Im April 2025 gelang der Polizei in Italien und Deutschland ein Schlag gegen die Mafia. Nun beginnen die Gerichtsverfahren. Foto: Polizia di Stato/dpa

Der Auftakt eines weiteren Prozesses vor dem Landgericht offenbart die Arbeitsweise der Mafia in der Region. Ein Detail verhindert, dass ein Polizist größeren Schaden anrichtet.

Ein Angeklagter war mit Schal, Maske, Sonnenbrille und Mütze vermummt, der andere kam in Handschellen und verbarg sein Gesicht hinter einem großen Aktenordner: Von großem Medieninteresse begleitet, hat am Mittwoch vor der Staatsschutzkammer des Stuttgarter Landgerichts der Prozess gegen einen mutmaßlichen italienischen Mafioso begonnen. Mitangeklagt ist, was den Prozess noch bemerkenswerter macht, ein Polizist aus Fellbach (Rems-Murr-Kreis), der ihn und damit auch den Farao-Marincola-Clan der kalabrischen Mafiaorganisation ’Ndrangheta unterstützt haben soll.

 

Der 49-jährige italienische Staatsbürger, hat vor seiner U-Haft in Kernen gewohnt. Die Ankläger sind überzeugt, dass er einem lokalen Ableger der ’Ndrangheta aus dem kalabrischen Cariati, einer sogenannten ’Ndrine, angehört. Als solcher soll er nicht nur mit Drogen gehandelt, sondern in Fellbach eine tragende Rolle bei den kriminellen Geschäften der Organisation gespielt haben.

Einschüchterung in Weinstadt: Familie fürchtet um ihr Leben

Anfang April 2025 schlugen die Ermittler in der „Operation Boreas“ zu. Foto: Polizia di Stato/dpa

Die Ermittler gehen davon aus, dass er sogar mit dem Oberhaupt der ’Ndrine, das persönlich in Fellbach vorstellig wurde, Gespräche geführt hat. Die Anklage, die sich auf jahrelange verdeckte Ermittlungen und etliche abgehörte Telefonate stützt, offenbart auch, wie organisierte Kriminalität schon lange in der Region Stuttgart Fuß gefasst hat.

Der 49-Jährige und seine Komplizen sollen bei einem Unternehmen in Italien mehrere Chargen Olivenöl bestellt haben – der Gesamtwert der Waren liegt im mittleren fünfstelligen Bereich. Die Übergabe erfolgte auf dem Gelände eines Fellbacher Unternehmens – auch dort hatten die mutmaßlichen Mafiosi einen Kontakt, dessen Identität die Ermittler aber noch nicht herausfinden konnten. Von dort aus sollen sie die Waren ins Lager des eigenen Gastro-Großhandels gebracht haben. Die Rechnungen wurden nie bezahlt – möglich auch dank Scheinfirmen und Fake-Email-Adressen.

Die ergaunerten Waren mussten schließlich unter die Leute gebracht werden – auch wie das funktioniert haben soll, offenbarte die Anklage. Demnach suchten sich die mutmaßlichen Mafiosi offenbar gezielt Gastronomen in der Region Stuttgart aus, die aus der Gegend um Cariati stammen – dem Heimatort der Mafia-Zelle.

Aus Angst vor Repressalien gegen die eigene Familie und aus Geldnot, so der Plan, würden die Gastwirte die Lebensmittel auch für einen viel zu hohen Preis abnehmen. Zumindest in Weinstadt machte ihnen jedoch ein Zeuge einen Strich durch die Rechnung.

Ein Zufall verhindert, dass der Polizist geheime Informationen entdeckt

Wie eng waren sich der Polizist und der mutmaßliche Mafioso (Symbolbild)? Foto: Marijan Murat/dpa

Als Mitte Januar mutmaßliche Mafiosi vor einem Restaurant in Weinstadt vorfuhren, wollten sie den Inhabern, so formulierte es der Staatsanwalt, „konkludent mit einem körperlichen Übergriff drohen“. Dafür zerstachen sie einen Reifen eines vor dem Eingang geparkten Autos und zertrümmerten die Glasscheibe der Eingangstür.

Während die italienischen Eigentümer der Gaststätte die Drohung wie geplant verstanden und nun um das eigene Leben und das ihres kleinen Kindes fürchteten, erstattete der – eigentlich unbeteiligte – Eigentümer des Autos Anzeige. Spätestens jetzt kam der Fellbacher Polizist ins Spiel, der nun ebenfalls auf der Anklagebank sitzt. Der heute 47 Jahre alte Polizeihauptmeister ist dem 49 Jahre alten Italiener seit Jahren in enger Freundschaft verbunden, dieser fungierte gar als sein Trauzeuge.

Offenbar verhinderte nur ein Zufall, dass er von einer seit längerem laufenden Geheimoperation Wind bekam, vor der er seinen italienischen Freund hätte warnen können: Bei der Aktion in Weinstadt war ein Lieferwagen beobachtet worden. Ein Zeuge erkannte das Fahrzeug als Lieferant des Restaurants – das Kennzeichen, das er der Polizei durchgab, war jedoch veraltet, es war einige Zeit zuvor geändert worden.

Wusste der Fellbacher Polizist, dass er der Mafia hilft?

Als nun der 49-jährige mutmaßliche Mafioso seinen guten Freund in Uniform bat, zu prüfen, ob gegen den Halter des Autos ermittelt werde, gab dieser Entwarnung. Hätte er unter dem anderen Kennzeichen nachgesehen, wäre er jedoch fündig geworden – und laut dem Staatsanwalt hätte er dann auch gesehen, dass gegen den Halter unter anderem die Kripo-Abteilung für organisierte Kriminalität ermittelte. „Das hätte dieses verdeckt geführte Verfahren konkret gefährdet“, so der Ankläger.

Einer der Anklagepunkte lautet daher auf Verrat des Dienstgeheimnisses. Der Prozess wird nun zeigen müssen, ob der Polizist wissen konnte, für welche mächtige Organisation er hin und wieder Einkünfte einholte. Angesichts der Namen bedeutender Mitglieder, die ihm bekannt gewesen sein sollen, angesichts der Geldmengen, über die gesprochen wurde, und über teils langjährige Haftstrafen von Beteiligten und sogar durch eigene Besuchen in Cariati ist die Staatsanwaltschaft überzeugt, dass der Polizeihauptmeister verstand, dass seine Gefälligkeiten der ’Ndrangheta Vorteile verschafft haben.

Der Prozess gegen die beiden wird am 22. Januar fortgesetzt. Dem Polizisten wird in einem zweiten Verfahren vorgeworfen, er habe seinem Vorgesetzten „italienische Killer“ auf den Hals hetzen wollen. Dieses Verfahren geht am 8. Januar weiter.