Ein italienischer Trauzeuge mit fragwürdigen Verbindungen beschäftigt derzeit das Stuttgarter Landgericht (Symbolfoto). Foto: Archiv (Phillip Weingand)

Im Zentrum des Verfahrens gegen einen Fellbacher Polizisten stehen abgehörte Telefonate – und die haben es in sich. Auch ein psychiatrischer Gutachter nimmt Stellung.

Mordkomplott eines frustrierten Mitarbeiters gegen den verhassten Chef? Eine geschmacklose Fantasie unter Freunden? Oder der Auswuchs einer kranken Seele? Vor dem Landgericht Stuttgart steht derzeit ein 47 Jahre alter Polizist aus Fellbach (Rems-Murr-Kreis), der einen mutmaßlichen Mafia-Unterstützer beauftragt haben soll, den eigenen Vorgesetzten anzugreifen. Der zweite Prozesstag zeigte auf, welche Folgen das Bekanntwerden dieses Sicherheitslecks hatte – und wie eng die Freundschaft zwischen dem mutmaßlichen Mafioso und dem Schutzmann aus Fellbach tatsächlich war.

 

Unter den Zeugen, die am Donnerstag aussagten, war auch das potenzielle Opfer, der Fellbacher Revierleiter Jan Kempe. Der Groll des 47-Jährigen gegen ihn fußt möglicherweise auf enttäuschten Karriereplänen. Kempe erinnerte sich an ein Gespräch zum 25-jährigen Dienstjubiläum des Polizeihauptmeisters, bei dem dieser anklingen ließ, jetzt sei es Zeit für eine Beförderung. Dabei habe er ihm gegenüber sehr selbstsicher „im Sessel gelümmelt“, obwohl er bisher eher mit einer „großen Klappe“ aufgefallen sei als mit überdurchschnittlichen Leistungen. Aus der Beförderung wurde nichts – was dem Schutzpolizisten offensichtlich nachging.

Polizist schlägt mutmaßlichem Mafioso „italienische Schuhe“ vor

Vor dem Stuttgarter Landgericht steht derzeit ein Polizist (Symbolfoto). Foto: picture alliance/dpa

Als dieser im April 2022 einen italienischen Freund am Telefon aufforderte, seinem verhassten Chef Kempe „ein paar italienische Killer“ vorbeizuschicken, die ihn „für ein Vierteljahr oder so ins Krankenhaus“ befördern sollten, schrillten allerdings einige Alarmglocken. Denn der Beamte war dank seiner regen Kontakte zu dem Italiener, der im Verdacht steht, ein hochrangiger Unterstützer der kalabrischen ’Ndrangheta zu sein, ins Visier von deutschen und italienischen Anti-Mafia-Ermittlern geraten.

Sie hörten jedes Wort mit. „Es stand sogar im Raum, das laufende internationale Ermittlungsverfahren zu stoppen“, so ein leitender Beamter. So ernst habe man die mutmaßlichen Überfallpläne des Polizisten genommen. Zumal der Polizist und der Italiener, die seit 20 Jahren eine sehr enge Freundschaft verbindet, das Thema mehrfach besprachen. Dennoch wurde damals entschieden, den Polizisten und die mutmaßliche Fellbacher Mafiagruppe weiter zu observieren und erst später zuzuschlagen.

Der Vorschlag zum Überfall war nicht der einzige heikle Punkt in den abgehörten Gesprächen. Als sein Freund vom Ärger mit seinem Ex-Schwager berichtete, empfahl der Polizist – wohl nur halb im Scherz – dem Mann „italienische Schuhe“ zu verpassen. Gemeint waren mutmaßlich Betonklötze. Woraufhin sein „fratello“ entgegnete, das sei „schon in Betracht gezogen worden“. Die Antwort des Polizisten: „Cool, das will ich mal miterleben.“

Ein mutmaßlicher Mafioso als Trauzeuge des Polizisten

Schon um das Jahr 2018 versuchte der mutmaßliche Mafioso, den der Ermittler nicht unbedingt als getauftes Mitglied der ’Ndrangheta, aber als Mitarbeiter mit weitreichenden Befugnissen einschätzte, seinem Freund und Helfer Informationen zu entlocken. Zuerst widersetzte sich der Beamte noch – irgendwann rief er aber ohne Gegenrede Infos aus den Polizeicomputern ab, wie Telefonate und IT-Protokolle ergaben.

Generell standen die beiden sich extrem nahe: Der heute 49-Jährige, den er einst bei einer Unfallaufnahme kennengelernt hatte, war Trauzeuge bei der Hochzeit des Beamten gewesen, die 2019 stattgefunden hatte. Eine Frau im Publikum des Prozesses verrät im Gespräch mit unserer Zeitung, als Gast bei der Hochzeit dabei gewesen zu sein – „es war eine echte Mafiahochzeit, wir haben uns gefragt, was da jetzt abgeht“, sagt sie. Die Geschenke für den Trauzeugen, aber auch den Caterer, den DJ und den Fotografen (alle italienische Landsleute): Polizeimützen. Sie liegen inzwischen, nach Hausdurchsuchungen im April 2025, als Asservate bei der Polizei.

Bereits im April 2022, nach dem Bekanntwerden des mutmaßlichen Komplotts gegen den Fellbacher Revierleiter Jan Kempe, wurde dieser nach Waiblingen zitiert, wo der Polizeipräsident Reiner Möller und mehrere Kripobeamte ihm das abgehörte Telefonat vorspielten. „Ich war schockiert“, erinnerte sich Kempe im Zeugenstand. Er habe sich wie im falschen Film gefühlt – und wurde damals unter ständigen, verdeckten Personenschutz gestellt. Da sein Mitarbeiter dem mutmaßlichen Mafioso auch seine Adresse und seine Gewohnheiten wie den üblichen Arbeitsweg mitgeteilt hatte, musste er auch seinen Alltag umkrempeln.

Gutachter: Der Polizist ist höchstens eingeschränkt schuldfähig

Welche Konsequenzen dem angeklagten 47-Jährigen nun drohen, ist aber noch unklar. Denn Professor Hermann Ebel, der vom Gericht bestellte psychiatrische Gutachter, geht bei ihm zweifellos von einer bipolaren affektiven Störung aus – auch als manische Depression bekannt. Die Telefonate mit dem mutmaßlichen Mafioso im Frühjahr 2022 fallen seiner Ansicht nach in eine manische Phase. Und auch das scheinbar überhebliche Verhalten gegenüber seinem Vorgesetzten sei geradezu stereotypisch für die seelische Erkrankung.

Die Vorwürfe gegen den Fellbacher Polizisten – sie lauten neben der versuchten Anstiftung zum Totschlag auch auf Verrat von Dienstgeheimnissen und auf Unterstützung einer kriminellen Vereinigung im Ausland – arbeitet das Gericht in zwei verschiedenen Verfahren auf. Das erste davon geht aller Voraussicht nach bereits am Montag, 12. Januar, zu Ende. Dann werden Verteidigung und Staatsanwaltschaft ihre Plädoyers halten und vermutlich auch das Urteil fällen.