Die ersten Säle sind schon fertig und in Betrieb. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Es ist ein Umzug der Superlative: Für voraussichtlich 100 Millionen Euro wird am Pragsattel ein Interimsquartier für das Stuttgarter Landgericht gebaut.

Das Gebäude Maybachstraße 56 ist noch nicht bezogen, hat aber schon seinen Spitznamen weg: „Die Schildkröte“ heißt ein Teil des Baus. Vom oberen Stockwerk des Nachbargebäudes Nummer 54 sieht man auch warum: Wie ein Schildkrötenpanzer spannt sich ein rundes, gewölbtes und begrüntes Dach über die Räume. So witzig der Name, so ernst wird das sein, was sich von 2027 an im „Bauch“ dieser Schildkröte abspielen wird. Im Tiefparterre entstehen zwei große Gerichtssäle, in denen – neben weiteren mittleren und kleinen Sälen – dann Strafprozesse stattfinden werden. Das Landgericht zieht um, weil die Gebäude im klassischen Gerichtsviertel der Stadt im Carré zwischen Archiv-, UIrich-, Urban- und Olgastraße saniert werden müssen.

 

Der Landgerichtspräsident Hans-Peter Rumler freut sich. Aus mehreren Gründen: Zum einen, weil der erste Teil des Umzugs schon erfolgreich geklappt hat. Die zivilen Kammern für Banken- und Versicherungen sind schon am Pragsattel, im Haus Nummer 54 an der Maybachstraße. Er selbst wird nicht mehr mit umziehen: Sein Bereich ist erst in der zweiten Phase dran, und Rumler freut sich auch auf den wohlverdienten Ruhestand, der für ihn Anfang Februar 2026 beginnt. Eigentlich hätte er gerade so kurz vor dem Ende seiner Berufslaufbahn nochmal Kisten packen müssen – wenn der Umzug wie geplant gelaufen wäre. Doch die Verzögerung spielt ihm in die Karten.

Dass es seine Kolleginnen und Kollegen in dem schon fertigen neuen Gebäude gut getroffen haben, genießt er aber auch, wenn er nicht mehr am Pragsattel arbeiten wird. Rumler zeigt bei einem Rundgang die Vorzüge der neuen Räume, bei denen man fast vergisst, dass es nur ein Interim ist: „Wir haben in fast allen Sälen Videomonitore fest eingebaut“, schildert er. Die Vorsitzende Richterin Katja Knickenberg weist auch auf Vorzüge hin, die die Arbeitszeit zwischen den Sitzungen erleichtern: Die neuen Räume haben Teeküchen, ein Luxus, den es in den Verwaltungsbauten im Justizviertel nicht gab. Sogar ein Sozialraum fand Platz.

Der Landgerichtspräsident Hans-Peter Rumler zeigt die Baustelle. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Und auch die Verfahrensbeteiligten sollen es angenehmer haben: Die Wartebereiche haben einen Snackautomaten, Trinkwasserspender und Trennwände – sodass gegnerische Parteien mit etwas Abstand sitzen können. Außerdem konnten kleine Anwaltszimmer eingebaut werden. Diese haben nur wenige Quadratmeter und keine Fenster, sind aber wichtige Rückzugsräume für Besprechungen. Die Sitzungssäle haben hingegen viel natürliches Licht und Fenster – im alten Justizviertel auch nicht die Regel. In einen Saal im Erdgeschoss kann man sogar im Vorbeigehen von draußen reinschauen. Das sei in Ordnung, solange eine Sitzung öffentlich ist. Eine nichtöffentliche Sitzung könne so aber nicht stattfinden – dafür gibt es aber genug andere Säle.

Der Wartebereich mit Snackautomaten und Wasserspender Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die große Baustelle im Haus Nummer 56 wird das Haupthaus. Knapp 500 Mitarbeitende werden am Ende von der Innenstadt nach Feuerbach umziehen. Die Gebäude, einst Verwaltungssitz der Telekom, hat das Land als Ausweichquartier gekauft – für rund 65 Millionen Euro. Mit dem Umbau, der derzeit auf 32 Millionen Euro angesetzt ist, kommt man dann auf knapp 100 Millionen Euro. Der Umbau ist vor allem für die Strafgerichtssäle sehr aufwendig. Denn wenn es um Haftsachen geht, sprich die Angeklagten aus Untersuchungshaft vorgeführt werden müssen, braucht es eine Vorführabteilung.

Dazu gehören nicht nur sichere Zellen, in denen die Personen vor den Sitzungen und in den Verhandlungspausen sein können, sondern auch Gänge zu den Sälen. „Dazu mussten wir sogar in die Statik eingreifen“, sagt Rumler. Im Tiefparterre kann man ahnen, welche Dimensionen die neuen Säle haben werden. Ein Saal soll ähnlich hohe Standards bekommen wie der Hochsicherheitssaal in Stammheim neben der Justizvollzugsanstalt. Was bei Besuchern gut ankommt – das viele Glas und damit natürliche Licht im Gebäude – ist „sicherheitstechnisch der Albtraum schlechthin“, verraten die Fachleute. Eine Hochsicherheitspforte kommt natürlich auch noch.