuttg

Seit am Kernerplatz im Stuttgarter Osten ein Kran auf ein Haus gekippt ist, sind an der Landhausstraße eine Fahrspur und Hof- und Tiefgaragenzufahrten blockiert. Vor einer Übersetzerkanzlei ist ein großes Loch im Gehweg.

Stuttgart - Ahmet Erdogan müsste seine Übersetzerkanzlei am Kernerplatz eigentlich schließen. Direkt vor der Eingangstür zu seinem Büro ist ein großes, knapp einen Meter tiefes Loch im Gehweg. Seine Kunden müssen vorsichtig darum herum gehen und dann einen großen Schritt machen, um in die Kanzlei zu kommen. Wer es bis dorthin schafft, hat allerdings schon ein „Fußgänger verboten“-Schild missachtet und damit vermutlich jeglichen Haftungsanspruch bei einem Sturz verloren. Warum das Loch im Gehweg nicht längst gesichert und abgedeckt ist, warum die viele Tonnen schweren Betongewichte und Einzelteile eines großen Baukrans dort immer noch herum liegen – Ahmet Erdogan weiß es nicht und weiß auch nicht, wie lange das noch so sein wird.

48 Meter hoch, 50 Tonnen schwer

Am 4. September, also vor mehr als zwei Wochen, sollte dort an der Landhausstraße gleich beim Kernerplatz ein großer Baukran aufgestellt werden. Er wird für ein Wohnungsbauprojekt in dem Bereich zwischen Landhaus- und Wera­straße benötigt, mit seiner Hilfe soll das Baumaterial über die Häuser an der Landhausstraße zur Baustelle gehoben werden. Der Kran soll dort wohl bis weit in die erste Jahreshälfte des kommenden Jahres stehen. Den in dem Bereich aufgestellten Schildern, ist zu entnehmen, dass dort bis 25. April 2020 ein absolutes Halteverbot gilt.

Einer der Füße des Krans mit den Gewichten stand genau vor der Eingangstür des Übersetzungsbüros – allerdings nicht lange. Noch bevor der riesige Ausleger auf den hohen Kran montiert werden konnte, gab der Gehweg nach. Der Baukran, 48 Meter hoch und 50 Tonnen schwer, kippte auf das Gebäude, an dem das Dach beschädigt wurde.

Drei Häuser wurden vorsorglich evakuiert, die Feuerwehr war bis weit nach Mitternacht im Einsatz, um den Kran wieder abzubauen. Seitdem liegen seine Teile auf der Landhausstraße, auf der in diesem Abschnitt auch die Busse der Linie 42 fahren.

Der Ausleger blockiert nicht nur die vom Kernerplatz leicht bergauf in Richtung Stuttgart-Ost führende Fahrspur, sondern auch einige Hof- und Tiefgaragenzufahrten mit insgesamt 22 privaten Stellplätzen. Britt Metzger wohnt und arbeitet in einem der betroffenen Gebäude an der Landhausstraße und ist inzwischen stinksauer. Trotz mehrfacher Versuche ist es ihr nicht gelungen, von der Baufirma oder von der Stadt Informationen darüber zu bekommen, wie lange der Ausleger noch alles blockieren wird. Zumal sich an dem Unglücksort seit zwei Wochen absolut nichts getan hat. Sie versteht auch nicht, warum der Ausleger nicht längst wieder abtransportiert wurde, damit die Bewohner ihre Garagen und Höfe nutzen können. Der Mieter eines Tiefgaragenstellplatzes, der sein Auto holen wollte, zog unverrichteter Dinge wieder von dannen. „Dann müssen die halt einen Mietwagen finanzieren“, sagte er im Weggehen.

Gehwege weniger belastbar als Straßen

Den Bauherrn und Projektentwickler für das Wohnbauprojekt, Thomas Beinschrodt, hat der Kranunfall mitten im Urlaub erwischt. „Der Kranausleger kommt dieser Tage weg“, sicherte er am Telefon gestern zu. Spätestens im Laufe des Montags soll die Landhausstraße wieder frei befahrbar sein, abgesehen von dem Abschnitt des geplanten Kranstandortes, dafür habe er eine Absperrgenehmigung. Nach Angaben der Verkehrsbehörde der Stadt soll der Ausleger im Laufe des Freitags abtransportiert werden. Die Schuldfrage für den Unfall ist noch nicht geklärt. Das Tiefbauamt teilte auf Anfrage mit, dass Gehwege grundsätzlich weniger belastbar seien als Straßen. „Es gilt immer, dass vorher die Tragfähigkeit überprüft werden beziehungsweise der Gehweg entsprechend verstärkt werden muss. Dies liegt in der Verantwortung des Kranauf­stellers.“

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