Ein junger Mann steht wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht Stuttgart. Er schweigt. Foto: dpa

Ein junger Syrer steht wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht Stuttgart. Er soll einem Kurden am Milaneo ein Messer in die Schläfe gestoßen haben.

Stuttgart - Der Mann im Zeugenstand vor der 9. Schwurgerichtskammer des Landgerichts hat massive Probleme. Es dauert, bis er seinen Namen korrekt wiedergibt, er hat Schwierigkeiten, sein Geburtsdatum und sein Heimatland zu benennen. Dem 27 Jahre alten Kurden war im März dieses Jahres ein Messer in den Kopf gestoßen worden. Der Mann, der das Messer geführt haben soll, sitzt auf der Anklagebank.

Rund um das Shopping-Center Milaneo am Mailänder Platz schwelt offenbar seit längerer Zeit ein Streit zwischen Kurden und Arabern. Ob die Protagonisten diesen Konflikt aus Syrien und dem Irak mit nach Stuttgart gebracht haben oder ob die Animositäten hier neu entstanden sind, ist unklar. Am Nachmittag des 10. März dieses Jahres ist der Zwist jedenfalls eskaliert und hätte den 27-Jährigen um ein Haar das Leben gekostet.

Gleich 16 Einsatzfahrzeuge hatte die Polizei damals aufgeboten, um die wilde Prügelei und Messerstecherei unter Kontrolle zu bekommen. Jetzt wird der Vorfall vor Gericht behandelt. Der Angeklagte, ein 22-jähriger syrischer Flüchtling, soll gleich fünf Männer mit einem Messer verletzt haben – den besagten 27-Jährigen schwer.

Die Klinge durchschlägt den Schädelknochen

„Die kamen zum Streiten. Ich weiß nicht, wer die sind“, sagt der Zeuge. Schon tags zuvor habe es Streit gegeben. Mehr ist von dem 27-jährigen irakischen Kurden nicht zu erfahren. „Alles, was ich im Gedächtnis hatte, ist weg“, so der Zeuge. Die Messerklinge war damals in seine Schläfe eingedrungen, hatte den Schädelknochen durchschlagen und eine Hirnblutung ausgelöst. Die Chirurgen mussten den Mann in ein künstliches Koma versetzen. Die anderen vier Opfer hatten leichtere Stich- und Schnittverletzungen davongetragen.

Ein ebenfalls verletzter Mann, in diesem Fall ein syrischer Kurde, erinnert sich genau an den Vorfall. An diesem Tag habe es schon zuvor Streit gegeben. Er sei von einem Freund gebeten worden, ins Polizeirevier an der Wolframstraße gegenüber dem Milaneo zu kommen, um zu übersetzen. Dort wurden am Tattag mehrere junge Kurden befragt. Danach sei die Gruppe von fünf oder sechs Kurden in Richtung Haltestelle Stadtbibliothek gegangen, so der Zeuge. Auf dem Weg dorthin sei man auf eine Gruppe von rund einem Dutzend Arabern gestoßen. Es folgten gegenseitige Beleidigungen.

Der Angeklagte sagt nichts zu den Vorwürfen

In seiner polizeilichen Aussage hatte der junge Mann berichtet, ein Araber habe gesagt: „Komm, wenn du ein Mann bist, lass uns eins zu eins kämpfen.“ Daran kann sich der Zeuge jetzt nicht mehr erinnern, aber: „Der Angeklagte hatte ein Messer in der Hand.“ Seine Gruppe, so der Kurde, habe keine Waffen gehabt. „Wir kamen ja gerade aus dem Polizeirevier“, sagt er. Die Situation sei eskaliert.

Es habe sich eine Prügelei entwickelt, der Angeklagte habe dem 27-Jährigen das Messer in den Kopf gestoßen. Als er dazwischengegangen sei, so der Zeuge, habe ihm den Angeklagte einen Stich ins Gesäß versetzt.

Der Mann auf der Anklagebank schweigt dazu. Lediglich zu seinem Werdegang gibt er Auskunft. Ansonsten sitzt er mit tief gebeugtem Kopf neben seinem Verteidiger.

1500 Euro an Schleuser bezahlt

Im Februar 2016 sei er als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Obwohl er in Syrien Agrarwissenschaften studiert habe, gebe es für ihn dort keine Zukunft. „Wir haben zu viele tote Menschen gesehen“, sagt der Mann. Im Januar 2016 sei er mit seinem Bruder aufgebrochen und über die Türkei nach Griechenland geflohen. Dafür habe er einem Schleuser 1500 Euro bezahlen müssen.

In Deutschland habe er weiter lernen wollen – schließlich stamme er aus einer Akademikerfamilie. Hier trinke er aber zu viel Alkohol. Laut dem Polizeibericht war der 22-Jährige am Tattag allerdings nüchtern.

Der Prozess wird am 25. Oktober fortgesetzt und ist bis 9. Januar 2018 terminiert.

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